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„Weniger stachelig“ ist das Buch nun, sagte Jan Philipp Reemtsma kürzlich im Deutschlandradio, weniger stachelig als sein Ruf. Schiebt man mal einen Moment lang alles beiseite, was man möglicherweise an Vorwissen zu „Zettel’s Traum“ oder zu Arno Schmidt besitzt. Muss dann dieses Bemühen um Rechtfertigung und Beschwichtigung nicht eigenartig anmuten? Mit dem Wissen um die Entstehung und die Rezeption und schließlich auch um die Arbeit an der Neuausgabe ist das natürlich nicht eigenartig, sondern erklärt sich selbst. Und nicht nur das, auch das Resultat des gesetzten Buches, also die leichtere Lesbarkeit gegenüber dem faksimilierten Typoskript scheint sofort einsehbar. Gute Nachrichten also, dienen sie doch der Vorstellung, der Zutritt zu einem bedeutendem Werk der Gegenwartsliteratur, würde fortan über eine niedrigere Schwelle erfolgen können. Weiterlesen

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Verstehe: Esel war unterbetont.
Unterbetont die Selbstvereselei, die bei einer doppelten Verzettelung durch Blog & Schmidt nicht ausbleiben wird. Glücklicherweise, mag man sagen, und schon scheinen zwei Lese- und Sprechverfahren einander verschärft nicht verstehen zu wollen. Codenachahmung ist nicht Idolatrie, sondern Arbeitsinstrument. Probeweise – und durchaus schlampig – in den Bau gehen. Etwas am eigenen Schreibleib fühlbar machen. Etwa: Was nützlich sein könnte an diesem „Projekt“, diesem fernen Kasten, dieser Herausgabe – und sei es als Spuk, Verleserei, Abschreckung, Gaukelei etc. Da kommt es nicht darauf an, originell zu sein, sondern gerade auch den dicken eselshufigen Spuren nachzugehen. Ist nicht erlaubt bei so viel Experten? Das ist ja schlimmer als je ein Schwimmkurs war. In die englische Maske des sonnendunklen Traums eines Traums gehört das schlechte Wortspiel unbedingt. Und wie sagt Puck zur Lesehaltung: now are frolic, not a mouse. Klar, dieses Zitat ist gefälscht gefälscht.

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„Schluß mit’m Schreiben!“ So Daniel Pagenstecher zu Paul Jacobi (S. 59). Woraus ist das die Konsequenz? Die Diagnose, erst zwar auf Poe gemünzt, dann aber schnell auf Pagenstecher zurückgespiegelt, lautet auf „mehr oder minder—geschickt zu Rate gehaltene Armut“ (S. 78) der Disposition zum Schreiben. Pagenstecher weiter:

Und ich meine jetzt noch gar nich ma so sehr die Obsessionen beziehungsweise ‚Vermeidungen‘, an den’n schließlich jéder Schaffende laborirt; und bei denen es sich um keine bloßen künstlerischen Unarten handelt; sondern um, konstitutionell bedingte, ipsissima verba; oder inappellable Reihenfolgen von Zwangsgebilden …

Schreiben, um mit dem Schreiben aufzuhören. Weiterlesen

PopSchmidt, Schluß; oder: Was hat ZT mit „Eve of Destruction“ zu tun?

In „Zettel’s Traum“ kommt alles entweder „irgendwie“ vor oder ist zumindest „irgendwie“ damit verknüpft (= verknüpfbar). Also:

Ganz am Ende, auf den Seiten 1492-93 (klingt wie die Entdeckung Amerikas) der Neuausgabe, wird rechts am Rand von zwanzig bis null runtergezählt, „Ignition“ und „Lift off“ könnte uns dazu einfallen, aber das hat Schmidt „einfach nur“ aus „Finnegans Wake“ geklaut, nämlich vom Ende jenes Kapitels, das Joyce dreispaltig angelegt hat. (Nö, Zufall ist das nicht.) Die Mittel- gleich Hauptkolumne endet mit einer geöffneten, aber nicht wieder geschlossenen Klammer: „(: ›Excellenz fliegn am ganzn Leibe!‹ . . .“; das ist, wie Schmidt-Veteranen natürlich wissen, ein Zitat aus Otto Nebels „Zuginsfeld“. Und zwischen diesem Nebelzitat und dem Countdown, in einer Zwischenspalte, steht eine weitere Klammer, diesmal eine geschlossene: „( : No wheel to my wagon. Still I’m rowling along. )“ Weiterlesen