Logbuch einer verweigerten Lektüre

Ab in die Wärme!, eine Freundin, Buchhändlerin F., ist via Zürich eben Richtung Thailand entflogen. Und du, du bist hier geblieben, in der Schneewüste, Appenzell, tiefste Schweiz, allein vor diesem Findling von Roman. „Zettel’s Traum“. Es gibt keine Ausrede mehr, keinen Weg um den Findling herum, jetzt, da das unförmige Ding als „richtiges“ Buch vorliegt.

Arno Schmidt hat sich deiner Leser-Biographie eingeprägt, damals, im Ost-Berlin der Achtziger – die wilden, zauberhaft egomanischen Prosastücke aus Schmidts Frühzeit. Von „Zettel’s Traum“, in der DDR nicht verlegt, raunten nur Experten. Deine erste Reise in den Westen führte Anfang 90 zu Schmidt, nach Bargfeld, in diese Kate mit Spitzdach, Mansarde, Veranda. Du schautest in einen Zettelkasten von „Zettel’s Traum“. Du hattest das Gefühl, vor einer einschüchternden Stadt zu stehen, Wolkenkratzer, Straßenschluchten, vor der Skyline eines Molochs. Du konntest später trefflich über diesen Moloch ZT sprechen, du mußtest ja nicht vordringen in die Romanstadt. Weiterlesen

hallo, roman! (warum ich schmidt kickte.)

Die zehn – satten, stillen, sonnigen – Tage Anfang Oktober, an denen ich täglich Arno Schmidt las und darüber schrieb, gehörten zu den schönsten (und entspanntesten) des Jahres: Ich habe diesem Autor, diesem Werk nicht viel zu sagen. Die Stimme / die Themen / die Poetologie sind weit, WEIT weg von allem, was mir wichtig ist, und “Zettel’s Traum” erschien mir als Geduldsspiel, Fleißaufgabe, Strafarbeit… ein Zeit-Vertreib im freud- und sinnlosesten Sinne.

Mache ich weiter? Hänge ich mich rein?

Reibe ich mich an diesem Kauz (und seinen Fans/Apologeten) noch eine Weile wund?

…die Frage stand sehr früh (und ziemlich lange) im Raum: Bin ich hier richtig? Soll ich noch weiter bloggen? Weiterlesen

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„und loses Blattwerk heißt hier soviel/wie welcher von zettels träumen“

schrieb Ginka Steinwachs 2002 in barnarella oder das herzkunstwerk in der flamme (Wien: Passagen). “heran heran wer lesen kann”. Friedhelm Rathjen hat darauf verwiesen, dass Zettel’s Traum in vielerlei Hinsicht ein Buch der 60er Jahre ist. Nun lese ich also wieder und lese kreuz und quer in die Zeit hinein, aber auch von dort aus hin zu unserer Gegenwart, mit der Frage, wie unmöglich oder produktiv oder beides solche Kontextualisierungen sind. Einige unvollständige Notizen, die sich fortsetzen lassen: Weiterlesen

Ist “Zettel’s Traum” ein “postmoderner” Roman?

Guido Graf fragt, was an “Zettel’s Traum” als “Bastelarbeit” so “schmerzlich” sei. Da steht eine Literatur-Kathedrale vor uns, aber irgendwie kommen wir immer nur in den Holzschuppen nebenan rein und dürfen ein bisschen an der Werkbank rumfummeln, andächtig die Werkzeuge betrachten. Und wer auch nur ein bisschen in dem Buch gelesen hat, muss wahrscheinlich auch schon wieder laut über den Satz lachen, den ich da jetzt hingeschrieben habe: Haha, da “steht” also der sakrale Buch-Phallus vor uns, und man macht an den Geschlechtswerkzeugen rum, wie witzig, wie “verräterisch”! Weiterlesen