hallo, twitter. ein denkzettelkasten.

 

Ich brauche einen grünen, dicken Leuchtstift, wenn ich lese. Pink und Orange gehen auch, doch Blau wird schwierig, das druckt durch – und Neongelb ist nutzlos, weil es unter Kunstlicht beinahe verschwindet: Man findet die Markierungen nur noch bei Tageslicht.

Bei gutem (oder fürchterlichem) Stil setze ich ein S an den Rand.

M steht für "Motiv". R für "real"/autobiografisch. P für Poetik.

FS ist "Foreshadowing" und Ü "Übersetzung".

Dazu gerne Smileys – frohe, wütende, schockierte und bedröppelte, mit Frage- und Ausrufezeichen.

Wie lange kann man ein Buch erinnern? Vier Jahre in Details? Zehn Jahre im Groben?

Aber nach 15 Jahren? Oder 20? Soll ich in meinem Leben vier Mal Proust lesen, damit ich sicher sein kann, niemals Charles Morel mit Robert de Saint-Loup zu verwechseln? Kann ich zu einem Stephen King-Roman von 1996 heute noch viel mehr sagen als "Ach doch – war gut" oder "Nein, nicht so toll"? Und in zwei bis drei Jahren – brauche ich dann eine 'Ehrenrunde' "Soloalbum", "Crazy", "Das Blütenstaubzimmer"? Literarische 'Nachsorge-Untersuchungen'? Eine Auffrischung, bevor ich zu viel Wesentliches vergessen habe – bis auf die vage Erinnerung, wie unterhaltsam oder öde die Lektüren jeweils waren?

Letzten August habe ich alle Filme, die ich sah, bei Criticker.com gespeichert – und keinen Tag zu früh: Mir sind 840 Filme eingefallen. Aber kenne ich "Liebesgrüße aus Moskau" oder "Der Spion, der mich liebte"? Habe ich "Godzilla und die Urweltraupen" gesehen, oder war das "Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn"? Ich weiß sicher, dass ich in der sechsten oder siebten Klasse "Sommersby" und "Herr der Gezeiten" sah – aber nur die pauschalsten Grundeindrücke sind geblieben: "langweilig", "kitschig", "gruselig", – die Stimmungen, die Emotionen.

Bauchgefühle.

Je kälter und abstrakter, sachlicher eine Geschichte abläuft, desto oberflächlicher bleibt meine ("die"? Gilt das für jeden? Oder liegt es an mir?) Erinnerung: Im Frühling 2008 (erst) las ich "Franziska Linkerhand" und "Mutmaßungen über Jakob". "Franziska" war schlechter geschrieben – aber emotional viel stärker aufgeladen: präzise Räume, klare Widerstände, Figuren "zum Mitgehen". Uwe Johnsons "Jakob" blieb ein verkopftes, schleppendes Durcheinander. Und selbst sehr gute, aber akademisch-trockene Bücher entfallen mir schneller: "Tupolew 134" von Antje Ravic Strubel. "Ein fremdes Land" von Ricarda Junge. Beides habe ich sehr gerne gelesen. Aber worum ging es nochmal?

Um die Erinnerung an jede Lektüre zu behalten – und meine Bücher an jedem PC, in jeder Stadt auflisten zu können -, stehen sie bei Goodreads.com auf 'virtuellen Regalen' (hier ein Artikel): 1425 Bücher. Davon 900 aus dem Ausland. 325 Comics. In diesem Jahr bisher 170. Alle Titel und Autoren, alle Daten und Lesereihenfolgen erinnert die Website für mich. Und alle Glanz- und Stolperstellen? Alle Wende-, Höhe-, Tiefpunkte? Details wie das Geburtsjahr des Helden, oder ob das Buch über zwei oder drei Sommer hinweg spielt?

Das steht am Rand. In grünem, dicken Leuchtstift. Gebraucht verkaufen kann ich meine Bücher nach nicht mehr, und auch nicht gut verleihen – weil eine große Pointe oft von weitem durch Smileys markiert ist. "Meschmarkern" nennt Freundin Jule dieses kleinteilige, krittelige, neongrüne Lesen, und sicher sehe ich in einem Café oder in einer Straßenbahn pedantisch und schülerhaft aus, den grünen Marker ständig in der Hand.

Aber es lohnt sich.

Und ganz besonders lohnt es sich bei Arno Schmidt.

Ich habe heute die ersten 60 Seiten von "Das steinerne Herz" gelesen. Auch, weil Jan Süselbeck zu meinem Eintrag gestern kommentierte: "Glückwunsch, das ist auf jeden Fall ein toller Einstieg, Schmidts "DDR-Roman" als erstes zu lesen." Es waren meine ersten Seiten Arno Schmidt, und der Grünstift hat geholfen – geholfen, die Details festzuhalten.

Der Ich-Erzähler, der sich 'Walter Eggers' nennt (wir werden sehen, ob das sein echter Name ist).

Das kleine Dorf in Niedersachsen, das Eggers 'Ahlden' nennt (wir werden googeln, ob das wirklich existiert).

Der unklare, geheime Plan des Ich-Erzähles. Seine seltsam gallige Wut. Und Schmidts Meta-Spielereien; ein dickes P und ein fröhlicher Smiley auf Seite 36, als 'Walter Eggers' zu "Don Quixote" erklärt:

"Dies wundersame Gemisch von Oberflächlichkeit und Tiefsinn. Cervantes' Fehler : daß er den Don immer bezahlen lässt : wie viel witziger wäre es gewesen, wenn Sancho Pansa der Reiche gewesen wäre ! (vgl. Schmidt, Pocahontas ; wir heute können den Quijote besser schreiben ! )."

Stimmt das? Ist "Seelandschaft mit Pocahontas" eine Quixote-Geschichte? Oder meint 'Eggers' das Allgemeine, im Sinne von: "Arno Schmidt ist ein Autor, der alte Geschichten 'besser' und 'witziger' schreibt? Stimmt das? Gehört das zu Schmidts Fragen, Themen, Poetik? Das Nach-Erzählen? Die Parodie? Zeitgemäße Arbeiten mit altem Stoff?

Und haben viele Schmidt-Romane solche Gast- und Cameo-Auftritte, Verknüpfungen? Ich werde das sehen, im Lauf der nächsten Wochen. Mein Smiley freut sich – aber er hat ein Fragezeichen nebenan: wohlwollende… Verwirrung.

Bei Facebook schrieb ich heute Nachmittag: "Huch! Arno Schmidt ist voll die Poesie- und Aphorismenschleuder! Kunst, Quatsch und Fundstücke ab jetzt auf Twitter, unter ArnoSchmidtWERK." Markiert sind die Passagen eh von mir, in grün, privat, und sie sind überraschend kurz und kontextfrei, alleinstehend, Twitter-tauglich: Kein Absatz in "Das steinerne Herz" ist länger 10 bis 12 Zeilen. Viele sind kürzer. Und beinahe jede Frage, jedes Bild, jeden neuen Gedanken zeigt Schmidt in einem kleinen, wie allein stehenden Polaroid, keine zwei Atemzüge lang.

Gedankenkrümel. Zwischenrufe. Stakkato-Bilder. Verzettelungen.

Ein Roman, der sich liest, wie aus Notizbuch-Sentenzen montiert.

Oder vielleicht, ganz praktisch, in Zwanzig-Minuten-Blöcken geschrieben: zwei bis drei hochpointierte, schmissige Sätze weit. Und dann doch wieder raus, die Ziegen melken. Oder Rauchen. Oder was man da halt so machte – in den Fünfzigern, auf dem Land, als kinderloser Schriftsteller.

Zu Twitter jedenfalls passt das sehr gut.

Und zu Leuchtstiften eh!

Kommentare
  • Giesbert Damaschke 2. Oktober 2010 at 22:20

    Sehr schön. Da weise ich doch mal rasch auf den von mir betreuten Account @Arno_Schmidt hin (der wegen anderer Dinge derzeit etwas ruht, passt ja ;-))

  • Jan Sueselbeck 3. Oktober 2010 at 05:50

    Ja, Ahlden gibt es wie gesagt "wirklich". Aber bitte dringend beachten, was ich in meinem Blog-Beitrag "Erinnerung, sprich (II)" dazu unter dem Stichwort "Ahldener Adresse" verlinkt habe. Damit dieser wichtige Hinweis nicht ganz so versteckt bleibt, habe ich ihn nunmehr auch noch einmal 'verschlagwortet'.
    Herzlich,
    Jan Süselbeck

  • Klaus 3. Oktober 2010 at 14:19

    Juhu, Twitter! Dann kann ich auch behaupten, dieses Projekt hier zu verfolgen.
     
    Wird auch auf Twitter angezeigt werden, wenn hier jemand einen neuen Blogeintrag schreibt?

  • Stefan Mesch 3. Oktober 2010 at 15:33

    @Klaus: Nicht über den ArnoSchmidtWERK-Account, nein.
    Aber man kann Updates als RSS-Feed abonnieren, glaube ich: http://www.schauerfeld.de/?feed=comments-rss – auf Seiten wie "MyGoogle" und "Pageflakes" werden dann alle Updates angezeigt.

  • Guido Graf 3. Oktober 2010 at 16:05

    doch, doch, Klaus, sollte jetzt eigentlich gehen

  • Stefan Mesch 3. Oktober 2010 at 16:43

    ja, rechts außen, "follow":
    Facebook, RSS, Twitter. Schön, schön!