Milk’s a queer arrangement

Auch ich bin einst an der Hand eines freundlich bevormundenden Reader's Guide durch "Finnegans Wake" (übrigens lustig: da, wo bei Joyce kein Apostroph steht, steht bei Schmidt einer… "Zettel's Traum") marschiert und habe mich dennoch nicht ausgekannt, ein Kapitel nach dem anderen zog vorüber und kaum irgendetwas blieb in mir hängen – bis zum X. Kapitel. Da habe ich die Hand des Guides loslassen können und bin allein weitergegangen. Wow, ich verstehe Finnegans Wake!, habe ich gedacht, bis das Kapitel aus war – ab da war alles wieder beim alten, unverständlich und unendlich kompliziert und unfair und und und. 

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schreiben 2

Schreiben ist Arbeit, ist Dienst und Fron. Das Werk als megalomanes Grab. Ein buchstabiles Gegengewicht zur verlorenen Lebenszeit, die Brotberuf und Krieg für Arno Schmidt im nachhinein bedeuteten. Doch diese Hoffnung ist nur ein Witz. Dazu ist der Schacht zu tief, der Zwang zu deutlich. Wie durchsichtig das im Schreiben wird, ist zugleich der Zugang für die Lektüre.

Am 20. Januar 1967 schreib Arno Schmidt in einem Brief an Hans Wollschläger:

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Arno Schmidt und der Rassismus. Und der Sexismus. Und. Und. Und

„Zettel’s Traum“ gibt Bilder von den Bewegungen des Geistes.
Der Geist ist unser Denken und unser Fühlen. Vor allem ist er unser Fühlen. Unser denkendes Fühlen. Also unsere Gier. Unsere Begierden. Unser Neid. Unsere Mißgunst. Unser Abscheu. Unsere Angst. Unsere Schwermut. Unsere Vorurteile.
Viel seltener ist unser denkendes Fühlen Leichtigkeit. Frohmut. Zuneigung. Gelassenheit. Genügsamkeit.
Und dieser Geist. Dieses denkende Fühlen ändert sich unablässig. Sogar wenn es sich festgefressen hat in der Schwermut womöglich ändert es sich unablässig.
In „Zettel’s Traum“ nun ist dieses unablässige Denken und Fühlen des Geistes in Worte und Zeichen gesetzt. Die Bewegungen des Geistes überlappen sich. Verzweigen sich. Verengen sich. Weiten sich. Und strömen unablässig weiter.

Zu den Bewegungen unseres Geistes gehört so manche Gehässigkeit Gemeinheit Bösartigkeit. Wir sprechen sie nicht unbedingt aus. Wir strahlen sie vielleicht nur aus.
Bei Arno Schmidt nun gibt es gehässige gemeine böse Sätze. Und schmerzhaft entblößende Sätze. Aber so ist unser Geist. So ist unser denkendes Fühlen.
Worüber könnten wir uns empören.

Der große Dichter-Priester auf der Buchmesse

Wer wäre in der Gegenwartsliteratur als astreiner Prototyp jener Schriftsteller zu benennen, die Arno Schmidt in "Zettel's Traum" als "Dichter-Priester" (DP) so ausführlich vorführt? Das sind laut Daniel Pagenstecher jene Autoren, die mit dem "Zweiten Gesicht" kokettieren und in ihren Texten voller "gezierten Bombasts" und antimoderner Ressentiments auf die poetische "Intuition" schwören. Also auf etwas, das laut Pagenstecher "überwunden werden sollte" als "1 der niederen Stufen dumpf=unbewußter Fuscherei". Und zwar deshalb, weil diese Herren den Geist am allerliebsten ganz aufgeben und nur noch "automatisch schreiben" wollten, da "der echte Genius ja nicht wissen dürfe, wie die Einfälle" in ihrem "bißchen Schädel entstehen" (Typoskript-Ausgabe, Seite 16).

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Rassismus bei Arno Schmidt

Andreas Platthaus und Stefan Mesch sind in ihren letzten Diskussions-Beiträgen auf einer wichtigen Spur. Sexismus, reaktionäre Stammtischparolen und rassistische Ausfälle begegnen dem Leser bei Schmidt, als verstörende Tiraden neben gewissermaßen 'antideutschen' Statements gegen die nationale Politik von Adenauer & Co., wie ich sie in meinem letzten Posting bereits anzitierte, auf Schritt und Tritt. "Hat sich die Schmidt-Philologie dieser Peinlichkeit angenommen?", fragt Platthaus herausfordernd. Selbstverständlich hatte sie bereits zu Schmidts Lebzeiten daran zu 'knacken', wie es etwa auch die ersten "ZT"-Lektüre-Notizen von Jörg Drews belegen, die wie gesagt im kommenden "Bargfelder Boten" (BB) in Auszügen nachzulesen sein werden, in den mich Rathjen netterweise schon einmal hineinlinsen ließ.

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Ach, die verderbte Jugend!

Stimmt, da gab es diesen Zettel 137 in der Originalausgabe, der mich damals schon aufgeregt hatte. Arno Schmidt, dieser literarische Revolutionär und produktionsästhetische Reaktionär, greift zum guten Ende des i. Buchs noch einmal tief in die Kiste seiner Vorurteile und läßt den Herrn Daniel Pagenstecher auf die arme sechzehnjährige Franziska Jacobi einteufeln, als wollte er sie etwas fürs Leben lehren (und genau das will er ja auch): „Jaleider Franziska. – Es ist Mir, (ebemso wie allen (& sei es nur etwas) Schau= und Denk=Fähijen), nicht unbekannt, daß bei Jugendlichen die Mentalität des – wie sagt Ihr, wenn Ihr unter Euch seid? – des ‚gammelns’? –“ / (Sie nikköpfte eifrig:!) / – „verbreitet ist & und immer noch zunimmt.“ Und so fort über – wie man dank des Zeilenzählers in der Studienausgabe von „Zettel’s Traum“ feststellen kann – noch sage und schreibe weitere vierzig Zeilen (vierzig ZT-Zeilen!). Da nahm der gute Schmidt, der sich die ganzen sechziger Jahre lang bei der Fron an seinem Hauptwerk abgeplagt hatte, kein Blatt vor dem Mund: Gammeln, das war für ihn das Schlimmste, was man sich so denken kann. Bis in die Preisrede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, den Schmidt 1973, also drei Jahre nach Erscheinen von „Zettel’s Traum“, erhielt, zieht sich dieses Gezeter gegen die verdorben-faulenzende Jugend. Und klar, daß ein nimmermüde Schuftender wie Schmidt auch keine Zeit hatte, den Preis persönlich abzuholen. Gattin Alice mußte seine Philippika vortragen und das Geld entgegennehmen.

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