Laune

Heute will ich nur Gutes an „Zettels Traum“ finden. Das hängt mit den äußeren Umständen zusammen, in denen ich das Buch habe. Vor einigen Tagen war ich mit Kerstin Cmelka unterwegs, und sie stand Schmiere bei meinem Rad, während ich in der Schlange war. (Was las ich denn in der Schlange? Auch das war schon gut, wenn ich mich recht erinnere. Es war Eugen Onegin, Reclam, übersetzt in unregelmäßigen Versen von Kai Borowski, und zwar reizend und angemessen.) Mit dem Paket auf dem Gepäckträger gab es noch Ausflug, wir gingen ins Rumbalotte Continua, ausprobieren, ob, wo der Papenfuß arbeitet, auch andere arbeiten können, und sie können, und dann hatten sie Feierabend, und dann gingen sie nach Hause. Große Spannung ging von der Frage des Paketinhalts aus, es hätte nämlich auch das verlorengegangene Paket meiner eigenen Bücher sein können, wars aber nicht. Dann hats der Apunkt mir geholfen, alle Möbel umzuräumen, und hats Schmidtbuch aus der Folie gelöffelt, um freies Atmen zu ermöglichen. Nun eben hab ich den Kartonschuber mit einer Hand genommen (die Spanne und Kraft reichen gerade so aus, er ist für seine Größe leicht, hätte auch viel schwerer sein können; nach ein paar Metern ists zum Glück zum Absetzen) und vor mich hingestellt. Seh ich also die Rücken. Sie sehen aus wie die Rücken von Magersüchtigen.

Weiterlesen

Es lebe der Fehler!

Da sind sie nun also, die vier neu gesetzten Teilbände von ZETTEL’S TRAUM! Ich bewundere die Arbeit, die da reingesteckt wurde, und die typographische Kompetenz, die dabei an den Tag gelegt wurde. Gleichzeitig frage ich mich: Geht dabei nicht auch Entscheidendes verloren? Ich bin eingestandenermaßen ja ein Freund des faksimilierten Typoskripts, und zwar gerade weil dieses all die scheinbaren ‚Fehler‘ enthält, die Schmidt auf dem Papier hinterlassen, oft genug allerdings auch gerade zum Einsatzpunkt seiner Poetik gemacht hat: Streichungen, die Schmidt etwa zum Anlass für ein Wortspiel nimmt, Vertipper, die eine Kaskade von Wortwitzen erzeugen, die ganz offenbar im letztlich sichtbar gemachten bzw. gebliebenen Prozess entwickelt werden.

Weiterlesen

Hiobisiert

Als ich Stefan erzähle, richtiger: beichte, dass mittlerweile auch ich … , verfinstert sich sein Gesicht. Er schiebt seine Baseball-Kappe aus der Stirn, setzt sich aufs Fensterbrett und starrt ohne ein Wort zu sagen geraume Zeit in die Nacht, als beziehe seine Miene von dort zusätzlich Finsternis. Später eröffnet er mir bei einer Tasse löslichen Kaffees, dass er Arno Schmidts Werken zum ersten Mal bei seinem Eintritt ins Innsbrucker Oberstufenrealgymnasium begegnet sei.

Weiterlesen

„Wie fang ich nach der Regel an?“

"Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.

Gedenkt des schönen Traums am Morgen:

fürs Andre laßt den Schmidt nur sorgen."

Hans Sachs bei Wagner, Meistersinger, III.

 

Die Frage ist wirklich, wie fang ich an. Sie ist um so freier, als ich noch gar das Bücherl nicht habe. Das liegt bei Suhrkamp am Empfang. Ich gehöre zu den wenigen, die den Umzug nach Berlin, zwar auch schon deshalb, aber sowieso für angemessen halten. Und für pfiffig, unternehmenspolitisch gesehen. Was die Talare anbelangt, so darf der Staub in Frankfurt bleiben. Jedenfalls habe ich auf dem Fahrrad einen Einkaufskorb, der das Broschürchen auch faßt.

Weiterlesen

Muh=Muh=MuxjánichDu!

Schau, die Anna macht Muh=Muh.

Also, zuerst kommen natürlich der Herr König, dick umstickt von einem Harem x-chen, dann vorerst letzte Religionsleute, fangen sich einen Fisch oder verzehren die letzten Pärchen irgend einer Art, und dann vögeln sich alle von hinten und vorne durch ihre Annas und die Jahrtausende.

Das war ja vielleicht ECHT WICHTIG, das zu sagen, damals. Dass sich letztlich alle nur durch ihre paar Jahre vögeln, und weiter nichts. Kann ich mir zwar nicht vorstellen jetzt, aber mag ja so gewesen sein.

Und „unsere“ Anna macht Muh=Muh.

Weiterlesen

Zettel & ich — Beim Arzt (HNO)

Gestern morgen aufgewacht mit Geräusch im Ohr. Oszillierende Satzzeichen. So was halt. Zum HNO gegangen.

Freitag und natürlich kein Termin. Wartezimmer proppenvoll. Zettel’s Traum komplett im Schuber auf das Tischchen in der Mitte des Raumes, auf die Galas und das Neue Deutschland gelegt. Danach so getan als ob ich schliefe. Ziemliche Unruhe bei den Patienten. Aber keiner traute sich den Zettel runter zu nehmen. Tss, tss – immer diese Ehrfurcht vor dem Schmidt!

Hinten rum haben die sich natürlich beschwert bei der Schwester. Gedrängelt, dass ich schnell untersucht werde. Zettel sei dank.

Arzt entdeckte dann tatsächlich Semikolon im Mittelohr. „Nischt schlimmet“ meinte er, soll nur eine Woche lang nix mehr aus dem Zettel deklamieren.

Norbert Zähringer, 1967 in Stuttgart geboren, wuchs in Wiesbaden auf. 2001 erschien sein Roman “So”. 2006 veröffentlichte er “Als ich schlief”, 2009 folgte sein dritter Roman “Einer von vielen”. Norbert Zähringer lebt mit seiner Familie in Berlin.