Pagenstecher als „nicht zu Ende geborener Mann“

Das „Campus horrorum“ als ein „Feld der Zeichen“ zu beschreiben, ist sicher erhellend. Es klingt aber auch nach dem etwas aus der Mode gekommenen, poststrukturalistischen Jargon. Deutungen in diesem Stil führten oft dazu, die zeitgeschichtlichen Anspielungen von Texten zu ignorieren. Doch gerade in diesem Sinne sind die letzten Beobachtungen von Guido Graf und Friedhelm Rathjen so wichtig: Die Stacheldraht- und Kriegsgefangenschafts-Motivik spielt seit dem Prosaband „Kühe in Halbtrauer“ in der Tat eine auffallende Rolle bei Schmidt, und dass „Zettel’s Traum“ ausgerechnet mit dem typografischen Symbolbild des Stacheldrahts einsetzt, durch den wir als Leser gewissermaßen in Pagenstechers unendliche, selbst auferlegte Kriegsgefangenschaft mit eintreten sollen, ist wohl wirklich kein Zufall. Weiterlesen

Die Geburt Arno Schmidts aus dem Geist der Vergangenheit

„Die Moderne hat dem Menschen das Recht erkämpft, sich auszukotzen“, hat Davila gesagt. Ich nutze meine Rechte. Mein Hausgott ist gestürzt. Nicht nur die Treppe runter, das wäre bei sechs Kilo Buch schon genug, nein ganz, aus der Anbetbarkeit herausgefallen. Da habe ich also seit zwei Wochen ZT durch die Gegend gewuchtet, jetzt endlich fi/rte/letiert und den ersten Band der Studienausgabe zuhause hingelegt, einen Platz gesucht zum Lesen, Sofa besetzt, liegt schwangere Frau, Tisch ist unbequem, extra am Morgen raus, um sieben, wenn der Kopf noch frisch ist und nicht durch Nachrichten und Zeitung verklebt. Und dann zwischen den Stacheldrähten der ersten Seite durchgeschlüpft, nur ein bisschen eingelesen – also, tut mir ja leid.

Ich wäre gerne Fan von sowas, ich möchte wirklich wieder Teil einer Geistesbewegung sein – aber das hier ist schon arg geschmacksnervenaufreibend und was für die, die ihre intellektuellen Initiationsriten jetzt gerne leinengebunden zuhause stehen haben wollen. Vielleicht ist das ja die Sorte Mann, die man in weniger belesenen Kreisen als die kennt, die mit 40 endlich ihr Traummotorrad kaufen, und die jetzt den Rolling Stones von Konzert zu Konzert hinterherreisen. Weiterlesen

Zettel & ich — Beim Arzt (HNO)

Gestern morgen aufgewacht mit Geräusch im Ohr. Oszillierende Satzzeichen. So was halt. Zum HNO gegangen.

Freitag und natürlich kein Termin. Wartezimmer proppenvoll. Zettel’s Traum komplett im Schuber auf das Tischchen in der Mitte des Raumes, auf die Galas und das Neue Deutschland gelegt. Danach so getan als ob ich schliefe. Ziemliche Unruhe bei den Patienten. Aber keiner traute sich den Zettel runter zu nehmen. Tss, tss – immer diese Ehrfurcht vor dem Schmidt!

Hinten rum haben die sich natürlich beschwert bei der Schwester. Gedrängelt, dass ich schnell untersucht werde. Zettel sei dank.

Arzt entdeckte dann tatsächlich Semikolon im Mittelohr. „Nischt schlimmet“ meinte er, soll nur eine Woche lang nix mehr aus dem Zettel deklamieren.

Norbert Zähringer, 1967 in Stuttgart geboren, wuchs in Wiesbaden auf. 2001 erschien sein Roman “So”. 2006 veröffentlichte er “Als ich schlief”, 2009 folgte sein dritter Roman “Einer von vielen”. Norbert Zähringer lebt mit seiner Familie in Berlin.

schreiben 2

Schreiben ist Arbeit, ist Dienst und Fron. Das Werk als megalomanes Grab. Ein buchstabiles Gegengewicht zur verlorenen Lebenszeit, die Brotberuf und Krieg für Arno Schmidt im nachhinein bedeuteten. Doch diese Hoffnung ist nur ein Witz. Dazu ist der Schacht zu tief, der Zwang zu deutlich. Wie durchsichtig das im Schreiben wird, ist zugleich der Zugang für die Lektüre.

Am 20. Januar 1967 schreib Arno Schmidt in einem Brief an Hans Wollschläger:

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Rassismus bei Arno Schmidt

Andreas Platthaus und Stefan Mesch sind in ihren letzten Diskussions-Beiträgen auf einer wichtigen Spur. Sexismus, reaktionäre Stammtischparolen und rassistische Ausfälle begegnen dem Leser bei Schmidt, als verstörende Tiraden neben gewissermaßen 'antideutschen' Statements gegen die nationale Politik von Adenauer & Co., wie ich sie in meinem letzten Posting bereits anzitierte, auf Schritt und Tritt. "Hat sich die Schmidt-Philologie dieser Peinlichkeit angenommen?", fragt Platthaus herausfordernd. Selbstverständlich hatte sie bereits zu Schmidts Lebzeiten daran zu 'knacken', wie es etwa auch die ersten "ZT"-Lektüre-Notizen von Jörg Drews belegen, die wie gesagt im kommenden "Bargfelder Boten" (BB) in Auszügen nachzulesen sein werden, in den mich Rathjen netterweise schon einmal hineinlinsen ließ.

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Ach, die verderbte Jugend!

Stimmt, da gab es diesen Zettel 137 in der Originalausgabe, der mich damals schon aufgeregt hatte. Arno Schmidt, dieser literarische Revolutionär und produktionsästhetische Reaktionär, greift zum guten Ende des i. Buchs noch einmal tief in die Kiste seiner Vorurteile und läßt den Herrn Daniel Pagenstecher auf die arme sechzehnjährige Franziska Jacobi einteufeln, als wollte er sie etwas fürs Leben lehren (und genau das will er ja auch): „Jaleider Franziska. – Es ist Mir, (ebemso wie allen (& sei es nur etwas) Schau= und Denk=Fähijen), nicht unbekannt, daß bei Jugendlichen die Mentalität des – wie sagt Ihr, wenn Ihr unter Euch seid? – des ‚gammelns’? –“ / (Sie nikköpfte eifrig:!) / – „verbreitet ist & und immer noch zunimmt.“ Und so fort über – wie man dank des Zeilenzählers in der Studienausgabe von „Zettel’s Traum“ feststellen kann – noch sage und schreibe weitere vierzig Zeilen (vierzig ZT-Zeilen!). Da nahm der gute Schmidt, der sich die ganzen sechziger Jahre lang bei der Fron an seinem Hauptwerk abgeplagt hatte, kein Blatt vor dem Mund: Gammeln, das war für ihn das Schlimmste, was man sich so denken kann. Bis in die Preisrede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, den Schmidt 1973, also drei Jahre nach Erscheinen von „Zettel’s Traum“, erhielt, zieht sich dieses Gezeter gegen die verdorben-faulenzende Jugend. Und klar, daß ein nimmermüde Schuftender wie Schmidt auch keine Zeit hatte, den Preis persönlich abzuholen. Gattin Alice mußte seine Philippika vortragen und das Geld entgegennehmen.

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