Pagenstecher als „nicht zu Ende geborener Mann“

Das „Campus horrorum“ als ein „Feld der Zeichen“ zu beschreiben, ist sicher erhellend. Es klingt aber auch nach dem etwas aus der Mode gekommenen, poststrukturalistischen Jargon. Deutungen in diesem Stil führten oft dazu, die zeitgeschichtlichen Anspielungen von Texten zu ignorieren. Doch gerade in diesem Sinne sind die letzten Beobachtungen von Guido Graf und Friedhelm Rathjen so wichtig: Die Stacheldraht- und Kriegsgefangenschafts-Motivik spielt seit dem Prosaband „Kühe in Halbtrauer“ in der Tat eine auffallende Rolle bei Schmidt, und dass „Zettel’s Traum“ ausgerechnet mit dem typografischen Symbolbild des Stacheldrahts einsetzt, durch den wir als Leser gewissermaßen in Pagenstechers unendliche, selbst auferlegte Kriegsgefangenschaft mit eintreten sollen, ist wohl wirklich kein Zufall. Weiterlesen

Zitat des Abends

„Ein Kunstwerk, das man nur 1 Mal zu sehen=hören braucht, um es erschöpfend erfaßt zu habm : das wäre kein KunstWerk ! –

(Nebenbei ein kurzer Stellenvergleich: ZT 112 im Typoskript, 113 in der neuen Ausgabe; Forssman hat die Unterstreichungen getilgt und stattdessen Kursivierungen verwendet, so wie hier wiedergegeben.)

ZT habe ich vor 40 Jahren gelesen…

ZT habe ich vor 40 Jahren gelesen, liegend, jedesmal den Beginn und das Ende der Lesezeit mit hauchzartem Bleistift vermerkend. Und den BB habe ich noch immer abonniert. In den vier Jahrzehnten sind gewaltige Romanweltreiche zu meiner Lesebiographie hinzugekommen. Um nur die (in alphabetischer Reihenfolge) zu nennen, die für mich noch heute Maßstäbe setzen: Roberto Bolano, (Jorge Luis Borges, dessen Werk sich zu den großen Romanen verhält wie die negative Theologie zur „positiven“), Heimito von Doderer, Albert Paris Gütersloh, A.F.Th. van der Heijden, (jetzt gerade Haruki Murakami mit „1Q84“), Vladimir Nabokov, Wolf von Niebelschütz, Thomas Pynchon, Albert Vigoleis Thelen – von den Klassikern ganz zu schweigen. Da fällt es mir nicht leicht, abermals wieder die roten Ohren zu bekommen. Und dann ist da plötzlich doch etwas da, schon auf der zweiten Seite des „Schauerfeldes“: „Kühe & Wolken: Sinnbilder voneinander“. Sinnbilder mithin, nicht einfach nur klecksographische Parodien, sondern: Embleme! Auf solche nanopoetischen In(ter)ventionen beginne ich mich zu freuen.

Hermann Wallmann, geboren 1948 in Rheine/Westfalen; Studium der Germanistik, Theologie  und Erziehungswissenschaft in Münster. Seit 1974 Gymnasiallehrer in Münster-Wolbeck. Literaturkritiken, Aufsätze. Seit 1998 Mitglied im P.E.N. Zentrum Deutschland.

Die Geburt Arno Schmidts aus dem Geist der Vergangenheit

„Die Moderne hat dem Menschen das Recht erkämpft, sich auszukotzen“, hat Davila gesagt. Ich nutze meine Rechte. Mein Hausgott ist gestürzt. Nicht nur die Treppe runter, das wäre bei sechs Kilo Buch schon genug, nein ganz, aus der Anbetbarkeit herausgefallen. Da habe ich also seit zwei Wochen ZT durch die Gegend gewuchtet, jetzt endlich fi/rte/letiert und den ersten Band der Studienausgabe zuhause hingelegt, einen Platz gesucht zum Lesen, Sofa besetzt, liegt schwangere Frau, Tisch ist unbequem, extra am Morgen raus, um sieben, wenn der Kopf noch frisch ist und nicht durch Nachrichten und Zeitung verklebt. Und dann zwischen den Stacheldrähten der ersten Seite durchgeschlüpft, nur ein bisschen eingelesen – also, tut mir ja leid.

Ich wäre gerne Fan von sowas, ich möchte wirklich wieder Teil einer Geistesbewegung sein – aber das hier ist schon arg geschmacksnervenaufreibend und was für die, die ihre intellektuellen Initiationsriten jetzt gerne leinengebunden zuhause stehen haben wollen. Vielleicht ist das ja die Sorte Mann, die man in weniger belesenen Kreisen als die kennt, die mit 40 endlich ihr Traummotorrad kaufen, und die jetzt den Rolling Stones von Konzert zu Konzert hinterherreisen. Weiterlesen