Logbuch einer verweigerten Lektüre

Ab in die Wärme!, eine Freundin, Buchhändlerin F., ist via Zürich eben Richtung Thailand entflogen. Und du, du bist hier geblieben, in der Schneewüste, Appenzell, tiefste Schweiz, allein vor diesem Findling von Roman. „Zettel’s Traum“. Es gibt keine Ausrede mehr, keinen Weg um den Findling herum, jetzt, da das unförmige Ding als „richtiges“ Buch vorliegt.

Arno Schmidt hat sich deiner Leser-Biographie eingeprägt, damals, im Ost-Berlin der Achtziger – die wilden, zauberhaft egomanischen Prosastücke aus Schmidts Frühzeit. Von „Zettel’s Traum“, in der DDR nicht verlegt, raunten nur Experten. Deine erste Reise in den Westen führte Anfang 90 zu Schmidt, nach Bargfeld, in diese Kate mit Spitzdach, Mansarde, Veranda. Du schautest in einen Zettelkasten von „Zettel’s Traum“. Du hattest das Gefühl, vor einer einschüchternden Stadt zu stehen, Wolkenkratzer, Straßenschluchten, vor der Skyline eines Molochs. Du konntest später trefflich über diesen Moloch ZT sprechen, du mußtest ja nicht vordringen in die Romanstadt.

Nun hast du das Buch, nun kommen die Fragen: Bist du, Leser, dem „prägenden“ Autor gegenüber tributpflichtig, mußt du alles von ihm lesen? Und muß dir dieser Traum nahegehen? Der fiktive Spaziergang über ein winziges Stück Brache … Die Konversation zwischen Gastgeber Dän und seinen Gästen, dem Ehepaar mit reizendem Töchterlein, Franziska … Der mal gelehrte, mal vulgäre Austausch über die (vermuteten) Abgründe in Vita und Werk des famosen Edgar Poe … Das Techtelmechtel zwischen dem schon angejahrten Dän Kann-bald-nicht-mehr und jenem Fräulein Franziska (Will-unbedingt-und-zwar-sofort) … Das Gehasche nach Etyms, diese Passion, die aus fast jedem Begriff ein Schlachtfeld unterdrückter Triebe macht …

Ein Bekannter – Schweizer, jung, dynamisch, angehender Journalist – kam dir kürzlich mit der Idee, angejahrte Glanzstücke heimischer Prosa in „modernes Deutsch“ zu übersetzen. Für die Jugend, für ihn und seinesgleichen. Er dachte an Max Frisch, den kannte er vom Namen; von Schmidt hatte er nie gehört. Du überlegst: Wie wohl ZT ins Hier und Jetzt zu übertragen wäre, mundgerecht, jugendgerecht? Vor der Transformation stünde indes die Lektüre …

Du könntest dich einschließen mit dem Buch, Hingabe verlangt Askese. Ein Selbstversuch, drei Tage lang. Als Proviant, um IHM nahe zu sein, Linsensuppe oder Stampfkartoffeln mit Frikadellen (der Berliner übersetzt: Quetschkartoffeln und Buletten), zur Aufmunterung SEINE Drogen, Schnaps und Nescafé. Gleich machst du ernst, du liest:

Nebel schelmenzünftich. 1 erster DianenSchlag; (LerchenPrikkel). Gestier von Jung-Stieren.

Schon bist du in Schmidts Reich, vergiß das Appenzell!, du magst die Ödnis, die leeren Wege über leeres Land; läßt sich doch gut an, die Lektüre. „Pling“, das Handy, eine SMS vom Ende der Welt. Die Buchhändlerin, aus Thailand: „lieber u., tropisch ist’s; lähmt einen beinahe. überwältigend üppig die vegetation. ein platzregen aus dem nichts, das meerwasser warm wie in der wanne. wunderbares spiel von licht und schatten. und bei dir? herzlichst, f.“ Bei dir? Liegen Dreitausender vor dem Fenster, Felskegel, verharscht, und auf dem Tisch liegt dieser Felsblock von Buch:

Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus.

Hmm!? Wär’s schon Zeit für Schnaps plus Nescafé? „Pling“, das Handy: „mit dem minibus unterwegs ins hinterland der thai; aus platzgründen 14 1/2 kilo kind – schweissnass und schlafschwer – im arm.“ Du siehst Schmidts Schauerfeld, Moorflächen, rachitische Birken, dahinter Palmen im Sand und im Sand eine verlockende Frau, F. „nachmittags am strand; tattoos und fleischwülste. paare, die knutschend und klammernd ihr glück zur schau stellen. und immer wieder euro-asische zweckverbindungen, deren anblick mir gänsehaut macht.“

Knutschende Speckbäuchler? Brr!, tippst du nach Thailand. Dazu eine Schmidt-Sentenz. Und wo Menschen in Scharen auftraten, immer den Rücken gedreht. „Pling“, anderntags: „zurück vom schnorcheln nahe der burmesischen grenze. enttäuscht. alle korallen sind hin. arno schmidt sagt mir nur vom namen her was; ein autor und kein formel-1-fahrer. und: ein sehr, sehr kauziger kunde hat von ihm geschwärmt. neugierig blickend, die buchändlerin in mir.“

Nach ein paar „Zettel“-Sätzen stockt die Lektüre. Immer wieder. Der Text zieht sich, es dauert, bis die Romanze Dän-Fränzi Form annimmt.

»Jetz ! –« (versetzDe der GlocknRock nebm Mir : – (präziser die Bluse von schlankstim Ausschnitt, satinisch ainzuschau’n. Der RotMund voller SchneideZähne (aber unlächlnd).

Du tagträumst von Fränzi, von F., der flüchtigen Freundin, und da ist sie, „pling“, sie entführt dich aus Schweizer und Schmidtscher Wüstenei in einen nie gesehenen Landstrich zwischen Khao Lak und Krabi, zu Ananas, Papaya, dampfenden Wäldern. „dann krabi – laut, dreckig, grau, stinkig. in der ferne die rufe des muezzins zum nachmittagsgebet, etwas irritierend. ein sonnengruss, f.“ Ach so, Schmidt!, ihr fällt noch was ein: „der kunde im buchladen hatte einen tick; selbst bei sommerhitze trug er regenmantel und hut, und er führte selbstgespräche. was hat es denn mit schmidt auf sich?“ Du weiß es nicht, du willst kein kauziger Kunde sein. Flüchtig denkst du an eine Möglichkeit, Schmidts Monster-Traum ins Hier und Jetzt zu transportieren: per SMS, über Thailand, in Portionen à 200 Zeichen.

Und dann machst du Schluß mit ZT. Du magst nicht Monate deines kurzen Leserlebens auf einen einzigen Roman verwenden. Du magst nicht zulassen, daß dieser Block von Buch dir den Weg zu Schmidt versperrt. Kehr um!, in „Brand’s Haide“ oder in die liebliche „Seelandschaft mit Pocahontas“. „Pling“, ein letztes Mal: „du solltest den sternenhimmel hier sehen, lieber, ferner u.! es ist stockdunkel, kein licht weit und breit; die grillen zirpen, die frösche quaken, irgendwo bellt ein hund.“ Nanu? So finden Schmidtland, Thailand und das Appenzellerland plötzlich zueinander. Schauerfeld ist überall.

Kommentare
  • Friedhelm Rathjen 31. Dezember 2010 at 18:06

    Es ist ganz gut, sich ab und zu dran zu erinnern, daß die Lektüre von Literatur idealerweise freiwillig geschieht; wer’s als Pflicht begreift, hat schon verloren. Ich jedenfalls bin niemandem gram, der ZT (oder Arno Schmidt überhaupt; oder Literatur überhaupt) nicht lesen mag und deswegen nicht liest. Wäre vielleicht ein schöner Vorsatz für 2011: nur noch zu lesen, was man lesen will. Wenn man nicht lesen will, dann auch wirklich nicht lesen – und am besten auch über das Nichtgelesene nicht schlau daherschwätzen: das wäre allerdings ein besonders schöner Vorsatz.

  • NO 2. Januar 2011 at 17:56

    Lieber Uwe Stolzmann,

    so nachvollziehbar Ihre Verweigerungshaltung ist, so unverständlicher ist mir Ihr Name auf der Kommentatorenliste. Wenn das Buch Sie nicht (mehr) interessiert, warum haben Sie sich dann von Guido Graf hier auf das Schauerfeld einladen lassen? Dadurch nahmen Sie einer oder einem den Platz weg, die/der sich hier vielleicht gerne lektürebegleitend und nachhaltig – vielleicht und gerne auch negativ, aber eben ausdauernd und häufiger – geäußert hätte.

    Und ist das denn nicht die Aufgabe der Literaturbetriebler? Sich nachhaltig und dauerhaft zu äußern, wenn sie (Sie) denn schon Gelegenheit haben? Ist es nicht Ihr Job? „Schriftsteller, Kritiker, lesen Arno Schmidt“. Na also, dann lesen Sie! Bringen Sie das Buch Lesern nahe, die es bisher nicht gelesen haben, oder es ohne Ihre Kritik vielleicht nie lesen werden. Verdammen Sie es, damit sich diejenigen an der Verdammung reiben können, denen die übliche Lobhudelei der Literaturkritik bei den alljährlichen Neuerscheinungen auf die Nerven geht. Machen Sie neugierig! Irgendwie! Und wenn der Schmidt von damals heute nichts mehr taugt, dann erläutern Sie das doch mal! Oder erläutern Sie, warum denn „Pocahontas“ so viel besser ist.

    Also: „Was hat es denn mit Schmidt auf sich“? Weltliteratur oder hinterm-Busch-Hocker-Bastelbuch für Leute im „Regenmantel“?

    Beste Grüße

    NO

    • Guido Graf 3. Januar 2011 at 09:38

      Uwe Stolzmann hat niemandem den Platz weggenommen, genausowenig wie diejenigen, die eingeladen waren und sich gar nicht zu Wort gemeldet haben. Jede und jeder, der wollte, konnte und kann sich über die Kommentarfunktion beteiligen. Ich möchte doch sehr dafür werben, diese Dinge etwas entspannter zu betrachten. Enttäuschung, Vorwürfe, Schuldzuweisungen etc. scheinen mir nicht gerade die idealen Reaktionsformen in diesem durchaus offenen Forum zu sein. Was sie bislang zum größten Teil auch nicht waren. Es gab wenig Grund, im Verlauf der letzten Monate irgendeinen Kommentar zurückzuweisen.
      Dass man sich hätte wünschen können, die Frequenz von Beiträgen und Kommentaren wäre höher gewesen, gestehe ich gern zu. Nun ist es nicht so und dafür gibt es Gründe, die zum Teil ja auch schon in diversen Beiträgen zur Sprache gebracht wurden.

  • Norbert W. Schlinkert 3. Januar 2011 at 12:38

    Auch Schweigen kann, als solches, ja sowas von beredt sein! Die von NO so vehement geforderte Kritikerbeteiligung (Kritiker = „Literaturbetriebler“) habe ich allerdings nicht vermißt, mein Fokus ging eher in Richtung Schriftsteller und Wissenschaftler, und da kam ja auch einiges, wenn auch meist „nur“ von den immer selben. Einem geübten Leser sind die meisten Kritiker ohnehin Stehrümchen im Literaturbetrieb, auch wenn es ja einige ganz wenige wirklich sehr gute gibt. Abgesehen davon verstehe ich, daß es zu bestimmten Zeiten einfach wichtigere Dinge gibt als ausgerechnet Arno Schmidt; Stefan Mesch etwa hat ganz sicher solche Gründe. Man darf auch nicht vergessen, daß es durchaus Arbeit bedeutet, einen Text zu schreiben, vor allem wenn man nicht drinsteckt im Thema (in welchem Fall man auf schon Geschriebenes zurückgreifen kann) – und da überdies viele Schreiberlinge nicht eben gut fürs Schreiben bezahlt werden, überlegt es sich sicher auch so mancher, ob er umsonst den Büchererklärer spielt.

    Ich denke, daß schauerfeld.de zumindest gezeigt hat, daß das schon bei „Unendlicher Spass“ erprobte Konzept recht gut funktioniert, auch wenn sich hier und da noch etwas verbessern läßt, etwa durch die Einrichtung von Themenblöcken (zur Ästhetik des Werks, zur Rezeption, zur kulturgeschichtlichen Einordnung, u. U. zur Übersetzung usw.). Sicher sind viele schon auf das nächste Projekt gespannt!