hallo, roman! (warum ich schmidt kickte.)

Die zehn – satten, stillen, sonnigen – Tage Anfang Oktober, an denen ich täglich Arno Schmidt las und darüber schrieb, gehörten zu den schönsten (und entspanntesten) des Jahres: Ich habe diesem Autor, diesem Werk nicht viel zu sagen. Die Stimme / die Themen / die Poetologie sind weit, WEIT weg von allem, was mir wichtig ist, und „Zettel’s Traum“ erschien mir als Geduldsspiel, Fleißaufgabe, Strafarbeit… ein Zeit-Vertreib im freud- und sinnlosesten Sinne.

Mache ich weiter? Hänge ich mich rein?

Reibe ich mich an diesem Kauz (und seinen Fans/Apologeten) noch eine Weile wund?

…die Frage stand sehr früh (und ziemlich lange) im Raum: Bin ich hier richtig? Soll ich noch weiter bloggen?

Und dann schrieb Friedhelm Rathjen in der ZEIT:

„Wenn je ein Buch seinen Autor ruiniert hat, dann ist es Zettel’s Traum. Am 25. August 1965 spannt Arno Schmidt das erste DIN-A3-Blatt in seine Maschine und beginnt zu tippen; am 31. Dezember 1968 zieht er das letzte heraus, es trägt die Seitenzahl 1334. Obwohl er alle Außenkontakte abbricht, nicht mehr aus dem Haus geht, mit niemandem spricht außer – Wörter bastelnd – mit sich selbst, kommt Schmidt mit der Niederschrift langsamer voran als erhofft […] 51-jährig und halbwegs bei Kräften ist Schmidt in den Albtraum der Niederschrift hineingegangen; als er fertig ist, ist er 55 und doch schon ein alter Mann.“

Drei Jahre. 1334 Seiten: mehr als eine pro Tag!

Seit Anfang Mai 2009 schreibe ich an „Zimmer voller Freunde“, meinem ersten Roman.

Heute, nach 20 Monaten, bin ich am Anfang von Kapitel 18, auf Seite 257.

Das Buch wird 31 Kapitel haben und zwischen 400 und 460 Seiten, und Anfang 2012, im Frühling, bin ich (endlich!) fertig.

Die Masse Text, die ich bis heute habe, etwa 90.000 Wörter, ist größer als George Orwells „1984“.

Das fertige Buch, etwa 160.000 Wörter, wird etwas länger sein als Isabell Allendes „Geisterhaus“.

Ich bin glücklich mit meinem Tempo, und ich bin glücklich mit diesen 17 fertigen Kapiteln.

…aber die Vorstellung, die Arno-Schmidt-Maschine, das Arno-Schmidt-Diskurskarusell zu füttern, und dabei selbst, am Ende, noch länger um meinen eigenen Traum zu kämpfen als Arno Schmidt um sein Hauptwerk… das will ich mir nicht leisten (müssen): So viel von meiner Zeit, von meiner Energie und meiner Geduld ist dieser Kerl nicht wert.

Nicht jetzt, 2010.

Nicht jetzt, so lange ich so nah dran bin, etwas abzuschließen, das ich seit meiner Kindheit schreiben will.

Nichts gegen Schmidt. Aber seit ein paar Wochen ist der 198-Euro-Schuber von „Zettel’s Traum“ vor meinem Schreibtisch nichts mehr, an dem ich „arbeiten“, mit dem ich „spielen“, in dem ich mich „versenken“ will. Sondern ein Beispiel für drei Jahre destillierte Lebenszeit.

So reizvoll (und spannend!) es kurzzeitig war: Schluss mit dem Blog.

Zeit für die eigenen Kämpfe/Ziele!

Kommentare
  • Norbert W. Schlinkert 31. Dezember 2010 at 15:35

    Natürlich, DER (also ich) schon wieder! Aber ich muß Ihnen, lieber Stefan Mesch, durchaus recht geben, denn die Frage, ob Arno Schmidt soviel Zeit wert ist, muß sich jeder selber stellen. Betrachtet man die nicht mal halbfette Autorenliste und die Anzahl der Artikel, so ist die Sache klar, doch auch jene, die nur kommentieren, müssen wissen, was sie tun! Ich für meinen Teil habe in den letzten Monaten u. a. eine Menge Zeit mit dem Korrekturlesen meines jetzt erschienenen (Fach)Buches zur Entwicklung des poetischen Ich verbracht, während ich nun wieder an meinem Romanprojekt sitze und etwa auf der gleichen Seite bin wie Sie bei dem ihren. Ich muß allerdings zugeben, daß ich trotz stringenter Zeitplanung (die Damen von der Lyrik mögen das hinnehmen) noch ein wenig Zeit für Arno Schmidt erübrigt habe, weil es mir nützte und nützt – ein wichtiges, wenn auch kurzes Kapitel meines Romans spielt (als Gegenwartseinschub) in der Lüneburger Heide im Haus eines seltsamen Kauzes, und da war mir eine Diskussion um Zettels Traum ganz recht. Ich bereue die erübrigte Zeit also durchaus nicht, abgesehen davon, daß ja auch hier und da schlaue Beiträge auftauchten, obwohl oder weil so unterschiedliche Sichtweisen und Bezüge zu Arno Schmidt zutage traten.

    Aber wie Sie richtig anmerken: „So reizvoll (und spannend!) es kurzzeitig war: Schluss mit dem Blog. // Zeit für die eigenen Kämpfe/Ziele!“
    Und wie ich ganz richtig anmerkte: „Der Letzte macht das Licht aus!“