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„und loses Blattwerk heißt hier soviel/wie welcher von zettels träumen“

schrieb Ginka Steinwachs 2002 in barnarella oder das herzkunstwerk in der flamme (Wien: Passagen). „heran heran wer lesen kann“. Friedhelm Rathjen hat darauf verwiesen, dass Zettel’s Traum in vielerlei Hinsicht ein Buch der 60er Jahre ist. Nun lese ich also wieder und lese kreuz und quer in die Zeit hinein, aber auch von dort aus hin zu unserer Gegenwart, mit der Frage, wie unmöglich oder produktiv oder beides solche Kontextualisierungen sind. Einige unvollständige Notizen, die sich fortsetzen lassen:

Zum Beispiel Helmut Heißenbüttels Projekt Nr. 1: D’Alemberts Ende (Neuwied 1970). In Text und Kritik 20 (Mai 1971) hat Heißenbüttel Zettel’s Traum in eine Tradition oder Filiation gestellt, die er im Barock mit Lohenstein beginnen und im 20. Jahrhundert mit Gertrude Stein und Joyce enden lässt. In eigener Sache und eben dann mit Blick auf Schmidt ist ein wichtiger Bezugspunkt die Enzyklopädik der französischen Aufklärung von Diderot und d’Alembert. Heißenbüttel:

„Ich rede nun versuchsweise zitierend. Ich zitiere Wörter, Wortverbände, Sätze, Satzverbände, Zitate, Zitatverbände, Zitate von Zitaten. Dies alles verbinde ich zu etwas Neuem. In der unbegrenzten Kombinatorik stellt sich etwas her, das nur im Risiko einer äußersten Grenze Bestand hält.“ (S. 27)

Dass d’Alembert gerade um 1970, beispielsweise von Gilles Deleuze, neu rezipiert wurde, gehört hier auch in die Kulisse, wenn auch vielleicht mehr in die Heißenbüttels. Heißenbüttels Verfahren wurde wiederholt als additiv beschrieben. Friedhelm Rathjen hat einmal in ähnlicher Weise die Poetik von Marianne Fritz (mit etwas schiefem Bezug zu Proust) beschrieben. Diese Kombinatorik bedürfte aber wohl noch einer genaueren Beschreibung. Nimmt man zu Fritz‘ Naturgemäß noch Texte wie Konrad Bayers sechsten sinn, Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa und Gerhard Rühms textall hinzu, wird die Kulisse für Schmidt und auch für Heißenbüttel allmählich zum Resonanzraum, in dem ähnliche Fragen gestellt werden, etwa nach Möglichkeit und Notwendigkeit narrativer Simultaneität.

Dazu: wie löst dieses Problem zur gleichen Zeit William Gaddis in JR (erschienen 1975)? Offenbar muss die Intention der Darstellung von Gleichzeitigkeit nicht notwendig im Gestus der Zertrümmerung enden. Oder anders: vielleicht hilft uns die Kontextualisierung, nicht alles als Zertrümmerung ansehen zu müssen, was sich so ostentativ von Textkonventionen abzugrenzen versucht. Aus anderer, nicht-erzählerischer Perspektive könnte man die Verfahren der visuellen Poesie von Franz Mon oder Eugen Gomringer und den Versuch vergleichen, an die Stelle des Textes eine Textur zu setzen. Es wird etwas sichtbar gemacht, was verborgen war, doch indem es sichtbar ist, wird es manifest und büßt seine Transparenz, die es noch im Status des Assoziativen hatte, wieder ein.

Kommentare
  • Guido Graf 11. Dezember 2010 at 13:42

    kaum eine Rezension (oder die Kommentare im Netz, wenn die Artikel online sind) kommt ohne die Frage aus, ob und warum man „das“ (gemeint ist „Zettel’s Traum“) lesen soll, etwa hier in der Neuen Zürcher Zeitung

    ist Lesbarkeit ein Kriterium, das für die Lektüre von Literatur relevant ist? zumindest dann, wenn es erkennbar nicht um die Frage geht, dass etwas in Druck und Schrift unleserlich ist, sondern Lesbarkeit als hermeneutisches Instrument intendiert ist –

    • molosovsky 20. Dezember 2010 at 04:37

      Diese Frage ist im Grunde bibliophob. — Warum man ZT lesen ›solle‹ (sprich: kann, wenn man Lust darauf hat): Lässt sich wohl am besten mit George Mallory antworten: »Weil es da ist«.

  • Norbert W. Schlinkert 12. Dezember 2010 at 14:29

    Die Lesbarkeit ist naturgemäß das Hauptkriterium, wenn es um Texte geht. Das ist unbestreitbar. Ein nicht lesbarer Text macht überhaupt keinen Sinn, er kann keine Leser haben, so daß am Ende nichts geschieht. Natürlich ist es wichtig, an wen sich der Text wendet, auf manchem Kinder-oder Jugendbuch findet sich ja recht deutlich der Hinweis, von welchem Alter an von einem Textverständnis auszugehen ist. Auf der Website des Carlsen-Verlags kann man die Comic-Suchmaschine so einstellen, daß für Jungen & Mädchen oder eher für Mädchen oder eher für Jungs gesucht wird. Was Arno Schmidt (und nicht nur ZT) betrifft, so scheinen die Texte von Anfang an zu sagen: „Versuch es mit mir, doch sind Geduld und Ausdauer, sogar Demut ebenso Voraussetzung wie hohe Bildung und Belesenheit, und viel Zeit mußt Du (bei ZT) auch noch haben. Ich, der Text, habe meine Schuldigkeit ja bereits getan, ich bin, jetzt bist Du dran, lies mich, kriech in mich hinein, versteh mich! Wenn Du nicht willst oder nicht kannst, auch gut, ich genüge mir selbst.“ Diese aus dem Text herausströmende Bestimmung reizt den einen so stark, wie es den anderen abstößt. Es war Arno Schmidt ja offenkundig sehr wichtig, nicht die falschen Leser zu bekommen, sondern viel eher eine treue Gemeinde zu haben, die von einem Text keineswegs verlangt, daß er den Leser dort abholt, wo er steht, ja nicht einmal, daß der Text einem auf halbem Wege entgegenkommt. Dadurch wird zwar nicht einmal ZT unleserlich, sondern nur für die meisten Leser ungenießbar – das ist alles.

  • Käptn Hook 12. Dezember 2010 at 16:58

    Die Frage, warum man ein Buch lesen sollte, ist doch etwas ganz anderes als die Frage nach der Lesbarkeit eines Buches. Letzteres mag als Antwort auf die erste Frage von Belang sein, wenn man voraussetzt, daß man vor allem lesbare Bücher (was immer das bedeuten soll) lesen sollte. Was man natürlich leicht bestreiten kann.

  • Norbert W. Schlinkert 21. Dezember 2010 at 18:14

    Warum ein Buch lesen? Die gemeinste, naheliegendste und allgemein akzeptierteste Antwort ist die, daß man „inter-esse“ hat, einen Drang, in etwas hineinzukommen, und zwar ganz und gar, auf daß es einen völlig umschlösse. Das weiß jeder. Somit ist Lesen dem Tauchen nicht unähnlich, und ob der Taucher nun lieber in der Südsee taucht oder in heimischem Brackwasser ist nicht nur Geschmackssache, sondern hängt auch von der Frage ab, was er sucht. Nun ist Südsee, um dem Verdacht gleich mal vorzubeugen, nicht gleich Kitsch, nur weil es dort so schön bunt ist – schließlich lauert der Hai hinterm Riff; man muß den Tauchgang schon wagen, um zu wissen, was einen erwartet. So lange man überhaupt hineinkommt, es sich also nicht um ein bis zum Boden gefrorenes Gewässer oder siedendes Heizöl handelt, zählt, ganz olympisch, zunächst der Versuch, dann aber auch der angesprochene Ertrag: das Erfahrene, das Geschenktbekommene, selbst das Voneinemgenommene kann Ertrag sein. Soll ein Buch demzufolge einen Nutzen haben? Ja – selbstredend; die einzige Voraussetzung ist die, in ihm sein zu müssen, auch um überhaupt wieder auftauchen zu können, um zur Abwechslung mal wieder die Wirklichkeit zu lesen. Ein Buch, das einen Leser gar nicht mehr losläßt, von dem der Leser sich nicht wieder befreien kann, aus dem er nicht wieder aufzutauchen vermag, ist gefährlich, was natürlich auch seinen Reiz hat, womit wir unter Umständen wieder bei Arno Otto Schmidt wären …

  • NO 28. Dezember 2010 at 10:57

    S. 701: „(mit`m `LebmsGefühl` wie‘ n ausgeblasenes Ei)“

    Ein donnerndes Bild!

    Solche kraftvollen, wehmütigen Formeln machen dieses Buch lesenswert. Der Witz dieser erotischen Anmerkung, der in der „sauren Arbeit“ steckt. Die poetische Bemalung von Kerben, die das Leben schlägt, denn das hole Ei verweist ja (auch) auf den Krieg, der noch in den Knochen steckt, und auf die weltabgeneigte Haltung des einsamen Einsiedlers.

    Und immer wieder die Franzl-Einsprengselungen: „Ich habe Meinen Augn (vorsichtshalber) jegliches Rendezvous mit den Deinen untersagt“ (S. 648).

    D A S, lieber molosovsky, ist mehr, als dass das Buch einfach da ist. Das ist schon „inter-esse“, ist „Tauchen“. Aber, lieber Norbert Schlinkert, was ist denn nun eigentlich Ihr Tauchinteresse, Ihr Ertrag hier, Ihr Hai? Nun mal Butter bei die Fische. Falls sich überhaupt jemand äußert, bleibt ja alles seltsam vage hier. Alle, die es gelesen hatten, schwelgen anscheinend lieber in Erinnerungen, als zu verdeutlichen, was dieses Buch lesenswert macht, warum man das lesen sollte, ob und warum ZT lesbar ist.

    Vielleicht liegt das ja auch an der Kommentatorenzusammenstellung, lieber Guido Graf!? Einen der Wenigen, der sich hier bemüht, Norbert Schlinkert, haben Sie gar nicht ernannt. Eigentlich bewährte Kräfte wie Elmer Krekeler kriegen ohne konkreten Dauererzählauftrag nichts zustande, von Iris Radisch liest man nur den berühmten Namen, und einige andere (Autoren) schreiben zu Promotionzwecken in bekannter Manier eins, zwei Anfangsartikel und sind dann nicht mehr gesehen. Und am Ende werden sicher 5 vor 12 noch diejenigen hier einen Alibi-Kommentar hinhauen, die ihre Benennung zu verfeigenblättern gedenken. Wie wäre es denn mit einigen Nachbenennungen (oder Auswechselungen)? Alea Torik etwa, oder Thorsten Krämer, oder eben Schlinkert, oder oder …

    Denn dann käme hier vielleicht etwas Leben in die Bude. Und das hätte, wage ich nach meiner bisherigen Buchlektüre zu behaupten, das hätte er verdient, der Arno Schmidt, oder besser gesagt: Zettels Traum.

    Beste Grüße

    NO

  • Norbert W. Schlinkert 28. Dezember 2010 at 18:15

    Lieber No,
    ja, was suche ich? Das ist die Frage. Im Brackwasser müßte man ja eher tastend als sehend sich vorarbeiten, und so geht es mir mit Zettels Traum auch ein wenig. Allerdings habe ich nur die alte Ausgabe (leihweise), nicht die neue. Was die Frage nach den nicht geschriebenen Beiträgen angeht, so hatten wir das Thema vor gut zwei Monaten bereits – es endete mit wüsten Beschimpfungen statt mit gemeinsamen Tauchgängen. Durch Pynchons „Gegen den Tag“ wissen wir zwar, daß auch im Wüstensand getaucht werden kann, aber wenn die Leut‘ halt nich‘ wolln, wollnse eben nicht. Da sag ich nix mehr zu!

    Außerdem, auch wenn es hier nirgendwo steht: das Schauerfeld wird doch, so weit ich weiß, Ende Dezember geschlossen, da helfen Belebungsversuche nichts mehr, da wird’s museal und zappenduster. Der Letzte macht das Licht aus. In diesem Sinne …