ZT-Bashing

ZT-Bashing ist vergleichsweise einfach zu haben, wenn man zwei Dinge voraussetzt:

1. Daniel Pagenstecher und Arno Schmidt nehmen die von Pagenstecher proklamierte Etym-Theorie in jeder Hinsicht ernst.

2. Der Wert von ZT hängt von der Richtigkeit der Etym-Theorie ab.

Beides halte ich für Unfug.

An einer Stelle des Textes fragt Wilma Dän explizit, ob er an sein Zeugs glaube; Dän antwortet nicht – das ist vermutlich ein impliziter Rückbezug auf die Bibliotheksepisode des Joyceschen „Ulysses“, wo Stephen Dedalus, der eine recht verstiegene, aber hübsche Shakespeare-Theorie ausbreitet, dabei selbst weiß, daß manches von ihm herangezogene Detail nicht so ganz stimmt, und auf die Frage, ob er denn an seine Theorie glaube, mit Schweigen antwortet. Die Etym-Theorie ist zunächst nicht mehr und nicht weniger als ein Spielmodell, das von Pagenstecher – einer Figur also, die nicht in allen Belangen mit dem Autor identisch ist – in den Ring geworfen wird und dort allerlei auslöst. Von außerhalb des Romans betrachtet ist aber die Etym-Theorie klar Teil der Fiktion, sie ist etwas, das eine Figur verkündet, was in sich völlig stimmige Folgen hat.

Und natürlich hängt der Wert eines Fiktionstextes nicht davon ab, ob das, was eine Figur verkündet, außerhalb dieses Textes „wahr“ oder auch nur plausibel ist; in einem Text können die Figuren allen möglichen Schwachsinn verkünden, ohne daß deshalb der Text, in dem sie dieses tun, auch nur im geringsten Schwachsinn sein muß.

Die Frage ist also nicht, ob die Theorie „stimmt“ oder ob Freud hier mißverstanden oder mißbraucht oder was auch immer wird; die Frage ist, ob die Fiktion funktioniert (und ich denke, das tut sie) und ob ein Text dabei herauskommt, den ich lesen möchte. Letzteres ist natürlich die Frage, man kann beispielsweise der Meinung sein, daß die penetrante Poe-Daueranalyse über Hunderte von Seiten hinweg und mit immer den selben Methoden und Ergebnissen extrem nervt und auch kürzer hätte gehandhabt werden können, ohne daß dem Text daraus ein Schaden entstanden wäre; aber wenn das so ist, dann nicht, weil die Theorie so zweifelhaft ist; eine hieb- und stichfest beweisbare Theorie würde ggfs. ebenso nerven.

Das heißt natürlich nicht, daß man sich mit der Etym-Theorie nicht auseinandersetzen könnte; um so besser, wenn das so überlegt und abwägend geschieht wie in Horace Engdahls Beitrag zum jüngsten Heft des Bargfelder Boten, das (wie seit 1982 zuvor keines mehr) komplett ZT gewidmet ist. Engdahls Beitrag ist aber gerade kein ZT-Bashing und berührt die Frage, ob ZT literarischen Wert hat oder nicht (und wenn ja: welchen), mit Bedacht gar nicht.

Stephan Wackwitz ist der Meinung, der Einfluß von Joyce und Freud auf Schmidt sei per se ein schlechter Einfluß gewesen; ohne diesen Einfluß wäre Schmidt der geblieben, der er bis Ende der 50er Jahre war. Nun kann ich bestens verstehen, wenn man dem frühen Schmidt den Vorzug vor dem späten gibt, bezweifeln möchte ich allerdings, daß man deshalb wünschen muß, Schmidt wäre stehengeblieben und hätte sich nur noch selbst kopiert. Schmidt ist ein schönes Beispiel für einen Autor, der in Bewegung ist und bleibt, das sollte man durchaus schätzen, auch wenn nicht jeder Weg, auf dem sich die Beweglichkeit vollzieht, immer nur angenehm zu gehen ist – es dürfen ruhig auch mal Sackgassen darunter sein. Hätte Wackwitz recht, so müßte man jedenfalls auch „Kaff auch Mare Crisium“ und die ländlichen Erzählungen des Bandes „Kühe in Halbtrauer“ als Irrwege aussortieren. Mir scheint aber eher, gerade mit diesen beiden Büchern bewegt sich Schmidt auf der Höhe seiner Kunst. Wenn an ZT etwas schmerzlich ist, dann für meine Begriffe doch nicht die Tatsache, daß der Autor inzwischen Joyce und Freud gelesen hat. Schmerzlich finde ich vielmehr einzig und allein den Umfang, der es mir nämlich nicht erlaubt, bei der Lektüre alles vorher Gelesene so präsent zu halten, wie ich es gerne hätte, um dieses Buch wirklich in den Lese-Griff zu bekommen. Während ich noch lese, vergesse ich notgedrungen so vieles wieder, daß es sich mir verbietet, ein endgültiges Urteil über das Buch zu fällen – oder gar mein Heil in billigem ZT-Bashing zu suchen.

Andererseits ist – machen wir uns doch nichts vor! – allein der Umfang für den „Mythos“ ZT verantwortlich, nach dem immer mal wieder gefragt wird. Allein diese Klotzigkeit hebt ZT aus Schmidts Gesamtwerk hervor und ist die Ursache dafür, daß ZT als Schmidts opus magnum gilt. Aber mit solchen Mythen verfährt man wohl am besten nach einer schlichten Methode, die da heißt: niedrigerhängen!

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Über Friedhelm Rathjen

Geb. 1958 in Westerholz bei Scheeßel (Niedersachsen), lebt als freier Literaturkritiker und Übersetzer in Scheeßel. Zu seinen gut 900 Veröffentlichungen zählen etliche Bücher und viele Aufsätze über Arno Schmidt, James Joyce und Samuel Beckett; zuletzt erschienen u.a. „Von GET BACK zu LET IT BE – Der Anfang vom Ende der Beatles“ sowie „Arno Schmidt global – Eine Bestandsaufnahme der internationalen Rezeption 1950-2010“. Seite 2009 ist Rathjen Herausgeber des „Bargfelder Boten“.

Kommentare
  • Andre Möller 24. November 2010 at 17:15

    Das ist mir wahrlich aus der Seele gesprochen. Endlich mal ein verständiger Kommentar zu ZT!

  • Jan Süselbeck 25. November 2010 at 06:39

    Lieber Friedhelm,

    das Problem ist aber ja, dass „Zettel’s Traum“ nun einmal zu einem Großteil aus gebetsmühlenhaften „Etym-Analysen“ besteht, die bei dem Umfang des Buches doch sehr ermüdend wirken können. Was man in „Sitara“ als Leser vielleicht noch für eine spielerische und irgendwie selbstironische Idee halten konnte – obwohl die Dinge auch hier wohl schon anders lagen – bekommt hier endgültig etwas Verbissenes, Automatenhaftes.
    Ich bin nicht einmal der Auffassung, dass man Schmidts psychoanalytische Orientierung in Bausch und Bogen verdammen sollte, und schon gar nicht, dass das, was dabei herauskam, alles kompletter Unfug ist. Doch Schmidt scheint am Ende wirklich geglaubt zu haben, hier eine Theorie entwickelt zu haben, die wie eine mathematische Gleichung anwendbar sei. Das Ganze bekommt in ZT geradezu den Aspekt einer fixen Idee, und selbstverständlich affiziert dies auch die literarische Erscheinungsform des Romans.
    Die Psychoanalyse avanciert hier tatsächlich zu einem Instrument der Macht, es wird Gericht gehalten über Poe & Co., es werden pausenlos Schriftsteller wegen irgendwelcher sexueller Orientierungen „entlarvt“. Ich selbst habe relativ lange gebraucht, um die Problematik dieser an sich ja sehr reaktionären Grundhaltung zu erkennen, wobei es gerade Schmidts demonstrative und offensichtliche Überzeugung war, auch als Autor Aufklärung zu leisten, die permanent aus seinen Texten zu sprechen schien und es mir beim selbstvergessenen Lesen zunächst schwer machte, diese Vorspiegelungen und ihre merkwürdig autoritäre Ideologie zu hinterfragen. Von daher verblüfft mich Deine entschlossene Mitteilung, es sei „Unfug“, dass sowohl Schmidt als auch Pagenstecher die Etym-Theorie ernst nähmen.
    Dem ist sehr wohl so, und es dürfte leicht sein, in ZT Belege dafür zusammenzutragen. Schon allein Schmidts Gespräche und Interviews sind hier eindeutig. Ich habe mir z. B. eben nur noch einmal kurz Schmidts Radio-Monolog „Vorläufiges zu Zettel’s Traum“ vorgenommen, und dann auch noch das Interview mit Gunar Ortlepp zu ZT, beides nachzulesen in dem Bargfelder Supplemente-Band 2. Der Befund ist erschlagend: Schmidt brüstet sich hier andauernd damit, derjenige zu sein, der in der Literatur das zur Praxis mache, was Freud quasi nur angedacht habe. Er hält „Sitara“ gewissermaßen für einen robusten Forschungsbeitrag zur Psychoanalyse und gibt an, das Buch an Alexander Mitscherlich nach Heidelberg geschickt zu haben – ganz so, als handele es sich um eine wissenschaftliche Arbeit. Dem bemerkenswert verhalten reagierenden Ortlepp teilt Schmidt begeistert mit: „Also die Methode stimmt, das ist das Schöne“.

    Herzlich,
    Jan

  • Friedhelm Rathjen 25. November 2010 at 10:18

    Lieber Jan,

    ich habe nicht geschrieben, es sei Unfug, daß Schmidt und Pagenstecher die Theorie ernstnehmen, sondern ich habe geschrieben, es sei Unfug, ungeprüft vorauszusetzen, daß sie die Theorie in jeder Hinsicht ernstnehmen. Vielleicht tun sie’s, vielleicht auch nicht, vielleicht nur eingeschränkt – das ist mir relativ egal, solange die exzessiven Etym-Analysen, die im Text betrieben werden, mich nicht anöden. Die Gefahr, daß sie das tun, besteht zugegebenermaßen.

    Vermutlich war Schmidt der Meinung, Freud als Analytiker und Joyce als Synthetiker übertrumpft (oder zumindest erreicht) zu haben, und sicherlich kann man Zweifel daran haben, daß er da recht hatte. Aber auch das entscheidet nicht über den Wert von ZT.

    Schon gar nicht entscheidet über den Wert von ZT, ob der Autor zur Zeit der Niederschrift eine reaktionäre oder eine autoritäre oder doch eine aufklärerische Gesinnung hatte oder nicht. Im Zweifelsfall halte ich den Text doch auch für offener als seinen Autor (oder sagen wir lieber: als das, was der Autor außerhalb des Textes von sich gegeben hat). Wäre der Text nicht mehr als das, was der Autor in einem 90-Minuten-Interview darüber sagen kann, so wäre der Text ja wohl doch ausgesprochen überflüssig.

    Ich fürchte, bei der Lektüre selbst wird die Frage nach einer zu „hinterfragenden“ „Ideologie“ zusehends irrelevanter. Nein, ich fürchte es nicht – ich freue mich drüber.

  • NO 25. November 2010 at 19:18

    Lieber Friedhelm Rathjen,

    mir gefällt Ihre Feststellung, dass die von der Figur Dän in den Ring geworfene Etym-Theorie allerhand bei den anderen Figuren auslöst. Vor allem – und am interessantesten – Eindruck und Bewunderung bei Franziska, so scheint mir:

    Denn wenn Dän aus der erotischen Verseuchung der Poe-Erzählungen eine Theorie formt, denkt er also über Sex nach. Also kennt er sich aus damit – denkt sie. Und denkt der Leser, denn der begegnet Dän ja – wie Franziska jetzt als (junge) Erwachsene – auch zum ersten Mal. Auskennen meint Kompetenz, und tatsächlich schreibt Franziska ihrem Dän hohe sexuelle Erfahrung zu, deutlich gemacht an der Vermutung, Dän habe Begegnungen mit 100 und mehr von solchen Mädchen auf St. Pauli gehabt. Der erfahrende Alte und die unerfahrene Junge. Mithin deutet alles auf eine zukünftige erotische Begegnung hin zwischen dem alternden Künstler und dem frühreifen Früchtchen. Zumal das auch vorbereitet zu sein scheint durch z.B. die Begutachtung der Pilze durch Wilma, durch den im Wald beobachteten Akt (der seinerseits vorbereitet ist durch die Begattungsgeschichte der alten und der jungen Reiterin bei der Pferdezucht. Und käme es zu diesem Akt zwischen Dän und Franziska (ich kennen das Buch nicht), steuerte damit die Geschichte möglicherweise auf einen schönen Konflikt zu, da die schon mehrfach angedeutet Impotenz bei Dän einen befriedigenden Ausgang unwahrscheinlich machte.

    Die ganze Etym-Theorie wäre dann also Resonanzboden für diesen zukünftigen Konflikt.

    Noch mehr gefällt mir Ihre Feststellung, dass gleichwohl diese Elemente (viel) zu lang (und damit das Ganze insgesamt zu langweilig) geraten sind.

    So empfinde ich, der laienhafte Erstleser, das jedenfalls. Es nervt.

    All das ändert allerdings nichts daran, dass ich das Buch (bislang) für lesenswert halte. Mir gefällt es sogar sehr gut. Und ich lese vom Anfang weg chronologisch (mal sehen, wie lange noch). Ich möchte das lesen. Mir gefällt der Witz, die brüllende Komik und Drastik mancher Passagen. Mir gefällt die Lautschrift, die zum Nachdenken zwingt und einen lokalen Touch gibt, wie die sächsischen Passagen in Tellkamps „Turm“, oder das Frankfurter Deutsch bei Jakob Arjouni, oder die Mecklenburger Einsprengsel in den „Jahrestagen“. Ich mag die erotisch aufgeladene Annäherung zwischen Dän und Fr. als Geschichte und möchte wissen, wie die weiter geht. Die Lautschrift erzählt exakt die Sprache wieder, die dort auf den Dörfern gesprochen wird (die Leute sagen in der Tat „liller“ und nicht: lie-laa), und die Dörfer bestehen aus Wäldern, Weiden, Pilzen, Kühen und Kuhscheisse und Bauern, wie beschrieben, das erinnert an meine Jugend und Heimat, das ist literarisches Denkmal. Ich kann sogar Poe viel abgewinnen, dem Autor meiner Jugend (wäre eben nur nicht die öde sich wiederholende Etym-Theorie). All das mag ich. Ob AS damit auf der Höhe seiner Kunst ist, kann ich nicht beurteilen. Ob das hier große Kunst ist, und ob dieses Buch etwas ist, das „bleibt“, darüber hörte ich gern die Ansicht der Experten hier.

    Und eine Frage zu Ihrem Statement:

    „Schmerzlich finde ich vielmehr einzig und allein den Umfang, der es mir nämlich nicht erlaubt, bei der Lektüre alles vorher Gelesene so präsent zu halten, wie ich es gerne hätte, um dieses Buch wirklich in den Lese-Griff zu bekommen. Während ich noch lese, vergesse ich notgedrungen so vieles wieder, daß es sich mir verbietet, ein endgültiges Urteil über das Buch zu fällen“

    Das gilt doch aber grundsätzlich für alle Werke von 1.500 Seiten Umfang und mehr (Wallace’s „Unendlicher Spaß“, Tolstois „Krieg und Frieden“, Johnsons „Jahrestage“). Kann das denn ein Argument sein gegen die Einordnung: „Großes Werk“ oder „Gute Literatur“?

    Beste Grüße

    NO

    • Friedhelm Rathjen 25. November 2010 at 22:33

      Lieber NO,

      nein, das Problem, in einem derart riesigen Buch den Überblick zu behalten, spricht natürlich weder gegen die Einordnung als „Großes Werk“ noch dagegen, es verhindert vielmehr diese Einordnung. Und das heißt: man weiß nicht von vornherein, ob die Lesemühen sich „lohnen“, sondern muß das Risiko eingehen, daß sie es womöglich nicht tun. Womöglich tun sie es aber doch.

      Schön finde ich, wie Sie sich hier auf die Story einlassen, ohne vorab zu wissen, wie sie ausgeht; da haben Sie den „Experten“, die das Buch schon gelesen (oder allzu viel darüber gelesen) haben, unbedingt etwas voraus. Und angesichts Ihrer Erwartungen darf ich sagen: Sie werden noch manche Überraschung erleben!

      Übrigens ein interessanter Gesichtspunkt: Dän spricht (theoretisierend) über Sex, und das gibt ihm Gelegenheit, das Thema Sex anzugehen, ohne wie ein schlüpfriger Aufreißer rüberzukommen. Vielleicht ein guter Trick. Ein nicht unbedeutender Schriftsteller, dessen Namen ich hier nicht verraten werde, sagte mir mal, er habe eine „Poetik-Vorlesung“ genutzt, um Sex-Szenen zu besprechen und dabei die hübschen Studentinnen im Publikum sehr genau aufs Korn zu nehmen. Ob das bei Dän auch so ist, würde ich zunächst einmal sehr bezweifeln, aber wer weiß!?

      Cool an der sogenannten Etym-Theorie finde ich im übrigen (bei aller Penetranz, die man auch positiv als etwas Exzessives beschreiben kann, und exzessive Sachen waren zu Ende der 60er Jahre ja keineswegs jenseits der Mode), daß sie auf Allmacht und Offenlegung zielt, aber dahinter doch nicht nur eine Ohnmacht spürbar wird, sondern auch Mechanismen des Verbergens wirken.

      • Guido Graf 26. November 2010 at 10:01

        Mit dieser Methode ist der nichtunbedeutende Schriftsteller nicht allein: die Zahl sexualisierter Poetologien zum einen ist Legion und Versuche von Schriftstellern, das für Bezirzungszwecke zu nutzen vermutlich ebenso; ein schönes und zumindest zeitlich sehr nah an ZT gelegenes Beispiel ist Ronald Sukenicks Erzählung „The Death of the Novel“ von 1969.

  • NO 29. November 2010 at 12:13

    Poopelich und Klamm

    Lieber Friedhelm Rahtjen,

    wohlmöglich spiegelt die Etymtheorie nicht nur Exzess, Allmacht und Verbergen, sondern auch das damalige Dilemma der unterdrückten, verschwiegenen Gelüste und Triebe im Nachkriegsdeutschland (womit man dann auch ernsthaft bei Freud wäre). Die ewigen Anspielungen auf vermeintlich sexuelle Untertöne bei Poe wären dann künstlerischer Ausdruck der Verklemmtheit der 50er und beginnenden 60er Jahre. Befreit wohl erst mit den 68ern und den Studentenrevolten.

    Denn Franziskas Beschreibung der Welt ihres Zuhauses spricht doch Bände:

    „Ach Dän. – Das war – (& ist!) – alles so=großzügich hier=bei=Dir. Und zuhause – (auch bei mein‘ Freundinn‘, überall; in der’irn Fummilljen) so=poopelich & = klammm“ &!“ (S. 221).

    Das kann doch eigentlich nur den Mief unter den Talaren meinen. Und dagegen Dän, der Künstler, der redet (zumindest) darüber. Seine Welt ist eben anders, modern, neu und frei, kein Schauerfeld des Unaussprechlichen, Ängstlichen, Unterdrückten mehr, kein psychologischer Stacheldraht.

    Beste Grüße

    NO

    • Friedhelm Rathjen 29. November 2010 at 13:42

      Lieber NO,

      ja, der Mief von tausend Jahren wurde ja genau in den Jahren ausgetrieben (oder die Austreibung zumindest versucht), als Schmidt an ZT saß. Andererseits werden Sie, wenn Sie’s nicht schon sind, bei der Lektüre noch über Kommentare zu den Studentenunruhen (und zu den Beatles) stolpern, die vor diesem Hintergrund nicht gerade erfreulich klingen.

      In einer noch ungedruckten Rezension, die ich vor wenigen Wochen schrieb, spreche ich in diesem Zusammenhang von einer Zeit, in der „ein schlüpfriges Gemisch aus Verklemmung und Enthemmung als sexuelle Revolution gefeiert werden konnte.“ Das, was heute (auch in diesem Blog) von Nachgeborenen als Altherren- oder Pennälerwitzelei aufgefaßt wird (und vielleicht werden muß), sollte schon im Kontext der damaligen Zeit betrachtet werden. Soweit ich mich erinnern kann, gab es die erste nackte Frau (von Männern wollen wir gar nicht reden) im deutschen Fernsehen 1969 oder 1970 zu sehen, zu relativ später Stunde, und zwar – kurios genug – in einer Loriot-Sendung. Und es war noch gar nicht soooo lange her, daß Schmidt anläßlich seiner „Seelandschaft mit Pocahontas“ eine Klage wegen Pornographie und Gotteslästerung an den Hals bekam, die er keineswegs auf die leichte Schulter nehmen konnte. Allerdings wurde Schmidt, während er an ZT saß, gerade auf diesem Feld doch heftigst überholt; als er im Herbst 1965 die Niederschrift begann, war die Welt um ihn rum zwar noch ausgesprochen prüde, aber bis er Silvester 1968 die letzte Seite tippte, ist außerhalb Bargfelds dann doch einiges geschehen. ZT ist unbedingt ein Buch der 60er Jahre, (noch) kein Aufbruch in ein neues Jahrzehnt, sondern ein Rückblick auf ein altes.

  • molosovsky 2. Dezember 2010 at 22:11

    Wegen der Unmenge an Ge-Sexe: Ich finde es amüsant und teilweise auch berührend, wie sich der alte (ernsthaft)-kalauernde Dän und die jugendliche (übermütig-)kalauernde Franzi ergänzen, während Paul den Klemmi gibt und Wilma herumwachmeistert, als ob sie gleich mit ‘ner Keule den Schweinigeln eines überbraten wolle.

    Erste ausführliche autopoetische Stelle dazu, wozu der ganze EthymSex gut sein soll findet sich übrigens (soweit ich Land sehen kann) auf Seite 103 ab Zeile 45 bis etwa Seite 104, Zeile 20.

    • NO 10. Dezember 2010 at 17:27

      Säute Deern

      Lieber molokovsky,

      auf die show=the“ haben Sie schön den Finger gelegt, vielen Dank dafür. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese 3 Aspekte und deren parallele Geltung so 1 : 1 teile, wie Dän das vorträgt: Scents und Senses ist Genuss, Witz und Kunst. Aber als Motivation für die Etym-Theorie ist es allemal geistreich. Übrigens: Wilma gibt m.E. nicht nur den Wachtmeister, sie mag auch Vergangenheit mit Dän haben: Als „Säute Deern“.

      Denn noch vor der Schaukel-Annäherung an Fränzl in den hohen 400-tern gibt es Auskunft, angedeutet, über Däns jugendliche Annäherung an Wilma. Das Stichwort „Säute Deern“ war schon vorher vorbereitend gefallen (was immer „säute“ bedeute – außer dass Dän das Mädchen Wilma gefiel) als er sie auf S. 404 ihre Reize umschreibt:

      „Ich sah aber auch, (Alter Scharmeur!) Ihren Busn so Rouehafft= an : ! (wet‘SDe die two=Lippm mit der Zunge : ! – (die, wunnderseltsam=langn, Schbizzn war‘n aber (tat=selich!) auch gans=Main Phall!) – Meinem Munt end=kamen uwk die (ur=altn!) Worte))): „Säute Deern -“.

      Was steckt da nicht alles drin!

      Dän, der Brust-Voyeur. „Alter“ heißt, hat er (mit Wilma) schon früher gemacht? Und in diesem Charmeur steckt wohlmöglich Scham? Ruhehaft ist vielleicht auch wohl eine Anspielung auf „The Murder in the Rue Morgue“ – und damit auf Affe-Trieb-Frau-Tod? Oder auf Diebstahl? – Diebstahl der Frau nämlich, heimlich seinem Freund Paul weggenommen, mit dem Wilma ja seinerzeit liiert war!?? Dann wetzt er Lippen mit der Zunge, also sind diese nass. Wenn Dän ganz seelig ist, an jene Spitzen zu denken, ja dann kennt er sie wohl! Und dann kommt man wegen der Phallus-Anspielung an dem, was wohl geschehen war zwischen den beiden, eigentlich nicht vorbei. Damals – in einer Stadt am Main? Zumindest heute, wo Wilma verheiratet ist, gehört Mut dazu, das Kosewort – ganz alt zwischen den beiden – wieder zu verwenden. Und wenn das Wort heraus ist, ist das end-gültig, man kann sie ja nicht zurückholen. War das ein (taktischer) Fehler, kommt wohlmöglich das Ende – der Beziehung (damals?), der Freundschaft (heute?)!?

      Daniel Pagenstecher träumt also auch von früher, von W. Was das wohl noch gibt?

      NO