Ist „Zettel’s Traum“ ein „postmoderner“ Roman?

Guido Graf fragt, was an „Zettel’s Traum“ als „Bastelarbeit“ so „schmerzlich“ sei. Da steht eine Literatur-Kathedrale vor uns, aber irgendwie kommen wir immer nur in den Holzschuppen nebenan rein und dürfen ein bisschen an der Werkbank rumfummeln, andächtig die Werkzeuge betrachten. Und wer auch nur ein bisschen in dem Buch gelesen hat, muss wahrscheinlich auch schon wieder laut über den Satz lachen, den ich da jetzt hingeschrieben habe: Haha, da „steht“ also der sakrale Buch-Phallus vor uns, und man macht an den Geschlechtswerkzeugen rum, wie witzig, wie „verräterisch“!

Stephan Wackwitz hat in der „taz“ ganz richtig bemerkt, dass Schmidt Sigmund Freuds Psychoanalyse im Grunde „mechanistisch“ missverstanden habe. „Zettel’s Traum“ verändert unseren Blick auf alles Geschriebene. Wer sich einmal in dieses monströse Gedankengewölbe hinein begeben hat, kann danach kaum noch anders, als alles, was er in der Folge liest, immer auch mit Schmidts Sex-Decodierungs-Brille „durchzuscannen“. Doch was ist das überhaupt für ein Blickwinkel, was für eine Form der Betrachtung von Literatur?

Ich war in Marbach. Die Kuratoren der dortigen Ausstellung über einen sogenannten „Arbeiter am Abgrund“ versuchen allen Ernstes, uns den soldatischen Mann Ernst Jünger als postmodernen Autor vorzustellen. Auch Jünger notierte alles, was ihm im Alltag begegnete – nur eben nicht auf Zettel wie Schmidt, sondern in unzählige Tagebücher. Warum es Unfug ist, Jünger deshalb als postmodernen Text-Werker und -Kompilator vorzustellen, erkläre ich in der kommenden KONKRET, die dieser Tage erscheint. Aber ich musste auch wieder an Schmidt denken, als ich in Marbach diese seltsam seelenlose Sammel- und Aufschreibwut Jüngers dokumentiert sah. Und tatsächlich hat Jörg Drews ja auch einmal in einem Aufsatz den Versuch unternommen, Schmidts Spätwerk als „postmoderne Literatur“ ins Auge zu fassen, hatte also seinerzeit einmal eine ähnliche Idee wie heute wieder die Marbacher Jünger-Freaks.

Doch auch Schmidts „Zettel’s Traum“ ist nichts weniger als das: postmoderne Literatur. Und vielleicht ist gerade dieser Widerspruch für die Leser so schmerzlich: Wir haben ein monumentales Bastel-Monument vor uns, in dem jedoch gleichzeitig die Fiktion eines wortmächtigen und allwissenden poeta doctus aufrecht erhalten wird: Daniel Pagenstecher hat alles gelesen, und er weiß, was es „wirklich“ heißt, welche geheimen Lüste dahinter verborgen liegen. Fertig, aus: „Zettel’s Traum“ soll eine gigantische Verteidigung gegen die Unheimlichkeit des Unwägbaren von Literatur sein. So spielerisch das auf den ersten Blick daherkommen mag: Es hat, in seiner Totalität und seiner „mechanistischen“ Kälte, auch etwas von einem Produkt soldatischer, geradezu zwanghafter Selbstdisziplinierung.

Vielleicht ist das das Problem.

Kommentare
  • Giesbert Damaschke 24. November 2010 at 11:09

    Das Bestreben, das große emanzipatorische Theoriengebäude Freuds zum Machtinstrument umzufunktionieren, wie es sich nicht nur in ZT, sondern auch sonst, etwa in „Sitara“ oder der „Der Sonn‘ entgegen“, manifestiert, ist vielleicht das größte Ärgernis der Texte.

  • Friedhelm Rathjen 24. November 2010 at 11:31

    Vielleicht aber auch nicht.

  • Giesbert Damaschke 24. November 2010 at 19:13

    ;-). Doch, für mich jedenfalls. Es ärgert mich bei „Der Sonn entgegen“ sehr. Mein Ärger ist eine völlig unreflektierte, sehr direkte und spontane Reaktion auf den Text. Und es ist mir dabei völlig wurscht, ob ich mich über Daniel Pagenstecher oder Arno Schmidt ärgere 8-). Wobei mir gerade einfällt: „Wir, die wir sein Werk auf gut psychoanalytisch _verhören_ …“ – ist auch so eine Formulierung, die mich ärgert. Auch wenn Schmidt sie vielleicht ironisch gemeint hat. Das ist ein Machtgestus, der der Psychoanalyse (der ohnmächtigsten Theorie aller Zeiten) völlig fremd ist. Der Ärger reicht allerdings nicht so weit, dass er mir die Lektüre der Texte verleiden würde.

    • Friedhelm Rathjen 25. November 2010 at 08:55

      Nur zur Klarstellung: mein Kurzposting war eine Antwort auf den letzten Satz von Jan, nicht auf Deinen Kommentar (der erst online gestellt wurde, nachdem ich meine Replik geschrieben hatte).

  • Norbert W. Schlinkert 26. November 2010 at 08:59

    Was, um alles in der Welt, soll das sein, ein postmoderner Autor? Oder postmoderne Literatur? Ist der so klassifizierte Autor so etwas wie ein Flachwurzler, der in die Breite, nicht aber in die Tiefe wurzelt, also beim ersten Sturm gleich umfällt? Am ehesten noch wäre Postmoderne in der Literatur da auszumachen, wo ein Autor unterschiedliche Stilmittel und Sprachstile für sein Gebäude verwendet, wie dies etwa bei Joyce‘ „Ulysses“ der Fall ist, oder auch bei Pynchons „Gegen den Tag“ – hier ein Erkerchen, da ein Fries, hier ein Türmchen, dort die Mißachtung des Rechtwinkligen, da ein freischwebendes Zitat für Eingeweihte und so weiter. Im Falle von „Zettels Traum“ schlägt mir vom ersten bis zum letzten Zettel der immergleiche Duktus entgegen, da ist, so wie auch bei Jünger, nichts Nachmodernes zu erkennen, das sehe ich auch so; und ob bei ZT Tiefe vorhanden ist, darüber ist das letzte Wort ja noch nicht gesprochen, hier, auf dem schauerfeldschen Battlefield.

    • Friedhelm Rathjen 26. November 2010 at 11:32

      Den „Ulysses“ als postmodern zu bezeichnen, scheint mir doch ein bißchen arg; nie war die Moderne mehr auf der Höhe der Moderne als mit dem „Ulysses“, das Post kam erst danach (und gewiß nicht gleich danach).
      Da Jan Süselbeck sehr vereinfachend den Eindruck erweckt, Jörg Drews habe „Zettel’s Traum“ als postmodernen Roman bezeichnet, ist vielleicht doch eine Korrektur angebracht. In dem betreffenden Aufsatz befaßte Jörg sich nicht mit ZT, sondern mit Schmidts letztem vollendeten (Dialog-) Roman „Abend mit Goldrand“, wo sich die Frage halt doch ganz anders stellt. Und natürlich ist das Ergebnis, zu dem Jörg seinerzeit gekommen ist, etwas komplexer, als Jan impliziert. Nachzulesen in dem von Timm Menke herausgegebenen Band „Arno Schmidt am Pazifik“, erschienen 1992 als Sonderlieferung des „Bargfelder Boten“.
      Raymond Federman hat in seinen Poetik-Lektionen Arno Schmidt (freilich ohne Titelnennung) in die (lange) Liste der Autoren aufgenommen, die Literatur einer bestimmten nachmodernen Art schreiben, allerdings nennt Federman diese Art von Literatur nicht „postmodern“, sondern „Surfiction“. Nachzulesen in seinem Buch „Surfiction. Der Weg der Literatur“, erschienen 1992 in der edition suhrkamp, außerdem als kurzer Auszug in der Collage internationaler Äußerungen zu Schmidt am Ende des von mir herausgegebenen Bandes „Arno Schmidt global. Eine Bestandsaufnahme der internationalen Rezeption 1950-2010“, erschienen in diesem Jahr als Sonderlieferung des „Bargfelder Boten“ in der edition text + kritik. (Ende der Werbeeinblendung.)

      • Jan Süselbeck 27. November 2010 at 20:42

        Lieber Friedhelm,

        ich behauptete oben nicht explizit, Jörg Drews habe ZT als postmodernen Roman ins Auge gefasst, sondern Schmidts „Spätwerk“ – und dazu hätte ich zugegebenermaßen vielleicht noch hinzufügen sollen, dass er das am besonderen Beispiel von „Abend mit Goldrand“ versuchte. Wobei er ja in dem Aufsatz durchaus auch auf ZT und die „Schule der Atheisten“ verweist.
        Die Punkte, die Drews in diesem Beitrag zur Charakterisierung von literarischer „Postmodernität“ aufzählt, hätte man zum Teil wohl in der Tat auch auf ZT anzuwenden versuchen können – wenn sie denn einleuchtend gewesen wären. Das fand ich aber eben nicht. Genauer ausgeführt habe ich das alles bereits in meiner Dissertation „Das Gelächter der Atheisten. Zeitkritik bei Arno Schmidt und Thomas Bernhard“ (Frankfurt am Main: Stroemfeld / Nexus 2006, S. 140ff.)

        Herzlich,
        Jan

  • Norbert W. Schlinkert 26. November 2010 at 19:06

    Natürlich ist der „Ulysses“ kein postmoderner Roman, da haben Sie recht; ich sagte ja auch „am ehesten“, dabei schon die seltsame und vereinnahmende Praxis einkalkulierend, Menschen oder Werken zu attestieren, sie seien ihrer Zeit voraus gewesen. (Auch der NSU Ro 80 und die Suzuki Katana waren ja zeitgemäße Fahrzeuge, wenn auch als Ausnahmen.) Im Grunde genommen kenne ich überhaupt keinen postmodernen Roman, sondern nur sehr gute, gute und unlesbare, und in bezug auf ZT zweifle ich seit je her, wo das Werk einzuordnen ist.

    • MF 27. November 2010 at 18:56

      ZT ist ein sehr guter, unlesbarer Roman. Ist doch ganz einfach.

      • Norbert W. Schlinkert 27. November 2010 at 23:24

        Das wäre dann aber doch wohl eher Glaubenssache, oder? Aber gut, glauben wir’s!

        • MF 28. November 2010 at 15:51

          Es ist Ihre Einteilung, nicht meine.

  • Johannes Molitor 27. November 2010 at 21:56

    Giesbert Damaschke
    ;-). Doch, für mich jedenfalls. Es ärgert mich bei “Der Sonn entgegen” sehr. Mein Ärger ist eine völlig unreflektierte, sehr direkte und spontane Reaktion auf den Text. Und es ist mir dabei völlig wurscht, ob ich mich über Daniel Pagenstecher oder Arno Schmidt ärgere 8-). Wobei mir gerade einfällt: “Wir, die wir sein Werk auf gut psychoanalytisch _verhören_ …” – ist auch so eine Formulierung, die mich ärgert. Auch wenn Schmidt sie vielleicht ironisch gemeint hat. Das ist ein Machtgestus, der der Psychoanalyse (der ohnmächtigsten Theorie aller Zeiten) völlig fremd ist. Der Ärger reicht allerdings nicht so weit, dass er mir die Lektüre der Texte verleiden würde.

    Als Schmidt-Abtrünniger sollte ich mich vielleicht hier aufs Lesen beschränken. Aber das Stichwort ‚Ärger‘ läutet bei mir allzu viele Glocken. Warum kann Schmidt so nerven? Gerade auch einen seiner frühen Bewunderer, dem nun wirklich ‚die Lektüre der Texte‘ verleidet wurde?
    Sie haben wohl recht, es ist vor allem sein psychoanalytischer oder meinethalben etymistischer Anspruchs-Gestus. (Und ich denke, Herr Rathjen, dass Schmidt seine Theorie bitterernst genommen hat – warum sonst die vielen Anläufe zur Erklärung, nicht nur in Interviews, sondern auch wiederholt in späteren Radio-Essays?) Ich glaube heute, nach Jahren oder Jahrzehnten zurückschauend, dass meine Bewunderung einen ersten, aber entscheidenden Knacks abgekriegt hat, als Schmidt (irgendwo in ZT) ausgerechnet Eichendorffs ‚Mondnacht‘ in sattsam bekannter Manier erledigte. Nun ist es nicht gerade originell, die ‚Mondnacht‘ gut zu finden. Und vielleicht ist es nicht mal absolut falsch, auch bei Eichendorff Unterschwellig-Sexuelles aufzuspüren. Das dann aber nicht als unwesentliche Fußnote zu betrachten, sondern sich so zu gebärden, als habe man (Schmidt) nun endlich den Wesenskern des Gedichts ans helle Tageslicht befördert – ach, da wurde mir so seltsam im Gemüte, da wurde mir dieser Arno so fremd. Wie konnte der große Literatur-Fachmann so kalt und ohne Gespür sein? Und heute empfinde ich nur Genugtuung bei dem Gedanken, dass diese 12 Zeilen des wohl sympathischsten deutschen Schriftstellers ZT lange überleben werden.
    Und wie der Mensch so ist: Ich fand immer mehr zu kritisieren und zu kritteln, immer mehr zum Ärgern am Gehirntier Schmidt. Das Problem ist halt nur, dass ich nicht einfach mit den Schultern zucken kann. Schmidt? Was soll’s. Sondern überall rumlese, was so über ihn geschrieben wird. Freilich, ZT werde ich nicht fertiglesen.

    BTW: Ich bin gewiss kein wirklich gründlicher Freud- und Psychoanalyse-Kenner. Aber, Herr Damaschke, sündigt Schmidt mit seinem Macht-Gestus so absolut gegen deren ‚emazipatorischen‘ Geist? Ist nicht jedenfalls die psychoanalytische Literaturbetrachtung der Anspruch, ganz im Sinne Schmidts, zu deuten, was der tumbe Autor(-Patient) halt leider nicht selber wusste oder nicht wissen wollte. Hatte der auch von ihnen geschätzte Karl Kraus so durchaus unrecht mit seiner Ablehnung der ‚Psycho-Analen‘? Ich halte das (reale und sinnbildliche) unsichtbare Thronen des Analytikers hinter dem auf der Couch Flachgelegten durchaus für eine Macht-Position. Aber ich frage ja nur.

  • Alfred 23 Harth 28. November 2010 at 00:26

    Allerdings ist ein unbeschwerter Umgang mit P-Schubladen hier zu vermerken:
    Ein Postmodernebegriff bei N.W.Schlinkert erscheint mir ein wenig putzig und Psychoanalyse (bei Giesbert Damaschke ) als „die ohnmächtigste Theorie aller Zeiten“ zu postulieren, halte ich fuer herausrragende Erregungen.