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„Weniger stachelig“ ist das Buch nun, sagte Jan Philipp Reemtsma kürzlich im Deutschlandradio, weniger stachelig als sein Ruf. Schiebt man mal einen Moment lang alles beiseite, was man möglicherweise an Vorwissen zu „Zettel’s Traum“ oder zu Arno Schmidt besitzt. Muss dann dieses Bemühen um Rechtfertigung und Beschwichtigung nicht eigenartig anmuten? Mit dem Wissen um die Entstehung und die Rezeption und schließlich auch um die Arbeit an der Neuausgabe ist das natürlich nicht eigenartig, sondern erklärt sich selbst. Und nicht nur das, auch das Resultat des gesetzten Buches, also die leichtere Lesbarkeit gegenüber dem faksimilierten Typoskript scheint sofort einsehbar. Gute Nachrichten also, dienen sie doch der Vorstellung, der Zutritt zu einem bedeutendem Werk der Gegenwartsliteratur, würde fortan über eine niedrigere Schwelle erfolgen können.

Dem steht aber offenbar einiges entgegen. Die Bereitschaft, Arno Schmidts Diktum zu folgen, dass „Zettel’s Traum“ bestenfalls nur für knapp 400 Leser da sei, ist nach wie vor groß. Was wäre dagegen auch groß einzuwenden? Öffentliche wie private Reaktionen scheinen genau das zu bestätigen. Schmidts abweisende Geste beansprucht Autorität, der wiederum viele bereitwillig folgen. Reemtsma weist im Interview aber auch auf die Konstitution dieser Autorität hin, wenn er ZT ein „schmerzliches Buch“ nennt, „weil da ein Autor eine Überanstrengung vollbringt“. Wenn dem so ist, wird jede Lektüre und auch jede Nicht-Lektüre zutage fördern, wie sich diese Überanstrengung im Buch manifestiert. Viele Leser, so auch Reemtsma, begegnen oder entziehen sich dieser Überanstrengung des Autors durch selektive Lektüre. Man liest Passagen, man stöbert und streunt durch das Buch, ohne je in einen Lektürefluss zu gelangen.

Eine andere Lese-Strategie ist sicher die lange und bisweilen immer noch praktizierte Erklärung und Entschlüsselung von Namen, Daten, Orten, Zitaten und Anspielungen. Manche Leser begnügen sich damit, die meisten von ihnen wissen aber natürlich auch, dass dieses Verfahren ein wenig so ist, als würde man das komplexe Gebilde nicht nur aus anderen Materialien noch einmal nachzubauen versuchen, sondern außerdem noch, wie bei einer Kathedrale eine ständige Bauhütte unterhalten, die permanent hie und da etwas auszubessern und zu reparieren hat – und doch gegen Taubenschiss und andere Erosionsursachen nie wirklich ankommen kann. Für Vergnügen sorgt hier die Bastelarbeit selbst, deren Selbstverständnis nach sie eigentlich nie an ein Ende kommen darf. Vergnügen und Überanstrengung genau auseinanderzuhalten, ist schwierig. Was also ist schmerzlich an diesem Buch?