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„Schluß mit’m Schreiben!“ So Daniel Pagenstecher zu Paul Jacobi (S. 59). Woraus ist das die Konsequenz? Die Diagnose, erst zwar auf Poe gemünzt, dann aber schnell auf Pagenstecher zurückgespiegelt, lautet auf „mehr oder minder—geschickt zu Rate gehaltene Armut“ (S. 78) der Disposition zum Schreiben. Pagenstecher weiter:

Und ich meine jetzt noch gar nich ma so sehr die Obsessionen beziehungsweise ‚Vermeidungen‘, an den’n schließlich jéder Schaffende laborirt; und bei denen es sich um keine bloßen künstlerischen Unarten handelt; sondern um, konstitutionell bedingte, ipsissima verba; oder inappellable Reihenfolgen von Zwangsgebilden …

Schreiben, um mit dem Schreiben aufzuhören. Wo andere der unerhörte Schreibwunsch plagt, stehen hier die „inappellablen Reohenfolgen von Zwangsgebilden“ im Weg und geben Anlass zu Rückzug und Resignation. Der Haltung wird auch eine eigenwillig interpretierte Legende verpasst. Pagenstecher entwirft die historische Opposition von „Asfaltliteratn“ auf der einen und „Blut & Bodn Stammlern“ auf der anderen Seite. Die „Asfaltliteratn“ haben „man zur Nazizeit“ als Gruppe aufgestellt. Eine eigenartige Wortwahl für einen Begriff, der propagandistisch zur sogenannten „entarteten“ Kunst parallelisiert wurde. Und eben diese „Asfaltliteratn“ hätten nun wiederum Schriftsteller, „die dörfliche Hintergründe, ‚einfache Menschen'“ darstellen, als „Blut & Bodn Stammler“ bezeichnet. Für diese und explizit gegen Poe und die „Asfaltliteratn“ als seine Erben nimmt nun Pagenstecher Partei. Und die Konsequenz lautet: „Schluß mit’m Schreiben!“?

Kommentare
  • Norbert W. Schlinkert 5. November 2010 at 19:53

    Mal ganz naiv nachgedacht: ist so eine Überlegung, als Schreibender mit dem Schreiben aufhören zu sollen, zu müssen, gar zu wollen, nicht sehr kokett? Warum nicht gleich mit dem Sprechen aufhören? Der Maler, der sich als dienstbeflissener, untertäniger Geist in ein Gemälde selbst hineinmalt, das einen König als Mittelpunkt hat, weiß durchaus um seine Doppelfunktion, denn soll der König sich selbst malen? Auch ein Pagenstecher wird als Sprechender (und Schreibender) beschrieben und kommt zur Geltung, obgleich er selbst beschrieben werden muß, um zu sein. Da beißt sich was in den Schwanz, und es war ja nicht zuletzt James Joyce, der mit der Möglichkeit eines “Schluß mit’m Schreiben!” aufgeräumt hat, indem er seinen „Finnegans Wake“ kreisläufig anlegte wie die Liffey und den circulus vitiosus deus.

    Eines jedoch ist auch mir durchaus unklar, denn natürlich ist Poe ein “Asfaltliterat”, man denke nur an „The Man of the Crowd“, aber wie kann Pagenstecher [wenn ich das richtig sehe] Partei ergreifen für die “Blut & Bodn Stammler”, zugleich aber deren Ende als Schriftsteller einfordern, so als wolle er sie, wenn es sie denn noch gibt, gleichsam lebendig begraben (wo wir dann wieder bei Poe wären). Oder soll das Ende des Schreibens nach Pagenstechers Ansicht für alle gelten, sowohl für die “Blut & Bodn Stammler“, weil sie Buße zu tun haben ihrer Mittäterschaft wegen, als auch für die “Asfaltliteraten”, denen seine ganze Abneigung gilt? Oder sollte das Ganze einfach nur Ausdruck von Selbsthaß sein, Angst auch, seiner selbstgewählten Rolle nicht gerecht zu werden? Das wäre am Ende dann eine auf die Spitze getriebene Koketterie, zumindest von dem Augenblick an, in dem er selbst wieder zu schreiben beginnt.

  • Guido Graf 10. November 2010 at 07:31

    Norbert W. Schlinkert

    Mal ganz naiv nachgedacht: ist so eine Überlegung, als Schreibender mit dem Schreiben aufhören zu sollen, zu müssen, gar zu wollen, nicht sehr kokett?

    Absolut. „Kokett“ ist aber vielleicht auch gar nicht mal die zuständige Vokabel. Stephan Wackwitz schreibt heute in der TAZ davon, dass Schmidt mit ZT den „Ulysses“ „ultimativ toppen“ wollte, um dann in „monumentaler Verfehltheit“ zu enden. Man kann noch weitergehen: The End Of All Things, Mutter aller Bücher, das Buch, das alle Bücher überflüssig macht, das Buch, nach dem niemand mehr ein Buch schreiben kann, das mehr wäre, etc. etc. – und das gar nicht mal, wie Sie sagen, wie bei „Finnegans Wake“ als Ouroboros vorgestellt, sondern sich selbst und alles andere (Lebende, Gegenwärtige, alle selbstbezogenen Spuren) vernichtend.

  • MF 10. November 2010 at 22:07

    Korrekt, wenn auch nicht kokett, ist es, zwischen Erzähler und Autor zu differenzieren. Nur mal so als langweilige, das Vordringen im Feld der Untersuchung behindernde, formale Anmerkung.

    • Norbert W. Schlinkert 11. November 2010 at 10:26

      Eine ähnliche Anmerkung hatte ich bereits mehrmals ins Rennen geschickt, besteht doch immer die Frage, wie nah sich Autor und Figur stehen, sei letztere nun Ich-Erzähler oder nicht. Michael Lentz findet es z. B. zu recht seltsam, wenn alle seine Gedichte in „Offene Unruh“ autobiographisch gelesen werden – für manchen Leser mag es aber trotzdem naheliegend sein, Nähe zu suchen (zumal bei Gedichten). Das ist legitim, der Leser ist autonom. Ebenso legitim ist es, bei einem aus allen Konventionen herausfallenden Werk wie ZT eine besondere Nähe von Erzähler und Autor anzunehmen, eine (symphilosophische) Wechselwirkung mithin, wenn denn die Fakten dafür sprechen – und das tun sie, denke ich. Ein Alter ego ist ein Alter ego ist ein Alter ego ist ein Alter ego.

      • MF 11. November 2010 at 16:53

        Was nichts daran ändert, dass solche Lesarten subjektiv beliebig bleiben, da sich der Interpret halt immer gerade das raussucht, was in sein zuvor bereits existierendes Bild passt. Solche Ad-hoc-Schlüsse vom Erzähler auf den Autor sind beinahe immer schief und behindern eher die Wahrnehmung des Textes als sie zu fördern. Was ist zum Beispiel mit Pagenstechers Aussage, er sei nie verheiratet gewesen, was er auch als zentral für seine Lebenshaltung ausgibt? Lügt Pagenstecher hier und ist er heimlich verheiratet? Hat er Alice im Keller versteckt? Hat er seine Gattin gar umgebracht und in die Güllegrube geworfen? Verbirgt sich in ZT doch noch ein Krimi? Dann wäre das Buch ja noch zu retten …

  • Norbert W. Schlinkert 11. November 2010 at 21:59

    Ich denke auch, daß die den Autor wie selbstverständlich einschließenden Lesarten problematisch sind und von einem bestimmten Bedürfnis des Lesers zeugen, der vielleicht lieber einen meinungsstarken Menschen zum Gespräch als ein Buch zum Lesen hätte. In jedem Fall wird so die Wahrnehmung, wie Sie schreiben, verengt, je mehr, desto komplexer der Text ist. Dennoch gibt es natürlich Ausnahmen, etwa Karl Philipp Moritz‘ psychologischen Roman „Anton Reiser“, wo eine gewisse Nähe von Protagonist und Autor angenommen werden muß, auch wenn hier kein Ich-Erzähler am Werke ist.

    In Bezug zu ZT wird aber wohl niemand den ganzen Arno Schmidt als ganze Person im Werk suchen, sich dennoch aber fragen, wo Pagenstecher seine Ansichten her haben mag – könnte ja auch gut sein, daß Schmidt und Pagenstecher, nur so als Annahme, ganz zufällig hier und da einer Meinung sind, weil sie aus dem selben Stall kommen. Und das macht am Ende wieder neugierig auf den Autor.

  • Norbert W. Schlinkert 16. November 2010 at 20:59

    Eben entdeckt und ganz ohne Text – Arno Schmidt als Radierung
    http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section=05&subsection=details&id=431