Arno-Schmidt-Pastiche-Wettbewerb?

Seit Wochen liege ich jetzt auf den Knien vor dieser editorischen Großtat und bewundere die Arbeit der Herausgeber, Zettels Traum in ein solches Megabuch verwandelt zu haben, das man auf seinen Knien selbst gar nicht lesen kann. Ich liege also auf diesen Knien und lese und muss mir mit jedem Tag mehr eingestehen, – es sind nicht die Knie meines Herzens.

Das scheint bei den meisten, die zu diesem Blog beisteuern, anders zu sein. Rührend bewegt mich die Arno- Schmidt- Anverwandlungsproasa, die hier vielfach produziert wird. Ist das hier eigentlich ein Schmidt-Pastiche-Wettbewerb? Es scheint die Ansicht vorzuherrschen, das Buch werde immer besser, wenn die, die es kommentieren, seinen Ton übernehmen und damit suggerieren, es  sei super aktuell. Leider weht mir,  noch immer in unbequemer Haltung vor dem Werk verharrend, der Muff der sechziger Jahre  aus jeder Seite föhnartig entgegen und transportiert das für Kulturhistoriker sicherlich hochinteressante Selbstherrlichkeitsgehabe abgehängter Intellektueller aus dem tiefsten 20. Jahrhundert. Begrenzt kultivierte Personen beiderlei Geschlechts, die sich über Poe unterhalten, als sei er der  Nabel der Welt und die sich so richtig großartig dabei vorkommen. Etwas Spannenderes kann ich mir gar nicht vorstellen. Diese Figuren und ihre Debatten und ihre Probleme und ihre Sprechblasen sind in ihrer Trivialität unerschöpflich und das begeistert mich wirklich. Wie hat Schmidt das durchgehalten? Hat er  tatsächlich geglaubt, man könne aus einem Zettelkasten große Literatur machen? Einzigartig aber ist sein  Provinzambitionismus, mit dem er es allen zeigen will, Freud, Joyce, der Moderne als solcher, der deutschen Literatur im Speziellen, alles soll vielfach übertrumpft werden, – die Welt wird Schmidt,  merkt es aber nicht. Was für eine gigantische Fleißarbeit, um die Neurosen eines alternden Intellektuellen ins Werk zusetzen! Respekt. Über die verklemmte Metaphorik, Poe oder Po oder so betreffend, decke man aber doch lieber den Mantel des Schweigens und schwafle nicht von Etymen, die als Privattheoremchen vielleicht Schmidt in seiner Heide getröstet haben, als poetisches Verfahren jedoch so gnadenlos an den Haaren herbeigezogen sind, dass es einen schauert auf dem Feld. Die Vermutung, Poe als Folie für das ganze Getexte sei vielleicht nur deshalb gewählt worden, weil sein Name so pubertierend schlüpflig etymisiert werden kann,  läßt das Ganze auch nicht gerade als Gipfel erotischer Prosa erscheinen. Langsam tun mir die Knie weh, auf die ich mich anfangs niederwarf, denn das Buch hält kaum, was seine großartige Präsentation verspricht.

Kommentare
  • Norbert W. Schlinkert 1. November 2010 at 17:39

    Wissen Sie eigentlich, lieber Herr Schärf, was Sie mit solchen Aussagen, Stichworte „Arno- Schmidt- Anverwandlungsprosa“, „Schmidt-Pastiche-Wettbewerb“, riskieren? Das könnte Ärger geben! Da wird sich sicher jemand persönlich angesprochen fühlen, da könnse Gift drauf nehmen! Ich selbst habe mich vor ein paar Wochen selbst zitiert, indem ich einen ursprünglich anderswo (ohne .de) geschriebenen Kommentar auf schauerfeld.de eingestellt habe, Zitat: „Natürlich sind auch Bilder und Gedichte und überhaupt alles Poetische nett, doch was soll man (als Leser) dazu sagen.“ Mir ging es darum, meinem Wunsch nach einem Discours Ausdruck zu verleihen, der dann doch eher wissenschaftlich als schriftstellerisch motiviert sein sollte. Später ist es dazu ja auch gekommen, vorher aber …

    Im selben zitierten Kommentar schrieb ich auch noch, Zitat: „Vielleicht ist es aber auch so, daß Arno Schmidt inzwischen zu den vergessenen Autoren zu rechnen ist – hat nur keiner gemerkt!“ Deswegen war aber keiner beleidigt, und natürlich kann man sagen, das will (wenn es so ist) natürlich auch keiner merken, das entzöge ja so manchem Unternehmen die Geschäftsgrundlage, aber allein schon die Tatsache, daß die so internetaffine Jugend sich hier nicht beteiligt (keine Proteste bitte! – jeder und jede fühle sich so jung, wie es beliebt) spricht Bände.

    Immerhin, und das ist doch schon was, kann man das Phänomen (oder auch Föhnomen) Arno Schmidt schön in einen Kontext setzen, ohne die literarische Qualität, etwa von ZT, dabei in Anschlag bringen zu müssen. Ich selber schreibe hier ja auch nicht in meiner knapp bemessenen „freien“ Zeit, weil ich von Schmidt je begeistert gewesen wäre, sondern weil er so ganz anders ist als jene Schriftsteller (der selben Generation), die mich durchaus mitreißen. So lese ich jetzt gelegentlich in der alten Ausgabe von ZT, um zu ergründen, was daran Begeisterung auslösen könnte, oder gar den Wunsch nach Nachahmung. Herausbekommen habe ich es noch nicht, aber ich begreife ja auch kaum, warum Intellektuelle 1914 mit Begeisterung in den Krieg zogen. Kann sein, daß man bestimmte Dinge nie kapiert.

  • Norbert Zähringer 1. November 2010 at 19:04

    Norbert W. Schlinkert
    Wissen Sie eigentlich, lieber Herr Schärf, was Sie mit solchen Aussagen, Stichworte “Arno- Schmidt- Anverwandlungsprosa”, “Schmidt-Pastiche-Wettbewerb”, riskieren? Das könnte Ärger geben!

    Na, das hoffen wir doch alle, oder!? Damit mal so’n bisschen Leben zwischen all die Buchstaben kommt! Da hat Christian Schärf ganz recht – ohne jetzt schon ein Urteil über den Zettel fällen zu wollen (oder zu können) – ist auch mir vieles hier zu sehr „auf den Knien“. Und außerdem viel zu lang. Schlauheiten, für die ich selbst bei einem 24 Zoll Monitor mit Pivot-Funktion das Rädchen meiner Maus bewegen muss, sind meistens dummes Zeug!
    Also, ihr A.Schmidt-Jünger da draußen in den schaurigen Gräben, bitte macht KURZEN Prozess!
    Als positives Beispiel möchte ich den Herrn Pauler erwähnen, der mit seiner „Die-Stadt-ist-nicht-groß-genug-für-uns-beide-Fremder“-Variante (als Replik auf Alexander Wasners Beitrag) zeigt, dass man seinem Gott nicht gleich seitenweise huldigen muss, wenn sich einem ein Ungläubiger offenbart hat:

    http://www.schauerfeld.de/?p=658#more-658

    (Letzter Kommentar, ganz unten. Würde mich natürlich schon interessieren, wo das bei Wells steht – Krieg der Welten?)

    • Norbert W. Schlinkert 1. November 2010 at 21:27

      Meine Rede! Butter bei die Fische! Doch mit Arno O. Schmidt, speziell mit Zettel’s Traum, kurzen Prozeß machen? Und das, wo wir uns alle so viel Mühe mit dem Knaben gegeben haben? … I’m a poor lonesome cowboy and a long ways frome home …

    • Friedhelm Rathjen 1. November 2010 at 21:34

      Wells formulierte den schönen Satz, den vieleviele Schmidtleser bis heute für ein besonders schönes Originalzitat ihres Hausautors halten, nicht in „War of the Worlds“ und auch nicht in einem anderen seiner Romane (beispielsweise „Time Machine“, das Schmidt zumindest auf deutsch kannte), sondern in einem Brief an James Joyce. Joyce hatte Wells um Unterstützung für sein Projekt „Finnegans Wake“ gebeten, Wells lehnte das mit besagter Toleranzgeste ab. Schmidt stolperte über den Satz, als er anfing, sich intensiv mit Joyce zu beschäftigen.

  • Alfred 23 Harth 1. November 2010 at 23:44

    Das ist kernig & bleibt haengen!

  • Guido Graf 2. November 2010 at 08:20

    Die Buchgestalt hat sich gewandelt, die Rezeption, wie es scheint, in Teilen, kaum. Im April 1970 nannte Wolfram Schütte Zettel’s Traum einen „Alptraum für Diagonalleser, sie müßten über die Millionenschar der Buchstaben und Zeichensetzungen hin und her huschen wie de Wasserläufer auf einem sommerlichen Bachgekräusel.“ Haltungsfragen gegenüber dem Buch als Objekt, ob devot oder talibanistisch sprengend, wurden schon damals diskutiert. Passt ja auch zur Megalomanie Schmidts, der etwa sein Lilienthal-Projekt im Laufe der Zeit als immer größer ankündigte, bis es Dimensionen jenseits aller Wahrscheinlichkeit angenommen hatte. Literatur des Als-ob oder im Möglichkeitsmodus, das Werk, das alles Werkeln beendet etcetera. Zettel’s Traum ist demgegenüber der leibhaftige Testlauf? Dabei fängt ja nach Zettel’s Traum für Schmidt auch noch wieder etwas an. Siehe etwa Abend mit Goldrand. Gibt es aber zu Zettel’s Traum noch andere Muster der Rezeption als Anbetungshaltung oder kurzen Prozess? In ihrer Tradition sind das ja auch sehr verwandte Muster. So eine Art Bequemlichkeitsdezisionismus. Wer das Buch „in beiden Händen hält“, so Wolfram Schütte 1970 weiter, „dem werden die Knie weich.“ Ach was, wir haben inzwischen trainiert, oder?

    Mir will auch nicht so recht einleuchten, wo etwa Ulrike Draesner, Ronald Pohl, Alban Nikolai Herbst oder Ann Cotten sich beugen und auf den Knien ihrer Herzen vor ihrem Herrn aka Schmidt erschienen? Ein echtes Pastiche, allerdings, das wäre was. Steht aber noch aus.

    • Norbert W. Schlinkert 2. November 2010 at 15:46

      Mir scheint, es wird mehr und mehr um die Lesehaltung gerungen. Die Frage, wie man ohne körperliche Schäden ZT lesen kann, ist dabei ebenso wichtig wie die, mit welcher geistigen Haltung dem Zettelwust zu begegnen wäre. Ich neige als Kulturwissenschaftler (mit striktem Bezug zur Literatur) ohnehin nicht dazu, literarische Werke entweder zu vergöttern oder zu verteufeln (der Vorwurf der Beliebigkeit perlt bei Kulturwissenschaftlern übrigens ab, selbst bei denen, wo er zutrifft), sondern dazu, Werke zu kontextualisieren und zu benutzen, spielerisch womöglich. Immerhin ist der Mensch nur da Mensch, wo er spielt, wie ein schillerndes Wort ja trefflich behauptet. Warum also nicht mit der Sprache Arno Schmidts spielen, wenn’s denn sein muß, also wenn’s wirklich nicht anders geht. Daß mich dann solche Ergüsse weniger interessieren, führt einfach nur dazu, daß ich sie nicht lese, und eben dies läßt sich doch mit ZT auch gut machen, ganz ohne Aufwand und Kosten.

      Ganz altmodisch könnte man sagen, ein Buch muß Freude bereiten, anregend, aufregend sein, damit sich Autor und Leser im Text treffen. Das kann Arno Schmidt allerdings nicht wirklich beabsichtigt haben, selbst wenn er nur 400 Leser anvisiert hat (wozu dann aber eine höhere Auflage?). Auch Jan Philipp Reemtsma hat ja in einem Radiointerview, so weit ich mich erinnere, kürzlich davon gesprochen, daß man ZT kaum kontinuierlich liest, sondern viel eher hier und da und gelegentlich mal hineinliest. Auch bei „Finnegans Wake“ bedienen sich wohl die meisten Leser des Hilfsmittels der Inhaltsangabe, um dann mal hineinzuschnuppern. Am besten wäre es wohl, man würde solche Werke gar nicht mehr in Buchform veröffentlichen, sondern etwa als Tapete anbieten, auch wenn man sich dann wieder bücken und strecken muß. Literatur ist eben anstrengend!

      • MF 2. November 2010 at 21:42

        (wozu dann aber eine höhere Auflage?)

        Für einen Kulturwissenschaftler ist das aber eine ziemlich merkwürdige Frage, oder?

  • NO 2. November 2010 at 10:52

    In der Tat, lieber Christian Schärf,

    fragt es sich, warum der Leser, der normale Konsument, der Nicht-Profi dies Buch lesen soll. Bei der Beantwortung sind die Beiträge und Kommentare in diesem Blog bisher kaum Hilfe.

    Auf S. 48 angekommen ist (für mich) zu konstatieren:

    Die Erschließung dieser Laut-Sprache, dieser gemalten Schrift, ist mühsam („Der Mann’s ansa“ auf S. 33 [= der man es ansah]. Der Sinn solcher Verklausulierung nicht fasslich. Der bisherige Inhalt und die Form seiner Darstellung rechtfertigen die Mühen nicht wirklich.

    Beispielsweise mag es ja in der Tat ein Zusammenspiel zwischen Stacheldraht und Stacheldiestel geben, und die einmalige Erwähnung des auseinandergezogenen Zaunes zwecks Betretens des Feldes spielt auf die Lagerzäune und die Lagererfahrung von AS an – aber so what?

    Immerhin:

    Man kann dieser sprachlichen Verrätselung mit Lesedisziplin den Inhalt der Handlung und der Dialoge entnehmen. Das ist wie ein Entdeckungsabenteuer. War es aber auch bei Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ und hatte dort mehr Spaß gemacht. Und wird sich abschleifen.

    Es läuft neben der Haupthandlung eine gehaucht angedeutete Liebesgeschichte zwischen Dän und Franzi mit – zart (und daher schön), weil nur angespielt, angeklungen in Assoziationen, in Wortspielen, Nebenbemerkungen. Die Lautschrift zeigt erotische Bedeutungen, die anscheinend im normalen Dialog mitschwingen, z.B.:

    – „Und der LederRiem’m teilde (S.11) – nämlich der Lederriemen, an dem Franzi das Fernglases herabhängt, teilt den „Doppelbusen“ – wie der anscheinende dies verzückt beobachtende Dän sich in Gedanken bemerkt;
    – Oder: [Franzi] „machte 2 blaue Lämpchen aus ihren Augen“ (S. 12) [für Dän];
    – Oder: „FR … schon=ganzselich“ – und das im Kontext zu W., die „inbrüstich testikelnd“ ein Kompliment spricht, und zur von Dän gebildeten Begriffskette lüsternerer Stimmung – Be=Schauer – Voyeur – Melkerin (alles auf S. 15).

    An einer oder anderer Stelle habe ich aufgelacht, weil die Lautschrift Mundart nachmacht, welche in ihrer platten Plötzlichkeit in der Poe-Diskussion auf mich erheiternd wirkte:

    – „Sie las; n’büschn schtokknd“ (S. 44).
    – Und der ist-es-ein-Hase-oder-eine-BaumwurzelStreit (auf S. 28)endend mit: „Da vorne war die Wurzel eben aufgesprungen … und kam vorbeigerast: Ach is das ein dikker Mensch!“ bis hin zu: „ … Sagtma: habt ihr Watte in`n Ohrn?“

    Überhaupt findet AS neue, schöne Begriffe, malt bisher unbekannte Wörter und „poetisiert“ den Text damit ein wenig: „Nebel schelmenzünftig“, “noch vom vor 4 benommen“, jemand macht „Ja=Und=?=Augen“, „Tau=Schauer“, „Distel=Dame“, Hägse [= Hexe].

    Aber das ist alles! Das ist alles? Das ist es, was bleibt? Das soll den Mythos dieses Buches ausmachen?

    – Kann den `mal einer hier erklären, warum der Schmidt so schräg schreibt? Schreiben muss? Schreiben soll?
    – Wird so etwas auf dem Gymnasium gelesen? Und wenn nein, warum (denn wohl) nicht?
    – Welche Resonanz hat AS denn (mit ZT) ausgelöst (und bei welchem Autor oder welchen Werken welcher Kunst auch immer)?

    Beste Grüße

    NO

    • MF 2. November 2010 at 12:56

      Der normale Konsument soll das Buch überhaupt nicht lesen, sondern seine Zeit besser anders nutzen. AS setzte einst für das Buch so um die 400 Leser an; etwas mehr werden es in den 40 Jahren vielleicht geworden sein. Aber ein Buch Jedermann ist ZT ausdrücklich nicht.

  • Giesbert Damaschke 2. November 2010 at 12:10

    btw – es wird hier ja gelegentlich auf die penetrante Selbstherrlichkeit des Ich-Erzählers vewiesen. Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang das Motto des gesamten Romans nicht ganz aus dem Blick verlieren. Marius Fränzel hat dazu eine kleine Anmerkung geschrieben, auf die ich an dieser Stelle einfach mal verweisen möchte: http://www.zettels-traum-lesen.de/2010/11/02/das-motto/

  • molosovsky 2. November 2010 at 20:21

    Bisher fruchtbare Lesehaltung (und ich habe nun Jahre nix längeres von AS gelesen, sozusagen gefastet für ZT): Jeden Tag 2 bis 4 Seiten. — Vieles muss man eben nicht lesen, sondern hören, dann sind auch die ganzen Verrätselungen nicht kryptisch, sondern einfach nur Gewohnheits-, also Einlese- & Tuning-Sache.

    Zu den »Was soll das Zettels Trumm?«-Fragen will ich einfach mal auf Stellen hinweisen, die mir autopoetische Schlüssel zu sein scheinen. — Meine Prämisse: AS schreibt über einen DichterPriester durchaus so selbstgewahr (selbstgewirr), zu wissen, selbst ein DP zu sein (oder sein zu wollen, bzw. für einen gehalten werden zu können).

    >>> DP’s. Mein Haupteinwand gegen sie wäre : daß sie, vor lauter mystischer Apartheed, nich mehr imstande sind, den einfachsten Gegenstand {…} als solchen zu schildern. <<>> {…} »ss doch scharfsinnig genug! {…} Das sind diese Leute Anderen gegenüber arg gern – und wenn sich’s um abgespaltene Selbstportraits handelt. {…} Jetzt auch noch die Auflage: EDGAR POE zu sein. ! Wenn man über 50 noch etwas Mittelgroßes leisten will, muß man sein Leben aufs Spiel setzten <<>> Die Bejahung der Vielsinnigkeit {…} auf Traumbasis zu schreibn also; leistet einer Mehrstimmigkeit im höchsten Maße Vorschub. <<< (S. 39)

    Siehe Details. Oder ganz banal: AS, Fan von Genre- & Reise-Abenteuern hat unter anderem seinen Spaß damit, beim Übersetzen mit Pschüchologie-Besteck im Poe zu puhlen. — Siehe auch Explizierung: »Du reitest auf FREUD rum, geldt?« (S. 44) — (Beiseit: vielleicht ist das ›geldt‹ ein Deut auf die schelmische Spekulation, warum die ZT-Auflage die anvisierte Versteh-Leserzahl 400 überstieg, weil eben die ganzen Psychoheinies von dunnemal den ZT ›ernst‹ genommen haben. — Siehe auch: AS, der verkannte Kalauer-Humorist der eine Vielsinn-Douplone nach der anderen münzt… für andere dann halt nur die hinlänglichsten Altherrenwitz-Prallinen der willhelminischem Muff-Welt.)

    Kurz: ich nehm AS genau so unernst, wie ich muss, um mich auf ihn als Mensch, bzw. als Schelm, als Getriebenen, einzulassen. Auch mich überkommen bei AS-Lektüren ab und an Phasen, wo mir seine Schreibe, genauer: seine Getriebenheit, sein Wille zum Elitarismus unangenehm werden. Aber die Grundresonanz von AS zu mir rüber, was ich so über die Zeiten zu vernehmen glaube, ist mir sympathisch. Wäre das Werk von AS zugänglicher, einfacher und wohlproportionierter geraten, wenn er sich nicht aus der einen Art Beengung in (s)eine selbstgewählte geschrieben hätte. Sicherlich.

  • molosovsky 3. November 2010 at 04:12

    Huch ! Oh-je. Mein Spitzklammern-Versuch Zitate kennzuzeichnen ließ Zeilen verschwinden. Ich ergänze das Verschluckte aus dem vorherigen Kommentar.
    ——
    —— DP’s. Mein Haupteinwand gegen sie wäre : daß sie, vor lauter mystischer Apartheed, nich mehr imstande sind, den einfachsten Gegenstand {…} als solchen zu schildern. (S. 23)

    Und was unternimmt AS (nicht erst seit ZT)? Er schildert einfache Gegenstände, wählt kleine Welten und verwandelt sie in viel (komplizierten) Text. Wie Joyce zeigt er, dass ein Tag 1000 Seiten und mehr Stoff hergibt, wenn man verwandelnd und detailver- & besessen vorgeht.

    —— {…} »ss doch scharfsinnig genug! {…} Das sind diese Leute Anderen gegenüber arg gern – und wenn sich’s um abgespaltene Selbstportraits handelt. {…} Jetzt auch noch die Auflage: EDGAR POE zu sein. ! Wenn man über 50 noch etwas Mittelgroßes leisten will, muß man sein Leben aufs Spiel setzten. (S. 26)

    Na wenn das nicht Selbstironie ist, was dann?

    —— Die Bejahung der Vielsinnigkeit {…} auf Traumbasis zu schreibn also; leistet einer Mehrstimmigkeit im höchsten Maße Vorschub. (S. 39)

    • NO 3. November 2010 at 11:41

      D A S (!), lieber molosovsky,

      nenne ich eine hilfreiche Einlassung, die davon berichtet, was Ihnen am ZT Spaß macht und warum und das an Textstellen mit Seitenangabe belegt. Auch inhaltlich lässt sich das hören und ggf. in Teilen als Richtschnur übernehmen. Dank dafür. Dass dagegen ein mf da oben erklärt, der ZT sei für die Überlebenden der 400 da, die sich jetzt hier im Elfenbeinturm versammeln, schiene mir auch eine zu komplette Bankrotterklärung der Literaturprofis gewesen zu sein (zumal Suhrkamp die hiesigen Kommentatoren ja mit Freiexemplaren ausgestattet haben dürfte, das Buch ja aber eigentlich doch wohl lieber verkaufen möchte).

      Zu Ihrem Amüsement über den Kalauerkönig Schmidt:

      Sie haben auf S. 51 von dem vorbeigehenden Knecht gelesen, über den sich Wilma? der Erzähler? der erzählende Dän? erhebt und dann auch noch mit miesem Rassenwahn kommt:

      „Grundste 1 Stück Knecht vorbei; steiff, mit Füßen wie angewachsene Schier; (: Was hab‘ ich bloß im Leben falsch gemacht, daß So=Was mich grüßen darf!; zum „Kopf“ wäre Rassebüchlein der Hitler-Zeit bestimmt „holzschnitt=artig eingefallen …“

      Abgesehen von dem großartigen Witz dieser Zeilen, abgesehen von Wortwitz und Bilderwitz in den Skiern, abgesehen von der durch die Wort-Schreibweise vorgeschlagenen Parallele geistiger Einfältigkeit und einfältiger Artigkeit – abgesehen davon stockt einem doch der Atem, oder? Also nix Kalauer und Witz!??

      Und: Wie und warum unterscheidet sich das denn nun von Niebelschütz? Oder anders gefragt: Warum liest der Herr Süselbeck, die „Literaturkritik“, den einen, aber nicht den anderen?

      Beste Grüße

      NO

  • molosovsky 3. November 2010 at 13:27

    Lieber NO.

    Freut mich, dass Ihnen meine Anmerkungen hilfreich dünken.

    Ich kann freilich nur für mich sprechen, und ich mag sowohl AS als auch Niebelschütz. Warum? Nun ja, mein Hauptinteressensgebiet ist die Phantastik, und ich erachte beide genannte Autoren als hochinteressante Vertreter derselben. Dann, weil beide (auf ihre jeweilige Art) sprachlich, poetisch Exoribitantes vorgelegt haben.

    Da ich ein ungezähmter, dahergelaufener Leser und dilettantischer Freizeitkritiker bin, kann ich für die *DIE Literaturkritik*, also den Herrn Süselbeck, nicht antworten (nebenbei: find ich eigentlich ein wenig unfair, wenn Sie, NO, von einer Profession auf die Person und umgekehrt schließen). Da müssen Sie ihn schon selber fragen.

  • Guido Graf 10. November 2010 at 07:20

    Abgesehen von dem großartigen Witz dieser Zeilen, abgesehen von Wortwitz und Bilderwitz in den Skiern, abgesehen von der durch die Wort-Schreibweise vorgeschlagenen Parallele geistiger Einfältigkeit und einfältiger Artigkeit – abgesehen davon stockt einem doch der Atem, oder? Also nix Kalauer und Witz!??

    heute in der TAZ schreibt Stephan Wackwitz großartig über Zettel’s Traum: „Große Kunst und kompliziert ausgearbeiteter Dachschaden.“ Beides zugleich wohlgemerkt.

  • molosovsky 10. November 2010 at 10:44

    Ich finde, dass Wackwitz sehr trefflich beschreibt, in welche Zwickmühlen man als AS/ZT-Leser geraten kann. Und ich finde, dass seine Bezeichnung von ZT als »große Kunst und kompliziert ausgearbeiteter Dachschaden« keine Verunglimpfung des Werkes darstellt. — AS und sein ZT sind ja diesbezüglich keine Solitäre der Literaturgeschichte. Aus dem Stegreif kommen mir solche ›eigentlich unlesbaren Irrwitzwerke‹ wie »Finnegans Wake«, »Der Mann ohne Eigenschaften«, »Fluss ohne Ufer«, »Jahrestage«, »Der Bildverlust«, »Rayuela«, »Die Enden der Parabel« oder auch »Joseph und seine Brüder« in den Sinn. Für all diese Bücher muss man als Leser eine eigentümliche ›pathologische‹ Haltung einnehmen, um mit ihnen seine Freude haben zu können. — Nebenbei: ich finde es sehr interessant, wenn man ZT mal neben zwei andere formal & typographisch exzentrische Werke hält: Raymond Federmanns »Alles oder Nichts« (1971, dt. 1986) und Mark Z. Danielewskis »Das Haus«.

  • NO 10. November 2010 at 12:40

    Es fragt sich der Leser: Trägt die Geschichte denn 1.300 Seiten?

    Zwar stimmt, was hier gesagt wurde: Man gewöhnt sich an die Lautschrift, an die Bildersprache. Und dann ist es nicht schwer. Ist sogar amüsant und intelligent. Man denkt nach darüber, wie man so spricht. Man assoziiert, wenn unzusammenhängende Lautschriftwörter entstehen. Oft genug geben diese Lautschriftwörter auch ergänzenden Sinn bei, etwa wenn – wie hier schon dargestellt – durch die Herausschälung des Wortes „Krieg“ z.B. („ …sprich laut so dassIch allz mit=Krieg …“, – S. 77) der Figurenkommentar an dieser Stelle aggressiv sein soll.

    Aber was, wenn man sich diese Schmidt=Sprache wegdächte?

    Bliebe da etwas?

    Für mich bleibt das Bild der niedersächsischen Dörfer südlich von Hamburg und um Hannover aus den sechziger und siebziger Jahren (Felder, Wiesen, Wälder und Kuhscheiße) und die Abbildung der „in’n=ander“ geschobenen, genuschelten Worte ihrer Bevölkerung; soweit zur Darstellung seiner Zeit als Schriftstelleraufgabe. Ist aber wenig für 1.300 Seiten und verblasst neben dem (aufgeblasenen?) Rest.

    Dann bleibt die Annäherungsgeschichte Franzl/Dän; das ist streckenweise wirklich nett (finde ich). Überraschend übrigens, dass man auch in dieser Schmidtmalerei Sex darstellen kann (S. 177). Und einige wenige beeindruckende Stellen im „Roman“ (?), insbesondere die vor dem Laden mit BILD-Käufern und mit Schnaps für die Männer (plus blonder Walküre) „im’m Laden“ (S. 88 ff), wo mit wenigen Pinselstrichen ein detailliertes, spannendes P a n o r a m a (um dieses Wort zu bemühen) gezeichnet wird. Und die Passage mit den beiden Reiterinnen (S. 118), welche die praktischen Freuden der Pferdezucht diskutieren – brüllend komisch.

    Aber sonst bleibt zu 90 % Gerede über diese absurde Literaturtheorie der Ethyme und ein bisschen Spaß über die daraus „abgeleiteten“ sexuellen Anspielungen und Bezüge insbesondere in den Texten von Edgar Allan Poe. D A S kann doch wohl nicht noch 1.100 Seiten so weiter gehen? Das trägt (meines Erachtens) nicht. Das liest niemand. Auch nicht in dieser Druckfassung (zu der ich bei dieser Gelegenheit dem Friedrich Forssmann auch ein Riesenkompliment machen möchte: Ich hätte mir nie die Typoskript-Fassung gekauft, und hätte also ohne Sie nicht feststellen können, dass man AS – oder zumindest ZT – auch wirklich lesen kann; Dank dafür!!).

    Also hoffentlich gibt es noch eine Geschichte!

    Hoffnung gibt, dass sich bisher zwei Aspekte angedeutet haben, die hier im Schauerfeld schon als zukünftige Höhepunkte (?), Umbrüche (?), Geschehenisse (?), Zentralkonflikte (?) in Aussicht gestellt wurden, Däns Impotenz und sein Atheismus:

    – S. 160: „ …(: wie gut (jetzt ausnahmsweise ma!) daß er fast niemehr stand, wegn))…“
    – S. 175, rechte Spalte: „X-tus …. Ich kann den Kerl nicht leiden“)

    Und an Alban Nikolai Herbst die Frage:

    Haben Sie gesehen: Wie in Ihrem „Wolpertinger“ gibt es eine Anspielung auf Stephan Daedalus, hier nämlich auf S. 177 (linke Spalte Mitte): „stiewn Diddelus“.

    Was halten Sie denn davon?

    NO

    • Norbert W. Schlinkert 10. November 2010 at 18:24

      Diese Frage, ob die Geschichte trägt, läßt sich in der Tat stellen, und es gibt ja durchaus, wie molosovsky bereits schrieb, einige dicke Dinger, die kein normaler Mensch lesen würde. Doch war es nicht auch Arno Schmidt, der sich den (bei ZT notwendigen) geübten Leser wünschte, ganz abgesehen von Schriftstellern, die Leser brauchen, die nur ihn lesen (die männliche Form ist hier durchaus angebracht, oder kennt jemand eine Schriftstellerin mit solch absolutistischem Anspruch?).

      Doch nicht nur die Frage nach Inhalt, Dramaturgie, Personenführung usw. ist von Bedeutung, sondern auch und besonders die des Stils, denn eben dieser vermittelt die notwendige Nähe zum Wahnsinn, zum ganz und gar Unglaublichen. Der entscheidende Punkt ist aber möglicherweise, daß der Leser wahrscheinlich schlicht Respekt hat vor einer Leistung, die nur dieser eine Mensch in dieser Form hat vollbringen können, und da will der Leser dann doch wenigstens seinen kleinen Beitrag leisten. By the way: Der Berg ist ja auch immer schon da, doch wenn der kleine Mensch ihn bezwingt, kauft er sich ein T-Shirt, auf dem dann Müggelberg-Bezwinger steht (oder so).