Anatomische Kenntnisse

Aus verschiedenen Gründen lese ich gerade Ernst Jüngers „Kriegstagebuch 1914-1918“, herausgegeben von Helmuth Kiesel. Es handelt sich dabei um jene Aufzeichnungen, aus denen Jünger sein 1920 erschienenes „Tagebuch eines Stoßtruppführers“ modellierte, „In Stahlgewittern“.

Am 11. April 1916 notiert Jünger: „In den Gärten fand ich einen Beckenknochen, an dem noch Fetzen französischen roten Tuchs klebten. Allmählich erwirbt man hier anatomische Kenntnisse.“

Am 4. November 1916 erwacht der vom Krieg nach wie vor begeisterte Soldat nach einem Besäufnis (Riesenbowle mit einer ganzen Flasche Rum) mit einem „Brummkopf“ und vertraut seinem Tagebuch die verschämte Feststellung an: „Malborough ne peut pas s’en aller en guerre. Malheur! Malheur!“

Es ist und bleibt verstörend, wie diese offensichtlich seit Langem zum deutschen Kommiss-Jargon gehörenden, sozusagen „multifunktional“ einsetzbaren Phrasen-Elemente soldatischen Alltags-Denkens auch bei Arno Schmidt wiederkehrten, als er am 25. November 1933 an seinen Schulfreund Heinz Jerosky in einem Brief mitteilte:

„Habe mich zur S.S. melden wollen (Marlborough se va-t-en guerre…); Übungsabend mitgemacht und erfahren, welche Körperanhänge bei der Kniebeuge auf dem Boden zu schleifen haben; man nahm mich nicht an, von wegen 2/5 normaler Sehschärfe. Schade, hätte Anatomie gelernt!“

Auch „Zettel’s Traum“ muss man vor dem Hintergrund dieser Nachricht lesen. Alles andere wäre Augenwischerei.

Kommentare
  • Stefan Mesch 30. Oktober 2010 at 21:22

    Heute Nachmittag habe ich die letzten 20 Seiten von „Die Umsiedler“ gelesen. Und eine Kneipenszene angestrichen:

    „Rechts las man Nationales vor und sah mich prachtvoll stahlgewittrig an: ei, so laßt uns denn kollektiv denken und „Nicht wahr: doll“, sagte ich hinterhältig warm: hei, wie sie auflebten und s mit beteuerten. Einer brachte sogar den großen Hans Dominik raus, und sie hoben und senkten eine Zeit lang bestätigend die breiten gelblichen Stirnen, uns ist ganz kannibalisch wohl, I was condescending with all my might (aber das ist nicht allzuviel; hab wenig Geduld mit solchen Feuerwehrleuten. Schon der schönste Gegenstand kann durch das Lob eines Narren unleidlich werden, von Volksausgaben ganz zu schweigen).“

  • Stefan Mesch 30. Oktober 2010 at 21:33

    Dass solche Passagen keine Briefe/Selbstzeugnisse sind, sondern immer noch ein (immer gleicher, löchrig-hingepfuschter) Ich-Erzähler vorgeschoben wird, tut keiner der beiden Ebenen gut:

    Als Fiktion, Erzählung dröhnt die Arno-Schmidt-Stimme (und seine privaten Aversionen, gegen Aufrüstung, Kirche, Bauern…) zu kunstlos/ungebrochen über JEDEN jeweiligen Erzählentwurf hinweg…

    …und als Brandrede/Polemik/Selbstdarstellung bleibt’s arg bräsig/stammtischlernd (und: monoton).

    Am Ende nehm ich da vor allem mit: Herr Schmidt nutzt seine Zeit, um mit VIEL Energie kleine, banale Gehässigkeiten gegen (hier, als Beispiel:) Feuerwehrleute zu spitzen.

    Kommt da noch mehr/grundsätzlich Anderes?

  • Norbert W. Schlinkert 30. Oktober 2010 at 22:09

    Zur „Wahrheit“ über den Krieg und das Soldatentum gehört ohne Zweifel die angesprochene Kaltschnäuzigkeit, der Zynismus des sich siegesgewiß fühlenden Soldaten. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch, daß die Soldatensprache „nur“ notwendiger und leider natürlich auch folgenschwerer Jargon ist. Wirklich spannend wird es, wenn die „Begegnung mit dem Tod des Anderen“ reflektierend in einen anderen Kontext gesetzt, runtergebrochen wird auf das Individuum. So beschreibt Ernst Jünger, auf die Zusammenhänge von Eigenverantwortung und Staat rekurrierend, wie er einen von ihm während des Kampfes erschossenen gegnerischen Soldaten vorfindet. Jünger schreibt: „Davor lag mein Engländer, (…). Ich zwang mich, ihn zu betrachten, ihm ins Auge zu sehen. (…) Oft habe ich später an ihn zurückgedacht, und mit den Jahren häufiger. Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen sie austragen. Sie reicht tief in die Träume hinab.“ (Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Erstausgabe 1920 Auswahl aus dem Werk in fünf Bänden. Erster Band. Stuttgart 1994. S.248.) Natürlich muß hier beachtet werden, daß es sich nicht mehr um unmittelbare Aufzeichnungen handelt, sondern um einen Tagebuch-Roman, der der Öffentlichkeit zugedacht war, aus welchen Beweggründen auch immer.

    Wenn man das Werk Arno Schmidts auf soldatische Bezüge hin abklopft, so sollte, denke ich, der von Jünger angesprochene Aspekt beachtet werden, damit der Fokus nicht zu scharf auf das allzu Offensichtliche gerichtet ist. Allerdings taucht hier dann auch wieder die Frage auf, wie weit Arno Schmidt von seinen Figuren entfernt ist, ob es ein Alter ego im Text gibt usw. Nicht wenige aus der Kriegsgeneration waren ja nach 45 absolute Kriegsgegner, ohne sich jedoch vom schmissigen Umgangston der 30er und 40er Jahre wirklich emanzipieren zu können – vielleicht ist ZT der Versuch Schmidts, eben diese Emanzipation zu vollziehen, das Alte mitsamt seiner Sprache auszutreiben?