Unsterblichkeit mit Tina und Arno

Ich taste mich langsam heran. Einen Abend Hörspiel Brand’s Haide, in dem Ulrich Wildgruber den Nachkriegshelden gibt. Im Hintergrund kichernde Weiber. Eine geht nach Amerika (oder war es Kassel?). War zwischendurch abgeschweift. Abgeschwiffen gefällt mir eigentlich besser. Der Pappkarton mit Zettel’s Traum schlummert noch neben dem Schreibtisch. 1988 hätt’ ich gemordet dafür. Naja. Übertrieben. Aber ich kenne einen, der sich Zettel’s Traum vom Begrüßungsgeld gekauft hat. Ich glaube, das von seinem Freund musste er noch dazulegen.Und dann gibt es eine gewisse Hemmung, über Arno Schmidt zu schreiben. Denn sollte ich jemals im Elysium landen und dort unten auf Arno Schmidt treffen, sein Zorn ist mir gewiss. Denn, alles, was keinen Namen hat, wird glücklich, sagt der Mann mit dem Lodenmantel in Tina oder Über die Unsterblichkeit und fragt Schmidt: Wäre es Ihnen nicht interessant, dieses ‚Fortleben nach dem Tode’ mal in natura zu sehen? Und ab gehts durch die Litfaßsäule ins Elysium. (Das zerlesene Reclambuch, aus dem ich das rausschreibe, stinkt. Da haben sie ziemlich mieses Papier genommen, das alle Gerüche angenommen hat, die seit der Gesamtherstellung im Grafischen Großbetrieb Völkerfreundschaft in Dresden an ihm vorbeigewabert sind. Ich rieche Wasser, Ofen, Tabak und noch was Schreckliches in Richtung Blut und Eiter oder Kohlsuppe.) Wie wir von dem Mann im Lodenmantel wissen, ist jeder so lange zum Leben hier unten verdammt, wie sein Name noch akustisch oder optisch auf Erden oben erscheint. Oder, planer gesprochen: bis er weder genannt wird, noch irgendwo mehr gedruckt oder geschrieben vorkommt – dann ist jede Möglichkeit einer Rekonstruktion verschwunden. Der Ärmste kannte ja Google noch nicht! Dieser Schauerfeld-Blog rückt Schmidts Vergessenwerden in weite Ferne. Jetzt hockt er im Elysium neben Tina und ärgert sich grün und blau, weil er weiß, dass er sein Fotogeschäft dort unten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag betreiben wird.

Allein 151 000 Eintragungen verzeichnet Google unter dem Stichwort „Arno Schmidt“ und braucht dafür 0,16 Sekunden. Eh die wieder aus dem Netz verschwunden sind, das dauert eine Ewigkeit. Allerdings gibt’s auch etliche Doppelgänger. Den Bürgermeister von Lebach, Saarlouis zum Beispiel, der stolz ins Netz trompetet: 1500 Euro aus Essens- und Getränkeverkäufen sowie Spenden können sich auch in diesem Jahr wieder sehen lassen. Oder Arno Schmidt, Psychologe, Jena. Bitte erläutern Sie Ihre Erfahrungen, die Sie mit dieser Praxis gemacht haben. Und dann ist da noch der Sportmediziner Arno Schmidt-Trucksäss (den Zweitnamen hätte der unsrige sich nicht besser ausdenken können) mit seinem bahnbrechenden Werk: Daily walking performance as an independent predictor of advanced heart failure: Prediction of exercise capacity in heart failure.

Jede Menge Follower sind ihm auf den Hacken… Und nicht zu vergessen: die Schauerfeld-Facebookfreunde, die den Namen nicht oft genug schreiben können.

Annett Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren. Sie veröffentlichte Gedichte, Romane, Reportagen, Dokumentarliteratur sowie Rundfunkfeatures und lebt als freie Autorin in Berlin. Sie wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste Berlin und dem Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg. 2000 erschien der Roman Moskauer Eis, zuletzt Heimatkunde Berlin (Hoffmann und Campe, 2010).

Kommentare
  • Guido Graf 27. Oktober 2010 at 17:40

    Wahrscheilich kann man das nicht wirklich vergleichen (vielleicht doch?), aber als Schmidt nach Darmstadt in die Inselstraße zog, erhielt auch er von der Stadt ein Begrüßungsgeld von 300 DM…