Pagenstecher als „nicht zu Ende geborener Mann“

Das „Campus horrorum“ als ein „Feld der Zeichen“ zu beschreiben, ist sicher erhellend. Es klingt aber auch nach dem etwas aus der Mode gekommenen, poststrukturalistischen Jargon. Deutungen in diesem Stil führten oft dazu, die zeitgeschichtlichen Anspielungen von Texten zu ignorieren. Doch gerade in diesem Sinne sind die letzten Beobachtungen von Guido Graf und Friedhelm Rathjen so wichtig: Die Stacheldraht- und Kriegsgefangenschafts-Motivik spielt seit dem Prosaband „Kühe in Halbtrauer“ in der Tat eine auffallende Rolle bei Schmidt, und dass „Zettel’s Traum“ ausgerechnet mit dem typografischen Symbolbild des Stacheldrahts einsetzt, durch den wir als Leser gewissermaßen in Pagenstechers unendliche, selbst auferlegte Kriegsgefangenschaft mit eintreten sollen, ist wohl wirklich kein Zufall.

Dass die lustvoll empfundene Separierung von der Gesellschaft ein zentrales Charakteristikum des Neurotikers sei, hat schon Sigmund Freud angenommen. Und mit vulgär-freudianischen Thesen werden wir in diesem Roman ja geradezu erschlagen. Doch in „Zettel’s Traum“ steckt hinter dem Motiv noch viel mehr. Wollte man Friedhelms Idee kritischer fassen, es sei für Schmidt sicher angenehmer gewesen, über den Krieg zu schreiben, in dem er sich an die Gefangenschaft erinnerte, in der dieser für ihn bereits vorbei war  – so müsste man wohl bemerken, dass es für ein ehemaliges Mitglied des nationalsozialistischen Täter-Kollektivs vor allem auch eine von der eigenen Schuld ablenkende Szenerie darstellt, sich selbst als Opfer und Gefangener zu imaginieren, anstatt das zu beschreiben, was man davor so alles ‚mitgemacht‘ hatte.

Über das autobiografische „Davor“ findet man im gesamten Werk Arno Schmidts jedoch so gut wie nichts. Schon der erste Prosatext „Leviathan“ setzt mit einer Flucht- und Vertreibungsgeschichte ein, wie man sie heute in der deutschen Geschichtspolitik abermals und machtvoller denn je in den Vordergrund des öffentlichen Interesses rückt (wenn sich der Erzähler dort auch gleichzeitig über die Schlesier lustig macht). Und wenn Schmidt doch einmal literarisch auf die Zeit vor 1945 zurückblickt, so sind es abermals Bemerkungen, die das Ich als Opfer des gleichsam ‚leviathanischen‘ Zwangs darstellen, in der Wehrmacht wichtige Jahre des eigenen Lebens vergeudet haben zu müssen.

Spannend ist allerdings auch, dass Pagenstecher stattdessen Momente seines Lebens evoziert, die normalerweise als kaum erinnerbar gelten müssen. Die Geschichte mit dem kleinen Jungen, der seiner Mutter stolz seinen Penis zeigt und dafür barsch zurückgewiesen wird, erinnert auffallend an Klaus Theweleits These aus den „Männerphantasien“, soldatisch geprägte Typen gehörten zur Klasse der „nicht zu Ende geborenen Männer“. Es handele sich um einen in der wilhelminischen Zeit besonders in Deutschland herausgeprägten Typus, dessen psychische Struktur daher rühre, dass er in der frühesten Kindheit die Liebes-Symbiose zwischen der Mutter und dem eigenen, erst im Entstehen begriffenen Ich nie hin zu einem geschlossenen Selbstbild habe überwinden können. Der Grund: Liebesentzug, harte Prügelstrafen oder auch eine übertriebene Behütung durch die Mutter. Dafür finden sich in Schmidts Werk tatsächlich sehr viele und bezeichnende Passagen, vor allem auch in seinem letzten vollendeten, stark autobiografisch unterfütterten Roman „Abend mit Goldrand“. Nicht zuletzt sollte man in „Zettel’s Traum“ in diesem Zusammenhang den Blick auf die erzieherischen Maximen Wilmas richten – gewissermaßen als das, was aus dem Ideal des klassischen „Bildungsromans“ nach Auschwitz geworden ist.

Kommentare
  • Guido Graf 24. Oktober 2010 at 09:40

    Das „Feld der Zeichen“ ist, scheint mir, eine durchaus plausible Metapher zu sein für das, was wir vorfinden, wenn wir, als Leser, das Schauerfeld betreten. Es handelt sich ja, wie auch die Diskussion zeigt, nicht um Zeichen für Zeichen, die gar nichts als sich selbst ins Spiel brächten, sondern um einen sehr gegenständlichen Drahtverhau, um Dinge, um Körperliches. Dem gegenüber führt die Rede vom „nationalsozialistischen Täter-Kollektiv“ nicht sonderlich weiter als in die Selbstbestätigung eines Wertungshistorismus. Schuldhafte Homogenität als Distanzierung? Da macht nichts mehr weiter? Nichts, das etwas mit uns zu tun hätte?
    Aber wir müssen das Jargonbashing nicht ausdehnen, sondern können lesen. Etwa, was Schmidt über das Kriegsgefangenenlager bei Brüssel schreibt:
    „Endlich war Schluß (haben sich wohl auf Zauberei geeinigt) und wir schritten (sic!) zu den Zelten; manche fingen wieder an um das Lager zu kreisen, zu zweien, zu dreien, stundenlang. Erinnerungen, Vorträge, Aufschneiden, Zukunft, Ansichten, Bilder, Gefühle: Diskussion. Das war es. Nie haben Soldaten soviel gequatscht. Es war die (unbewußte) Reaktion auf Jahre des Schweigens und Stillstehens.“
    Hier passt der Kollektivbegriff vielleicht besser: der kollektive Monolog der Mitmacher und Täter, der Ängstlichen und Feigen, der Müden und Davongekommenen, der Jungen und Alten, derer, die quatschen, statt zu reden, die – jeder auf die eigene Art – weitermachen müssen, weil sie nicht aus ihrer Haut schlüpfen können, weil die Konstitution ihrer Psychophysis, wie Theweleit das nennt (in der Fortführung der „Männerphantasien“ und in der Auseinandersetzung mit Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ und „Das Trockene und das Feuchte“). Gerade erschienen ist bei supposé „Schau dir das an, das ist der Krieg“ von Dieter Wellershoff, der 65 Jahre später beginnt, von seinem Leben als Soldat zu erzählen. Das hörend stelle ich mir vor, jemand hätte irgendwann einmal Schmidt vors Mikro bekommen…
    Zettel’s Traum als „Feld der Zeichen“ macht, bei allem Abwehrzauber, sich selbst auch durchsichtig. Es ist auch ein sprachliches Transparenzexperiment im Modus der Gleichzeitigkeit. Ein Versuch, nicht viel, sondern möglichst alles zur Sprache zu bringen. So sehr, dass sich die Anstrengung dafür dem Unterfangen in den Weg zu stellen scheint – oft zumindest oder immer wieder. Letztlich ist aber auch das ein Hinweis darauf, wie Kontinuitäten (individuelle oder kollektive) bearbeitet werden müssen, um ihre Wirksamkeit überhaupt kenntlich machen zu können.

    • Jan Süselbeck 24. Oktober 2010 at 18:49

      Lieber Guido,

      einverstanden, das sehe ich auch so – zumindest war es auch der Stand meiner Interpretation in meiner Dissertation und einigen Aufsätzen, die ich danach über Schmidt noch geschrieben habe: Schmidt thematisiert vieles, was seine Kriegserlebnisse betraf, eher indirekt, es affiziert seine Szenerien, seine Symbole und Zeichen sozusagen „subtextuell“, wie man heute so gerne sagt. Und so gesehen kommt das, was viele in seinen Texten über Jahrzehnte gar nicht sehen konnten oder wollten, eben doch auch vor.
      Mehr noch: Vielleicht hat sogar Schmidt selbst viele Implikationen eher unbewusst in seine Bücher eingebaut, obwohl er doch immer so tat, als sei er der große Planer, exakte Abbilder und „Wort-Metz“, also quasi der Ur-Gegentypus von Martin Mosebach. Axel Dunker hat in seiner Habilitation „Die anwesende Abwesenheit. Literatur im Schatten von Auschwitz“ (2003) darauf hingewiesen, dass Metonymien wie Haare, Stacheldraht, Schuh-Haufen, Schornsteine usw. in literarischen Texten nach Auschwitz ein Eigenleben zu entwickeln begonnen haben, das sich oft auch der Kontrolle der Autoren selbst entzieht.
      Bei Schmidt aber werden solche Text-Bilder, die meistens das eigene Anwesen der solipsistischen Erzähler beschreiben, das mit Stacheldraht umzäunt ist und den Grundstücken Schmidts in Bargfeld auffallend gleicht (etwa in „Kühe in Halbtrauer“, in „Piporakemes!“ und eben auch in „ZT“), zu besonders verstörenden Arrangements. Sicher gibt es hierzu in „ZT“ noch viel zu entdecken, über das bisher noch gar nicht geschrieben worden ist.

      Herzlich,
      JS

  • Ann 27. Oktober 2010 at 04:16

    Tatsaechlich eine Fragen feilende Challenge, zu fragen nach Kontextbeispielen, und zwar, wie im vorvorigen Schwanz angeregt, nicht nur nach einem so leicht anzuwendenden Kriterium wie dem Zeitpfeil. Dem seine Jugend im Nationalsozialismus erwaegenden Schriftsteller bieten sich ja ganz unterschiedliche Strategien an. Je – sagen wir, ambitionierter die Schreibe, desto mehr neigt sie in den Gegenden, denen sie den Ruecken kehrt (und Avantgarde bedeutet unter anderem, sich offiziell mehr fuer das Allgemeine denn fuer das Eigene zu interessieren), zur kaum mehr kontrollierbaren geheimen Rechtfertigung der eigene Existenz, die sich zum extremen Werkzeug spitzen will und nicht sich selbst problematisieren. Diese Art Avantgarde bzw. Philosophie bzw. Philanthropie usw. – ich spreche hier introspektiv – verwendet die ganze Welt als Ton, den man knetet, um eigentlich sich selbst zu massieren.

    Als andere Moeglichkeit der unkonventionellen, ehrlichen und so durcheinanderen wie informierten Untersuchung einer NS-Jugend mit seinen kulturellen und familiaeren Bedingungen will ich hier Eva Sternheim-Peters‘ autobiographische Materialsammlung „Habe ich denn alleine gejubelt“ ergaenzen.
    Mir macht es Spasz, ihr Werk zu Beckett und den anderen zu gesellen, denn was man Qualitaetsunterschied nennen wuerde, besteht nicht darin, dass Sternheim-Peters die Kanonizitaet ihrer Tonfaelle nicht unter Kontrolle hat und, auch aufgrund der andauernden Ueberarbeitung, ein Satz ein bisschen helter-skelter auf den anderen folgt, waehrend sie allesamt doch sitzen, genau und wohlueberlegt und dabei so irritabel heterogen in Stimmung und Geste. Der Qualitaetsunterschied besteht darin, dass Sternheim-Peters es sich nicht erlaubt, einfach eine neue Sprache zu erschaffen, sondern sich daran abarbeitet, etwas in der bestehenden, in Sachbuchform darzustellen, und dabei – unfreiwillig oder notwendig, wie mans nennen mag – die Unmoeglichkeit darstellt, problematische Konstellationen, in denen ihr Leben als Erwachsene beginnt, so zu /representen/, dass sie dafuer gelobt wird. Also wird sie nicht fuer Herdfeuer der sich ewig erneuernden Tradition gelobt, sondern fuer ihre Klugheit, Lebendigkeit und fast selbstzerfleischende staendige Ueberarbeitung.

    • Guido Graf 10. November 2010 at 10:47

      Auf die Frage „Mögen Sie Arno Schmidt?“ sagt Alexander Kluge:

      „Den liebe ich sehr. Arno Schmidt ist mir außerordentlich nah. In seinem Verhältnis zum Material ist er aber viel omnipotenter als ich. Der ernennt
      die Wirklichkeit; Wirklichkeit gibt es ehrenhalber bei ihm. Einfach nach seinem Interesse erklärt er etwas für relevant. Da wäre ich hysterisch
      vorsichtig und würde an der so gesetzten Wirklichkeit dauernd zweifeln. Er ist mit der Beste. Aber die früheren Sachen gefallen mir viel besser, weil
      sie nicht den Großgestus haben. Wenn man die früheren Texte von Arno Schmidt auf eine lange Papyrusrolle schreiben würde und dazusetzte, was gravitativ aus „Zettels Traum“ angezogen würde, dann hätte man ein Buch, dass allen meinen Büchern überlegen wäre. Das würde ein Interesse wiedergeben, das es nur an der Schwelle von 1800 gegeben hat und noch unmittelbar vor den Gebrüdern Grimm liegt. Er hat sehr viel von dem, wie die Gebrüder Grimm die Märchen gesammelt haben, und er hat auf so eine elaborierte Weise ein Ausdrucksvermögen deutscher Sprache.“