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Daniel, Franziska, Wilma und Paul sind in aller Frühe auf dem „campus horrorum“ unterwegs. Einer der ersten Kartonreiter aus Arno Schmidts Zettelkasten zum ersten Buch Schauerfeld oder Die Sprache von Tsalal ist beschriftet:

I. Drittel:
Disteln

Der nachfolgende Zettel entwirft dann den typographierten Stacheldraht:

Das zweite Drittel ist dann „Jungbirken“ benannt, das dritte „Kiefern“.

– – : x x x x x X X –: ’ –
…., …, …, : … / ……
……..
– : ”–king!”

Zeichen und Disteln sind eine, wie Paul sagt, „Stachlije Angelegenheit.“ Der Erzähler gibt die Erklärung, die keine ist: gemeint sei „dies erste Distel—Drittel, field of horror.“ Camper sollen abgehalten werden, hier auf dem Schauerfeld ihre Zelte aufzuschlagen. Wilma ist sogleich klar, dass Disteln und Stacheldraht zusammengehören und der Erzähler bestätigt: „Der rostije Stachcheldrahtknaul in den langen Nesseln? Gehört zum System; sehr wohl.“

Was ist das für ein System?

Ein weibliches offenbar: Paul weicht „einer riesigen Distel—Dame aus“; und es gehört Daniel Pagenstecher. Er hat es für 21 Pfennig den Quadratmeter erworben. Man könnte hier auch die bald darauf und dann durchgängig in Zettel’s Traum reflektierte Pflanzensymbolik bemühen. Muss man aber nicht.

Georg Klein hat in seiner Eröffnungsrede zum Festival „Literaturupdate 2010“ darauf aufmerksam gemacht, dass es sich beim „campus horrorum“ auch um ein Feld der Zeichen und der Wörter handelt. Das Schauerfeld ist Daniels Eigentum, ein zeichenbewehrtes Reich , in dem er sich einsperrt, sich immer schon eingesperrt sieht.

Paul nennt das später einmal Daniels „Palisadnkomplex“. Man begutachtet gerade den Zaun um Daniels Grundstück und Daniel sagt zu Wilma:

Zu—scharf gespannter Zaundraht reißt in schweren Wintern. – Was nich ausschließt Wilma, daß es eine erhebliche Kunst darstell’n könnte : sich zur rechtn Zeit selbst einzusperren.

Wilma ist auch diejenige, die Daniel (und auch ihren Mann Paul) fragt, warum er sich das antut:

aber ississ ebm nich doch  ein kleineres psy—Rätsel : wie Du, (wo Ihr doch in der Kriegsgefangnschaft, hinterm Stacheldraht, vielhundert Tage hindurch so Schreckliches ausgestandn habt!) wieso Dú da diese Verdrahtung nich nur erträgst; ? nein : um Dich herum angelegt  hast?!«hübsch vernicklt!«

Daniel führt seine Fixierung auf Drahtgefängnisse, seine Heimat im „DrahtbettZaun“ (990) noch weiter zurück, bis zum Gitterbett der Kinderzeit, um dann daneben, in der rechten Spalte, den Laut am Anfang – „king!“ – auf den Erinnerungspunkt zu bringen:

(Verstärkend 1 frühe(ste?) Erinnerung : Ich stecke Meinen kleinen Penis durch das Gitter, & zeige ihn Meiner (nur 70  cm entfernt) danebm im Bett liegndn Mutter; Die Mir droht : !! – Ich sinke entsetzt zurück (im Knieen), und stelle Mich schlafnd. /

Kommentare
  • Friedhelm Rathjen 23. Oktober 2010 at 12:07

    Wenn man die Stellen, die Guido hier zitiert, nebeneinanderhält und dann vielleicht noch weitere verwandte Stellen aus Schmidts Werk (beispielsweise aus der Widerstands-Erzählung „Kühe in Halbtrauer“) dazudenkt, wird die Ambivalenz des Palisadenkomplexes ja ziemlich deutlich. Der einpalisadierte Raum kann einerseits Schutzraum sein (wenn das Bedrohliche – beispielsweise die drohende Mutter – draußen ist), andererseits kann er auch Gefängnis sein (wie bei den in Schmidts Werk häufigen Verweisen auf die Kriegsgefangenschaft). In dem Zusammenhang ist interessant, daß Schmidt sich womöglich (ich hab das natürlich nicht ausgezählt) in seinem Werk konkret häufiger an die Erleidnisse in der Kriegsgefangenschaft erinnert (als der Krieg bereits zu Ende war) als an die Zeit und Umstände seines aktiven Dienstes in Hitlers Kriegsmaschinerie. Vielleicht – dies jetzt eine ad hoc formulierte und nicht überprüfte These – konnte Schmidt über die Gefangenschaft eher sprechen als über das Kriegsgeschehen selbst, weil halt der eigentliche Horror des Krieges vorbei war, als er im Gefangenenlager saß.
    Klar ist aber auch, daß es in Schmidts Augen in Lager & Gefangenschaft nur einen Königsweg zum Über- und Weiterleben gab, nämlich das, was er „Längeres Gedankenspiel“ nannte: die Flucht in Phantasien, in Wunschträume, in Vorstellungswelten. Oder halt: ins Schreiben, in Literatur.
    Vielleicht kann man ZT auch sinnvoll so lesen: als Darstellung sowohl einer (selbstauferlegten?) Gefangenschaft, die gleichzeitig Schutzcharakter hat, wie auch der Überwindung der Beschränkungen in der Literatur, in Fiktion.
    Der Begriff des Palisadenkomplexes dürfte im übrigen auch schon auf Literatur zurückgehen; weder bei Militär noch in der Gefangenschaft gehörte ja zu Schmidts Zeiten die „Palisade“ zum aktuellen Vokabular. Ein von Schmidt sehr früh gelesener und sehr geschätzter Text ist die „Schatzinsel“ von Stevenson, und da finden wir im Kampf um die / auf der Insel als zentrales Motiv die Palisade, und zwar einschließlich der oben angedeuteten Ambivalenz.

  • Guido Graf 23. Oktober 2010 at 12:49

    Friedhelm Rathjen

    Vielleicht – dies jetzt eine ad hoc formulierte und nicht überprüfte These – konnte Schmidt über die Gefangenschaft eher sprechen als über das Kriegsgeschehen selbst, weil halt der eigentliche Horror des Krieges vorbei war, als er im Gefangenenlager saß.

    Wenn man den Schrecken wehrhaft einzäunt, stachelig nach (fast) allen Seiten, in ein schier unendlich wucherndes Zeichengestrüpp, wird er zwar im Zaum gehalten, doch verliert er nichts von seiner Kraft, schrecklich zu sein. Der Horror lässt sich verbergen, maskieren, verwandeln, doch offenbar nicht auflösen.

    • Norbert W. Schlinkert 23. Oktober 2010 at 14:21

      Wie ich ja bereits an anderer Stelle angemerkt habe, läßt sich so manches literarische Werk auch als Reaktion auf einen Umbruch lesen, auf eine Revolution oder einen Krieg. Die Zeitgenossen, und da verweise ich zum letzten Mal auf Stifters „Nachsommer“, finden oft keinen Bezug zu einem solchen Werk, während die Späteren, also wir Heutigen, unvoreingenommener das literarische Geschehen betrachten können.

      Natürlich kann man sich die Frage stellen, warum Arno Schmidt mit diesem unendlichen Fleiß u. a. das Thema Gefangensein ausarbeitet, warum er diese Fronarbeit ableistet, noch dazu in aller Offenheit und gleichsam unter aller Augen. Im Grunde zeigt er sich durch die Veröffentlichung feinster Denk- und Sprechvorgänge und letztlich allen Materials sowie durch das ausgiebige Erklären desselben („Vorläufiges zu Zettels Traum“) schutzlos ausgeliefert, so wie ein Gefangener in einem Lager allen Blicken ausgeliefert ist. Arno Schmidt, ehemaliger Kriegsgefangener, zeitlebens ein Gefangener seiner selbst? Nun, man sollte es mit dem Psychologisieren nicht übertreiben, dennoch aber ist zu konstatieren, daß Schmidt zu jenen Autoren gehören mag, die weniger l’art pour l’art betreiben, sondern vielmehr aus einem inneren Antrieb oder sogar Zwang heraus schreiben – auch dies wäre typisch für die Nachkriegszeit, so wie es überhaupt typisch ist für Autorinnen und Autoren, die in Diktaturen gelebt haben. Dringt also Arno Schmidt wieder ins „System“ ein, indem er eine seiner Figuren ins Innere schickt, in eine verbotene Zone wie der in Andrei Tarkowskis „Stalker“? So gesehen wäre ZT tatsächlich, da stimme ich zu, auch als Darstellung einer selbstauferlegten Gefangenschaft, die gleichzeitig Schutzcharakter hat, zu lesen, und so vielleicht auch als eine Wiederbeschwörung, die zugleich der Absicht dienen mag, Alpträume zu bannen. Ein weiterer Aspekt wäre das sich selbst in „Schutzhaft“ nehmen, „sich zur rechtn Zeit selbst einzusperren“, um so dem neuen Umbruch der Studentenrevolte zu entgehen; vom sicherem Terrain aus ist gut auf die „heutige“ Jugend zu schimpfen.

      • Friedhelm Rathjen 23. Oktober 2010 at 15:38

        Daß Schmidt da „in aller Offenheit“ seine Gefangenschaftserlebnisse aufarbeitet, ist vielleicht doch ein bißchen übertrieben, sonst hätte die durchaus nicht unemsige Schmidt-Forschung nicht Jahrzehnte gebraucht, um dieses Thema überhaupt zu bemerken.
        Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf den Roman „Den vita väggen“ des schwedischen Schriftstellers Håkan Anderson (von dem es leider noch keine deutschen Übersetzungen gibt). Eine Figur des Romans, ein deutscher Philosoph, ist 1945 in einem Kriegsgefangenenlager bei Brüssel gewesen und hat da einen gewissen Arno Schmidt kennengelernt, dessen Karriere er späterhin aus der Ferne verfolgt. Anfang der 60er Jahre besucht er ihn in Bargfeld, verschwindet dann aber schnell wieder, weil er es bei Schmidt nicht aushält und zu der Erkenntnis kommt, Schmidt sei „från en fångenskap till en annan“ (von einer Gefangenschaft in eine andere) geflohen. Das kann man sicherlich so sehen. Muß man aber nicht, man kann Schmidts selbstisoliertes Schreiben auch als das Gegenteil von Gefangenschaft begreifen, als beglückendes selbstbestimmtes Arbeiten, wenn’s denn sein muß. In seiner Goethepreisrede von 1973, die nicht wenige Leute erregt und verärgert hat, weil Schmidt da gegen die Forderungen nach 40-Stunden-Wochen lästert und für sich in Anspruch nimmt, eine 100-Stunden-Woche zu haben, stellt er seine Arbeit zwar als ein Pensum dar, beschreibt Arbeit aber auch als „einzige Panacee, gegen Alles“. Eine „Panacee“ ist ein Allheilmittel; Schmidt heilt sich also mit der Arbeit, was naturgemäß die Frage heraufbeschwört: von welchem Schaden, von welcher Kaputtheit?

        • Norbert W. Schlinkert 23. Oktober 2010 at 20:19

          Daß die Schmidt-Forschung Jahrzehnte benötigte, das Thema der Gefangenschaft zu bemerken, dürfte eben in der angesprochenen Zeitbefangenheit der Zeitgenossen begründet liegen, wenngleich diese etwas entdecken mögen, das die Späteren nicht mehr zu erkennen in der Lage sind. Mit der Offenheit meinte ich auch eher, daß es für Arno Schmidt selbst u. U. sehr klar war, was die Szenerie für ihn selbst bedeutete, so daß er damit rechnete, es irgendwann entdeckt, seine Kaputtheit offen gelegt zu sehen.