Die Geburt Arno Schmidts aus dem Geist der Vergangenheit

„Die Moderne hat dem Menschen das Recht erkämpft, sich auszukotzen“, hat Davila gesagt. Ich nutze meine Rechte. Mein Hausgott ist gestürzt. Nicht nur die Treppe runter, das wäre bei sechs Kilo Buch schon genug, nein ganz, aus der Anbetbarkeit herausgefallen. Da habe ich also seit zwei Wochen ZT durch die Gegend gewuchtet, jetzt endlich fi/rte/letiert und den ersten Band der Studienausgabe zuhause hingelegt, einen Platz gesucht zum Lesen, Sofa besetzt, liegt schwangere Frau, Tisch ist unbequem, extra am Morgen raus, um sieben, wenn der Kopf noch frisch ist und nicht durch Nachrichten und Zeitung verklebt. Und dann zwischen den Stacheldrähten der ersten Seite durchgeschlüpft, nur ein bisschen eingelesen – also, tut mir ja leid.

Ich wäre gerne Fan von sowas, ich möchte wirklich wieder Teil einer Geistesbewegung sein – aber das hier ist schon arg geschmacksnervenaufreibend und was für die, die ihre intellektuellen Initiationsriten jetzt gerne leinengebunden zuhause stehen haben wollen. Vielleicht ist das ja die Sorte Mann, die man in weniger belesenen Kreisen als die kennt, die mit 40 endlich ihr Traummotorrad kaufen, und die jetzt den Rolling Stones von Konzert zu Konzert hinterherreisen.

Ich gestehe gerne: Arno Schmidt war auch mir irgendwann intellektuelle Herz-Zehn in meiner Doppelverkopftheit, da konnte reputationsmäßig kein Lehrer gegen an, mit seiner Antireligionssuada konnte ich beruhigt und wollschlägergestützt den Religionsunterricht verlassen, durch ihn lernte ich Feuerbach und Nietzsche (und die Titanic) kennen. Stundenlang konnten Andreas und ich auf dem Heimweg von der Schule rätseln, was in dem Monsterbuch wohl drinstehen möge, dass es gerüchteweise mehr als 1000 Seiten stark irgendwo gab, wie Schulmeisterlein Wutz erfanden wir uns unseren „Zettel’s Traum“. Und jetzt steht er hier vor mir. Also: Ich und Arno Schmidt, das ist eine schon länger klärungsbedürftige Angelegenheit.

Und dann bin ich in dieser Kameradschaftsabendsprache gelandet, in der erschreckend schmissigen Überschlauheit Arno Schmidts. In den doppeldeutigen und deshalb leider so gerne anzüglichen Kalauern („Nougut=Stange“). Ich will ja nicht in den Raum treten und gleich lospinkeln. aber wenn auf Seite 13 das Zinnbecher-Gelage vom Holzbrettchen losgeht, wird mir schlecht. Das ist deutschtümelnd, und da können noch so viele Kühe am Rand freundlich gegen anmuhen (ja, sowas gefällt mir auch) – das ist arrogant-ratlose Formspielerei, Spezialistenzeug, das muss man nicht mögen, da darf man mindestens mal mit kämpfen. Dann kommt dieses wahnsinnig schlaue Malwinen- und Maluinen-Gedöns rund um Edgar Allen Poe, dann Seite 19: „Wer nich arbeitet soll auch nich trinkn“ Das wird nicht besser, wenn es nacheinander Poe, Joyce und evt. Schmidt selbst zugeschrieben wird. Das riecht streng nach Herrenumkleide, das spülen auch die Interpunktions-Tsunamis nicht weg (die an Frische durch die mittlerweile verbreiteten Emoticons stark verloren haben. Punkte zwischen Klammern und Bindestrichen findet man heute ja relativ normal :-)). Frontsprache in Zeiten des Internets, sperrig ist kein Ausdruck dafür. Immerhin: Man kann bei Schmidt vielleicht etwas lernen, was Simultaneität angeht – er ist in diesen noch nicht beendeten Gründerjahren des Internets nicht der schlechteste Sparringpartner. Und vor allem ein massives Vorbild in Sachen philologischer Exaktheit. Das Ganze
erinnert mich, und da wird Schmidt dann doch für mich interessant, an meinen Großvater, den Kriegsveteranen, der mit so wenig Gliedmaßen wie Selbstmitleid von der Front kam und dessen Haltung eine von der Genauigkeit war, die mir später im Studium half. Er nutzte seine Exaktheit leider nur philatelistisch, zählte die Zähne seiner Briefmarken, schaute Stempel an, trauerte den verlorenen Ostgebieten als möglichen Sammelgebieten hinterher – und war still. Kein Wort über seine Fronterlebnisse. So, genauso kommt mir Schmidt vor: Bevor irgendwas interessant wird, verliert er sich in Detailfragen. Deshalb war mir seine Haltung damals vielleicht vertrauter als heute, 20 Jahre nach dem Tod meines Großvaters.

Ich bin mir nicht sicher, ob da noch Denkbewegungen auftauchen, die mir imponieren. Ob sich hinter der merkwürdigen Sprache eine Erzählung verbirgt. Ob der ganze Flitterkram irgendwas will und zu irgendwas gut ist oder ob er nur die Ratlosigkeit verbirgt, wie man eigentlich Literatur machen kann, wenn man im Kommandoton großgeworden ist.

Alexander Wasner, geboren 1965, Journalist und Literaturwissenschaftler, lebt und arbeitet als Redakteur der Sendung „Literatur im Foyer“ beim SWR in Mainz. Autor für Radio und Fernsehen des SWR, Herausgeber verschiedener Anthologien (Literarisches Jahrbuch, „Ich möchte lieber doch.Fernsehen als literarische Anstalt“).

Kommentare
  • Norbert W. Schlinkert 19. Oktober 2010 at 11:36

    Da kann ich meinen fiesen und berechtigten Vorwurf, viele Autoren täten nichts zu Sache, ja gleich ein klein wenig zurücknehmen! Schön der Hinweis auf das Schulmeisterlein Wutz und sein unbekümmertes literarisches Tätigsein. Übrigens ist ja auch Jean Paul, etwa von Hegel, vorgeworfen worden, er könne im Grunde genommen nicht schreiben, bereite keine Pointe vor und sei so am Ende fast unlesbar. Auch Nietzsche konnte mit Jean Paul nichts anfangen, weil auch er ihn nicht wirklich gelesen hat. Was Arno Schmidt betrifft, ihn als Sparringspartner „in diesen noch nicht beendeten Gründerjahren des Internets“ ansehen zu können, ist durchaus einleuchtend, so stellt sich auch hier die Frage, wird er überhaupt gelesen oder ist er tatsächlich schon ein vergessener Autor, und wird er gelesen, wird er „richtig“ eingeordnet und verstanden? Ich kenne ZT (in der früheren „Rohfassung“, in der die Zutaten noch nicht verkocht sind) nur von gelegentlicher Lektüre in Bibliotheken, und daß ich ziemlich enttäuscht war, schrieb ich ja schon an anderer Stelle, doch in sehr jungen Jahren denkt man ja unter Umständen noch, man selber sei nicht schlau genug, solch Kunst zu begreifen. Vielleicht hat auch mich ZT überhaupt nur deswegen interessiert, weil es eben ein Mysterium war und wahrscheinlich noch ist. Immerhin: wenn ZT aus dem Kalkül heraus entstanden ist, sich als Autor für immer in die deutsche Literaturgeschichte hineinzuzwängen, scheint dies gelungen – über das Kalkül des Suhrkamp-Verlages, dies auf diese Weise zu befördern, möchte ich aber lieber nicht spekulieren.

  • Anja Utler 19. Oktober 2010 at 20:47

    Lieber Alexander Wasner, aber ein Simultanitäts-Sparringpartner – ja, vielleicht. Vielleicht sind es überhaupt – nachdem die großen Denkbewegungen nur da hin führen, wo keiner hin will (oder nur ganz wenige) – vor allem die technischen Details des Textes, die interessant sein können? Die Bewegungen im Flitter.
    (Das wird vermutlich keine ganz exakte Antwort auf Ihren Beitrag – es kommt trotzdem als Kommentar, weil sich diese Gedanken an Ihren „Flitter“ hängen.) Ich bin mir sehr unsicher, was von dieser Sprache zu halten ist, und was von ihr bleibt, wenn man den Kameradschaftsabend, wie Sie schreiben, die schmissige Überschlauheit und einiges andere mehr von ihr abzieht. Aber ich versuche einmal für diese Sprach-Weise zu sprechen.
    Die Satzzeichen. Sie schneiden doch ein sehr genaues stimmliches und mimisches Relief aus dem Text, das kein Emoticon hinbekommen wird, und das man auf keinem anderen, etwa beschreibenden Weg, derart plastisch haben könnte. Man kann sagen, die Orchestrierung möge der Leser, die Leserin selbst übernehmen – aber das wäre dann eben ein ganz anderer ästhetischer Ansatz. (Und selbst wenn, ja, bleiben natürlich die Fragen: Aber spült es den Herrenschweiß weg? Will man Diese Stimmen hören?)
    Und die aufgefalteten Wörter? Konfetti-Origami, vielleicht. „Aber ja=laut redn. : Daß’Ch Alles mit=krieg.“. Vielleicht ist es eine Vollbremsung, die man als Leser da hinlegen muss, dass man diese kleine Runde im Abseits der Grammatik noch drehen kann. Und muss man wirklich in einer solchen Szene den Krieg aus einem Wort hacken? Immerhin kriegt er so das Offensive von Gesprächssituation und Figur auf einer nicht-deskriptiven Ebene in den Text. (Nur, wieder: es geht immer ins gleiche Rohr. Ist ja eigentlich schon offensiv genug, das Ganze. Und psychoanalytisch genug.)
    Und was hab ich als Leserin davon? Ja, ich glaube, genau das: Flitter. Der manchmal die großen Denkbewegungen notdürftig verdeckt. Punkte, die in verschiedene Richtungen aufblitzen und wieder zusammen fallen. Vielleicht kann man sich ein paar Konfetti in die Taschen stecken und mit ins Alltägliche rausnehmen. Das ja auch vor allem aus Flitter besteht. Bloß aus bisschen anderem.
    Nur, erstaunlich, dass Sie Ratlosigkeit hinter dem Flitter vermuten. Ratlosigkeit war bisher das, was mir in diesem Buch komplett und sehr gefehlt hat.

  • Alexander Wasner 20. Oktober 2010 at 08:30

    Liebe Anja Utler, danke, das ist ja vor allem meine erste Empörung beim Lesen gewesen – warum soll ich mir das heute antun? Und dann war ich erstaunt, wie sehr das zu meiner Lesebiographie gehört. Arno Schmidt altert mit mir – das war für mich, vielleicht naiverweise, überraschend. Dass Sie den Begriff des Flitterns akzeptieren, freut mich und natürlich sind die Satzzeichen bei A.Schmidt erheblich differenzierter und durchdachter und sinnvoller und vor allem: schöner als die standardisierten Lösungen des SMS- und Chat-Gebrabbels (sie haben als Adressaten ja auch den Text selbst und nicht einen Leser, wenn ich das richtig deute).

    Das mit der Ratlosigkeit meine ich nicht im Sinne eines konkreten Problembewusstseins – vielleicht war es auch das falsche Wort. Aber vielleicht so: die Kriegserfahrung hat einen dicken Brocken Erfahrung in das Leben dieser Generation gespült – und es war schwer damit umzugehen, dass man auf der falschen Seite stand und erzogen worden war und eigentlich erstmal nichts mehr galt, was vorher Geltung beansprucht hatte… also statt Ratlosigkeit eine Orientierungslosigkeit? Es gibt genug Leute, die wenn sie sich verirrt haben, umso stärker behaupten: Aber jetzt wüssten sie es besser. Mein Navigationsgerät gehört da auch dazu.

    • Anja Utler 20. Oktober 2010 at 15:38

      Der Schmidt als Navigationsgerät? Ziemlich plastisch. Ich habe mich gefragt, was es sagen würde. Am plausibelsten scheint mir Nicht wenden. Nicht wenden.
      Und, seltsam genug, die anderen Stimmen im Text laufen auch an dieser Nicht-wenden-Kandare.
      Daraus erkläre ich mir wenigstens zum Teil, warum mich das erste Blättern und Herumlesen in diesem Buch so aufgebracht hat: dass sich bald das Gefühl eingestellt hat, angeschmiert zu werden. Eine Vielzahl von Stimmen wird auf die Bühne gebeten, und respektabel hörbar gemacht, aber bald hatte ich den Verdacht, nur eine einzige Stimme zu hören. Mit den nötigen Abschattungen nach Geschlecht und Alter zwar, aber letztlich: eine Stimme, mit totalem Zugriff auf die Regler. Alles andere, Tierstimmen: Dekor.
      Vielleicht habe ich aber auch einfach die richtige Einstellung für mein Hörgerät noch nicht gefunden. Dass sich der Griff um die Kandare lockert und die Leute auskönnen.
      Andererseits scheint mir schon die an verschiedenen Stellen der Beiträge offen aufflackernde oder wenigstens ahnbare Empörung für sich genommen ein nicht uninteressanter Befund –

      • Norbert W. Schlinkert 20. Oktober 2010 at 18:07

        In einem Kommentar zu Ann Cotten schrieb ich (ich reiß das mal ein wenig aus dem Kontext): „Es stellt sich natürlich immer die Frage, wer das von sich gibt, der Autor als Mensch oder der Autor in seiner Rolle als Autor, einer Figur etwas in den Mund legend. Ersteres dürfte ein Zeichen schlechter Literatur sein, denn dann will der Autor alle Angehörigen einer bestimmten Gruppe treffen, zweiteres aber zum Beispiel einfach die Veröffentlichung der dämlichen Ansicht eines (normativen oder poetischen) Ich, zum Nutzen der Erzählung.“ Sie, Frau Utler, schreiben, und das scheint mir in die selbe Richtung zu gehen: „(…: ) dass sich bald das Gefühl eingestellt hat, angeschmiert zu werden. Eine Vielzahl von Stimmen wird auf die Bühne gebeten, und respektabel hörbar gemacht, aber bald hatte ich den Verdacht, nur eine einzige Stimme zu hören. Mit den nötigen Abschattungen nach Geschlecht und Alter zwar, aber letztlich: eine Stimme, mit totalem Zugriff auf die Regler. Alles andere, Tierstimmen: Dekor.“

        Eben dies war beim Lesen der früheren Fassung sehr häufig mein Eindruck, daß sich wegen des Mangels eines poetischen, sich eines individuellen Innenlebens erfreuenden Ich der Autor seiner Figuren bedient, um letztlich eine Art Bühnenstück aufzuführen. Natürlich, vor dem geistigen Auge erscheint etwas, Kühe, Stacheldraht, Landschaft, dann kommt Sprache und das schmidtsche Zeichensystem dazu, und dann? Vielleicht wäre es hier aber sinnvoll, die ebenfalls im Raum stehende Frage, inwiefern ZT auf die Katastrophe von Weltkrieg und Shoah reagiert, wieder aufzuwerfen. Möglicherweise sind die Figuren schlicht typisch für die Nachkriegszeit (man denke auch an Bölls „Ansichten eines Clowns“) und stehen für den scheiternden Versuch jedes Einzelnen, wieder oder überhaupt in ein als selbstbestimmt empfundenes Leben zu finden!? Dann stünde ein jedes der auftauchenden normativen Ichs für eine Position innerhalb eines streng hierarchischen, patriarchalen, postfaschistischen Systems, in dem ein Jedes seinen Platz hat, selbst die Tiraden auf die verdorbene Jugend, die zu der Zeit der Entstehung von ZT allerdings schon längst aufbegehrte. So gesehen würde das Navigationssystem der Marke Schmidt dann eher „Bitte wenden“ befehlen, und zwar immer wieder.

  • klaus pauler 21. Oktober 2010 at 16:33

    werter herr wasner ::
    zumindest gilt unter (den meisten) AS-lesern der satz von h.g.wells „die welt ist groß genug, daß wir alle darin unrecht haben können“.
    darf ich sie höflich darauf aufmerksam machen, daß sie mit ihrem beitrag von der zu verteilenden welt weit mehr in anspruch nehmen, als ihnen auch bei großzügigster bemessung zugestanden werden dürfte.
    in aller ruhe ::
    klaus pauler.