Laune

Heute will ich nur Gutes an „Zettels Traum“ finden. Das hängt mit den äußeren Umständen zusammen, in denen ich das Buch habe. Vor einigen Tagen war ich mit Kerstin Cmelka unterwegs, und sie stand Schmiere bei meinem Rad, während ich in der Schlange war. (Was las ich denn in der Schlange? Auch das war schon gut, wenn ich mich recht erinnere. Es war Eugen Onegin, Reclam, übersetzt in unregelmäßigen Versen von Kai Borowski, und zwar reizend und angemessen.) Mit dem Paket auf dem Gepäckträger gab es noch Ausflug, wir gingen ins Rumbalotte Continua, ausprobieren, ob, wo der Papenfuß arbeitet, auch andere arbeiten können, und sie können, und dann hatten sie Feierabend, und dann gingen sie nach Hause. Große Spannung ging von der Frage des Paketinhalts aus, es hätte nämlich auch das verlorengegangene Paket meiner eigenen Bücher sein können, wars aber nicht. Dann hats der Apunkt mir geholfen, alle Möbel umzuräumen, und hats Schmidtbuch aus der Folie gelöffelt, um freies Atmen zu ermöglichen. Nun eben hab ich den Kartonschuber mit einer Hand genommen (die Spanne und Kraft reichen gerade so aus, er ist für seine Größe leicht, hätte auch viel schwerer sein können; nach ein paar Metern ists zum Glück zum Absetzen) und vor mich hingestellt. Seh ich also die Rücken. Sie sehen aus wie die Rücken von Magersüchtigen.

Doch sind es Nicht-Esser in Schönheit, getränkt mit Dämmerung, den sinnlichen Genüssen von abendlichem Wind, nächtlicher Kühle, Zigarettenrauch, Laternen – all diesen Dingen, die ich geliebt habe und von denen ich mich als angehalten betrachtete, mich zu distanzieren, sodass ich heute sagen kann: Laternen, Wälder, Felder, Luftstimmungen, davonsausendes Weh, schön und gut, eigentliche Schönheit verspreche ich mir allerdings heute von nichts, was sich der Vernunft verweigert, da die Vernunft eh weitreichend ist wie der Wind und träumerisch wie ein Kind, verspreche mir also Schönheit von Grammatik und Industrie, Zusammenhängen und Geflechten. Geistig Unverdautes wird ignoriert, still und satt in Kauf genommen: Es gibt verbalisierbare Schönheit genug in den leichtfüßigen Kurven der mathematischen und sprachlogischen Gedärme der Welt.

Heut aber schau ich mild auf Schmidt. Er will da rausgeholt werden, aus dem Text, diesem ohnmächtigen Geplänkel zwischen kecker Bloßzeigung und schamvoller Abkürzung. Der Autor verzichtete auf einen Haufen Leben, um lieber (natürlich war eben DAS sein Leben) diesen Haufen zu produzieren, der eigentlich wirkt wie ein erstickter Hilfeschrei eines Medinawurms in einem Wirtskörper, der ihm nach und nach ekel wird, ohne den sein Leben aber bald beendet wäre. Während er noch überlegt, welche Konsequenz er hier ziehen soll, gebärt er und gebärt und gebärt, wie einer, der kotzen muss: Jedesmal, wenn Wasser auf das Geschwür kommt, stülpt sich sein Uterus hinaus und entlässt tausende Larven.

Die Erlösung davon kann nur durch einen Menschen geschehen, den der Parasit irgendwie stört. Kunstvoll muss er ihn auf ein Stäbchen wickeln, während er ihn langsam, etwa 10 cm pro Tag, herauszieht, das kann Tage und Wochen dauern. Das zwiegestalte Quandarium zwischen Flegelei und Verklemmtheit, Schamlosigkeit und äußerster Dezenz sehe ich, um ein Beispiel zu geben, auf der ersten Seite des Bands 1.4, welches ich aufgeschlagen habe, weil es noch das dickste ist, weil die Proportionen des Rechtecks des Rückens die sympathischsten Maße haben. Die Seite ist also 1047. Der Text eine Marginalie rechts:

(Ochwó : er war ma leidnd, und ent-

sinnt sich immer noch einer kleinen

Wurstrente, die’ch ihm währenddessn

Diese eingeschobene Erklärung war mir auf Anhieb sympathisch. Heilfroh kann ich sein, dass dies keine ordentlich ausgearbeitete Geschichte ist, denn sonst müsste ich den Rest der Rückblende halt überfliegen, wie lang der Hund krank war und dass der Erzähler… – also alles, was naheliegt und ungefähr angenommen werden kann, sofern das vom Schreibenden, der über die Konventionen im Kopf als eine Art Lochkartensystem wie kein anderer Sicherheit besitzt bis ins letzte Minimalpaar, nicht als anders festgesetzt wird.

Weniger sympathisch wurde es mir bald darauf, wo der Geschmack der Äußerung sich zu entfalten begann. Denn eine Mildtätigkeit zu berichten mit der um Halt bemühten Ironie, sich in Bezug aufs Tierreich auf das menschliche Pensionssystem anzulehnen, bläst, wie jeder kollegiale Beamtenscherz, den Scherzer auf fast bis zur Größe des staatlichen Pensionssystems, während er – die Schilderung abreißen lassend (vielleicht auch mangels Zuhörern, die abgelenkt scheinen), in den Bart murmelnd – eine Bescheidenheitsmaske vorhält, hinter der die Phantasie der Rechtmäßigkeit eines Rentensystems hilflos hervorquillt. So quellen vom Leben mit Wohlstand gezeichnete Damen manchmal aus rosafarbenen Verharmlosungen hervor, oder ragen hervor, je nachdem, ob die Spuren des Lebens, dessen Dauer und Auswirkungen sie verleugnen, aus Pummeligkeit oder aus Hagerkeit bestehen.

Ich mag keine schwachen Lügen, ich mag keine Anthropomorphisierung, meine Vorliebe gilt der animalisierenden Darstellung von Menschen, was aber zur unanzüglichen Groteske neigt – nicht zu verwechseln mit dem, was man landläufig animalisch nennt und was bloß ein tristes Anschmiegen eines Menschenbilds an ein nach diesem Menschenbild geformten anthropomorphisierenden Tierbild ist, wie man es aus dem sogenannten Schweinischen, schlechten Fabeln und groben Märchen kennt.

Was die Erklärung der Beziehung zum Hund ablöst, ist die durchblickende Demontage eines Kriegerdenkmals. Das gefällt mir. Bin ja sehr geneigt dem Aufstören von Hintergrundinformationen bei Artefakten auf Spaziergängen. Doch dass danach gleich die Linde kommt, ist dicke, doch womöglich steht sie halt daneben, kann man ein etwas längeres Bad in Historie gern aushalten, allerdings beschränkt sich die Information auf Kolportage – das könnte besser geschehen.

((Hans Thill sah ich über längere Zeit Arnfrid Astel auf diese Weise quälen, mit Häppchen über Häppchen von dekontextualisiertem Wissen.))

Meinungssache: aber ich finde, der Verlockung des Exkurses müsste nachgegangen werden, bei solchen sich anbietenden Wissensgeschwüren, bei einem solchen Buch, das doch wachsen soll. Doch wir bleiben bei der Darstellung des uninteressanten Spaziergangs, konsequent, dürfen nicht abschweifen in die historischen Fluchten, die sich am Wegrand öffnen. So verleidet man Kindern die Natur…

In meinem Leben habe ich unüberlegte Konsequenz als das erkannt, was Geschwüre macht. Durchziehen einer Sache wird nicht nur unabhängig vom Inhalt gelobt, es wird verlangt, ohne Rücksicht auf den Inhalt etwas durchzuziehen. Was, ist ganz egal, durchgezogen ist oft gleich Erfolg. (So sah ich gestern einen Portugiesen eine Italienerin niederreden; ersterer gewann, weil er sich um Inhalt und Sorgfalt seiner Rede nicht bekümmerte.) Durchziehen trotz Bauchweh, trotz besseren Wissens ist Heldentum, das mündet ins Große, in die Tragödie! So wächst Kanonenfutter heran.

Zwei Idolen mit Totalitätsanspruch anzuhängen führt, solange noch beide herrschen könnten, zu dauernden Dilemmata. Sowohl der Konsequenz als auch der Welt zu huldigen ist eine Unmöglichkeit. Der Mensch, der sich in diese absurd schuldende Klemme stecken lässt, wird Krampf, und diese enge Stelle fortzuführen, gar zu loben, bin ich nicht bereit. Doch gehen wir weiter.

Die folgende Völkerwanderungsschilderung macht großen Spaß. Zwar auch nicht irre ausführlich, aber solide wie eine Zeichnung von Robert Crumb, und in letzter Zeit hab ich einfach eine Vorliebe für möglichst regional und spezifisch unterschiedenes, treffsicheres Geschimpfe von Völker- und Menschenschlagen. Die verdünnten Gesichtsausdrücke gefallen mir auch, obwohl mein Ehrenpunkt natürlich gekränkt ist, bei Schlechtrednerei gegen das weibliche Geschlecht rührt sich immer meine Indignation, weil es weniger harmlos erscheint durch Massivität und Reproduzierbarkeit. (Analog goutiere ich sehr Witze ((soweit ich sie ohne Vertrautheit mit der Region verstehen kann)) über, sagen wir, Czernowitzer Juden, Witze über Juden im Allgemeinen hingegen taugen selten was.) Sobald eine Schmähgewohnheit sich von der Realität des Alltags entfernt, außer Reichweite gerät von einer Korrektur durch wirkliche Erfahrung, dann wird es übel. Das ist ja der Grund, warum ein Türke schlecht über Türken reden darf, nicht aber jemand, der die Gesellschaft gar nicht gut kennt, von der er redet, der sich vielleicht überhaupt von allem durch ein big black car (Cf. Big Black Car von Big Star) fernhält.

Die Hälfte der Menschheit mit einem Schlag lächerlich zu machen, kann natürlich, wenns gut gemacht ist, begeistern, wenn man in geeigneter Stimmung ist, übrigens dacht ich als Kind wirklich, das männliche Geschlecht wäre aus einer Missbildung so ähnlich wie Contergan entstanden, mit diesen zurückgebildeten Brüsen und dem dysfunktionalen Gekringel, wo man irgendwie die Pisse durchquetschen muss,

und diese verdünnten Gesichtsausdrücke, das ist, wie ich schon vorher die Begabung zur bösartigen Groteske lobte, eine irgendwie erstklassige Fiesität, eigentlich vorauseilende Antwort auf die Porlingsfressen der anderen Hälfte der Menschheit, diesen Massen, die auf dem Weg von jung und doof zu alt und doof nie gescheit werden, und wir haben daweil ja doch allesamt nur wenige helle Momente, unabhängig vom Gesichtsausdruck.

Warum also so viel schreiben. Ann, Ann, Ann, Sirupfresse!

Kommentare
  • Alban Nikolai Herbst 14. Oktober 2010 at 05:10

    Das ist ein ganz toller Text, Frau Cotten. Und für d i e s e n Satz d a n k e ich Ihnen: „Sowohl der Kon­se­quenz als auch der Welt zu hul­di­gen ist eine Unmög­lich­keit“ – you made my day, Lady. (Allmählich werd ich fickrig, daß ich das Buch nicht auch schon habe. Muß aber, muß aber, soll aber warten: erst einmal, morgen, um der Welt zu huldigen, nämlich, geht’s nach Neapel und mit dem Schiff nach Palermo.)

    Unbekannterweise, Ihr:

    ANH

  • Norbert W. Schlinkert 14. Oktober 2010 at 11:18

    Liebe Ann Cotten,
    da muß ich Alban Nikolai Herbst, der ja bald schon, wie wir alle wissen, gen Italien entfleucht, recht geben, das ist ein sehr lesenswerter Text. Das Geheimnis des Durchziehens als Grundlage des Erfolgs hätten Sie aber nicht verraten müssen, wenngleich Sie auf dem Beipackzettel ja auf die Risiken und Nebenwirkungen verweisen.
    Eine Sache, über die hier aber unbedingt diskutiert werden sollte, ist die des persönlichen und damit in der Konsequenz textunabhängigen Unbehagens, wenn in fiktionalen Texten wie ZT etwas Unschönes geschrieben steht, in diesem Fall über das weibliche Geschlecht. Sie schreiben: „(…) obwohl mein Ehrenpunkt natürlich gekränkt ist, bei Schlechtrednerei gegen das weibliche Geschlecht rührt sich immer meine Indignation.“ Es stellt sich natürlich immer die Frage, wer das von sich gibt, der Autor als Mensch oder der Autor in seiner Rolle als Autor, einer Figur etwas in den Mund legend. Ersteres dürfte ein Zeichen schlechter Literatur sein, denn dann will der Autor alle Angehörigen einer bestimmten Gruppe treffen, zweiteres aber zum Beispiel einfach die Veröffentlichung der dämlichen Ansicht eines (normativen oder poetischen) Ich, zum Nutzen der Erzählung. Was wäre, wenn ich mich als Mann darüber beklagte, daß eine literarische Manns-Figur sexistisches oder rassistisches Gedankengut (Gedankenschlecht) zum besten (zum bösen) gibt, muß ich mich ob der dergestalten Darstellung eines Geschlechtsgenossen nicht auch gekränkt sehen? Nein, muß ich nicht! Ebenso wenig ist mein „Ehrenpunkt“ gekränkt, wenn eine literarische Person weiblichen Geschlechts ihre Wahrheiten über Männer reproduzierbar in die Welt setzt, gleich, ob der Autor Mann oder Frau ist; ärgern tue ich mich nur über schlechte Literatur, über eingebaute Polemik. Davon unbenommen ist natürlich aufkommendes Unbehagen im wirklichen Leben über was auch immer, da hat man ja schon genug zu tun, wenn man denn will oder gar muß, falls der „Ehrenpunkt“ gekränkt ist (irgendwie kommt mir Ehrenpunkt und Kränkung in Kombination sehr männlich vor, womöglich typisch männlich).
    Die (fast grundsätzliche) Frage, die sich nun in bezug zu „Zettel’s Traum“ auftut ist die, wie weit der Autor Arno Schmidt von seinen Personen entfernt ist, ob tatsächlich ein Alter ego dort „mitspielt“, oder ob Schmidt nur Botschafter mit schlechten Nachrichten ist, den man, da faßbar, zur Rechenschaft ziehen kann. Es war ja auch schon die Rede davon, daß Schmidt reaktionär und jugendfeindlich sei, und wenn das unabhängig von ZT belegt ist, durch Briefe oder Reden, ist natürlich eine andere Situation gegeben.
    Leider habe ich die Neuausgabe von ZT nicht (und auch keine alte) und werde sie wohl auch nicht bekommen, so daß eigentliche Textarbeit ausfällt. Es wäre also schön, wenn in der Diskussion, die sich ergeben mag, nicht nur auf ZT verwiesen wird, sondern auch mal Stellen zitiert würden.

  • Ann Cotten 15. Oktober 2010 at 00:02

    Mr. Schlinkert, darf ich Missverständnisse ausräumen.
    Sieht man (und ich zähle mich zu dieser „Schule“) den Text als Instanz an und kann mit dem Apparat des Realismus (wenigstens solange er funktioniert) schlicht nichts anfangen (für die Seele), ist es egal, ob ein Autor oder eine Figur spricht. Wer sich über ein literarisches Werk moralisch indigniert, ist an sich schon eine kindische Natur. Wer aber ein emphatisches, ein liebendes, also ein kindisches Verhältnis zur Sprache hat, und gleichzeitig eins zum Ehrenpunkt (übrigens Totalblödsinn dass das besonders eine männliche Sache sei, fragen Sie eine Spanierin, und eine darwinische Genetikerin wird sagen, dass der Ehrenpunkt für beide Geschlechter evolutionäre Kanalisation der Fortpflanzungsinteressen betreibt – diese Zuordnungen, die ja immer reizen wie jedes kodifizierende Geplänkel, sind zäh, fade reizend, idiotisch, a guilty pleasure, nicht wahr?), und gleichzeitig ein solches freundschaftliches Verhältnis zu den lieben Weibern, diese Person fühlt gleichzeitig mit dem Amüsement über eine gelungene Metapher die Indignanz, dass hier eine Unverhältnismäßigkeit begangen wird, indem eine globale Gattungsbechimpfung auf ein einzelnes nichtsahnendes Individuum herniedergießt. Diese gemischten Gefühle wollte ich beschreiben.
    Nun, man liest eh, dass Sie einfach eine gewisse Freude am Demontieren von falschen Idolen haben. Das langweilt mich meist, da meist die Freunde des Demontierens auch Freunde der eigenen Rede sind, die, weil sie immer selbst reden, nicht mitbekommen, dass das, was sie demontieren, schon vor Jahrhunderten demontiert worden ist. (Ich möchte nicht gerne vermuten, dass sie sich mit diesem Verhalten davor drücken, ihre Wütekraft gegen die konkreten Faktoren zu verwenden, die dafür sorgen, dass Probleme, die in der Theorie längst gelöst sind, in der Praxis unbeirrt weiter bestehen, siehe Wirtschaft, siehe Stil des Umgangs mit Frauen.)
    Wegen Entlarvung von längst Entlarvtem les ich kein Buch. Stil (im Gegensatz zu Fakten) entlarvt sich selbst aktiv. Mich kannst du mit Figuren, mit Autoren jagen, mich interessieren nicht Moralen und Positionen, wenn dann interessiert mich das Buch, die Sätze, die Ausdrücke, die Verhältnisse.
    Und weil der Schmidt sich halt aufgrund seiner Indulgenz von Entscheidungen teils so dürftig, verstockt ausdrückt, schimmert er mir allzusehr durch, wahrscheinlich ging er damals einfach nach der Mode und vertraute auf den Konsens der Hochachtung vor monumentalen Werken der Entlarvung.

  • Norbert W. Schlinkert 15. Oktober 2010 at 11:11

    Liebe Ann Cotten,
    ich kann Sie, auch wenn mich durchaus kein Rechtfertigungszwang befällt, von der auf mich gezielten Vermutung befreien, Scheingefechte in der Literatur zu führen, um im realen Leben zum eigenen Vorteil alles beim schlechten Alten zu lassen.
    Um zunächst mal einen Punkt herauszugreifen: Ich habe auch ein, wie Sie schreiben, emphatisches, liebendes, kindisches (ich würde allerdings eher kindliches sagen) Verhältnis zur Sprache; nur so kann ich mit Vergnügen und Gewinn zu lesen. Wie wäre es (für mich) sonst auch möglich, Stifters „Nachsommer“ allein aus dem Grund zu lesen, weil die Lektüre ein unvergleichliches ästhetisches Vergnügen ist, weil der Stil, gleich einer gelungenen Übersetzung aus dem Lateinischen, alles überstrahlt. Das dort gezeigte Weltbild ist das der Utopie einer strikt hierarchischen, wenn man so will, reaktionären Ordnung, in der die Geschlechterrollen klar verteilt sind. Ehrenpunkte sind in den recht schematischen Figuren nicht auszumachen, alles wird mit einer steifen Würde ausagiert, Männlein wie Weiblein haben ihre Rolle.
    Im Falle Arno Schmidts ZT kann aber nicht die Rede davon sein, hier habe ein Autor mit stilistischer Brillanz eine Geschichte erzählt, der man aufgrund ihrer Sprache, ihres Stils zu folgen bereit ist, ganz im Gegenteil vermisse ich jede Ästhetik. So stechen natürlich (wörtliche) Aussagen von nicht gestalteten, unpoetischen Figuren besonders heraus, verlassen den Rahmen der Literatur, ohne daß diese Figur satisfaktionsfähig wird. Wie kann solch eine kraftlose, typisierte Figur durch globale Gattungsbeschimpfung eine Unverhältnismäßigkeit begehen, frage ich mich. Sie schreiben ja auch in ihrem Artikel, wenn so etwas gut gemacht sei, könne es durchaus begeistern. Aber es ist eben nicht gut gemacht!
    Das Demontieren von falschen Idolen, von dem Sie glauben, es sei meine Sache, ist allerdings meine Sache durchaus nicht, denn zum einen habe ich weder Idole jemals gehabt, noch interessieren mich die falschen Idole derer, die ihrer bedürfen. Mein Spott gilt aber natürlich denen, die jede wissenschaftliche oder literarische Arbeit unter den Stern eines Heroen stellen, da kommt meistens nur Mist für In-die-Tonne-kloppen raus. Mein Interesse an der Diskussion um Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ ist so auch nicht darauf zurückzuführen, daß ich etwa in Schmidt ein früheres Idol zertrümmern (oder sprengen) möchte. Mich interessiert, nach der Enttäuschung, die ich, damals von Joyce kommend, mit Schmidt erlebt habe, viel eher der kulturhistorische Kontext, durchaus also der Inhalt des Textes und damit auch die vermittelnde Sprache. Das von Ihnen geschilderte Vergnügen, die neue Ausgabe kostenlos zu bekommen und bei der Post abholen zu dürfen, habe ich leider nicht haben können, aber da mir bald eine ältere Ausgabe geliehen wird, werde ich auch einmal versuchen, ganz mild auf Schmidt zu sehen.
    Noch einmal kurz zum Ehrenpunkt: meine Frage oder Anmerkung richtete sich insbesondere auf die Kombination von Ehrenpunkt und Kränkung. Getrennt voneinander ist sowohl das eine wie das andere sicher nicht geschlechtsspezifisch, doch in Kombination kommen mir da die fürchterlichsten Assoziationen. Aber Sie haben recht, warum sollte man das auf das Männliche einengen.

    • Jan Süselbeck 15. Oktober 2010 at 16:59

      Sehr geehrter Herr Schlinkert,

      da Sie hier Stifters „Nachsommer“ so entschieden von Schmidts „Zettel’s Traum“ abgesetzt haben, erlaube ich mir, als Kommentarbeitrag auf einen früheren Text von mir zu verweisen, in dem ich die ganze Beziehung Schmidts zu Stifters Literatur bereits schon einmal ausführlicher zusammengefasst habe, als es hier möglich ist:

      http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8675&ausgabe=200511

      Herzlich,
      Jan Süselbeck

      • Norbert W. Schlinkert 15. Oktober 2010 at 17:10

        Sehr geehrter Herr Süselbeck,
        vielen Dank für den Hinweis! Ich bin sehr gespannt auf Ihren Text!
        Herzliche Grüße,
        Norbert W. Schlinkert

      • Norbert W. Schlinkert 16. Oktober 2010 at 11:15

        Der Ausgangspunkt der Diskussion um die Beziehung Schmidt-Stifter war ja die Frage, inwieweit das überstandene Trauma (1848er Revolution; Zweiter Weltkrieg/Faschismus) sich in den jeweiligen Großwerken niederschlägt, etwa in der Formgebung als Utopie. Jan Süselbeck http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8675&ausgabe=200511
        weist darauf hin, Schmidt habe in seinem Funk-Essay „Der sanfte Unmensch (Einhundert Jahre ‚Nachsommer‘)“ dem Sprecher A in den Mund gelegt, jeder Dichter solle eines einmal leisten, nämlich ein Bild der Zeit zu hinterlassen, in der er lebte.

        Während sicher große Einigkeit darüber herrscht (?), daß dies Joyce mit seinem „Ulysses“ gelungen ist (auch Musil und Döblin haben ihr Bestes getan), so muß im Falle Stifters konstatiert werden, daß er eben dies nicht einmal versucht hat, es sei denn, indem er das Gegenbild seiner Zeit als Utopie des Stillstandes ausbildete, gleichsam auf Grundlage der prästabilierten Harmonie eines Leibniz. Dafür spricht sicher auch, daß (so Peter Uwe Hohendahl in „Die gebildete Gemeinschaft: Stifters Nachsommer als Utopie der ästhetischen Erziehung“) Stifters hochstilisierte Darstellung in der Form wie im Inhalt gegen die Gebote der Wahrscheinlichkeit verstößt. Trotzdem liegt die traditionelle Einordnung des „Nachsommer“ als Bildungsroman, etwa durch Hugo von Hofmannsthal (in: Ariadne, Jahrbuch der Nietzsche-Gesellschaft, 1925), recht nahe, geht es doch inhaltlich einzig um Bildung, wenn auch nicht im eigentlichen, wirklichkeitsnahen Sinne, denn dem jungen Drendorf bleibt all das erspart, was Goethes Wilhelm Meister oder Kellers Grünem Heinrich die eigene Welt vom einzig möglichen Zugang her öffnet, dem individuellen, oft schmerzhaften und immer unmittelbaren Beteiligtsein. (Mehr dazu im Stifter-Kapitel meiner Studie zur Entstehung des poetischen Ich „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard. Eine hermeneutisch-phänomenologische Untersuchung“, die noch dieses Jahr im Wehrhahn Verlag Hannover erscheint).

        Arno Schmidt geht, wie Süselbeck erläutert, recht boshaft mit Stifter ins Gericht, obgleich „auffällige Ähnlichkeiten der Poetologie Schmidts mit der Stifters auch nach Schmidts vernichtender Kritik an dem (einstigen) Vorbild unübersehbar (bleiben).“ Ist somit ZT eben das genaue Gegenteil zum Nachsommer, eine Anti-Utopie, eine krasse Beschreibung der Welt, wie sie (aus der Sicht Schmidts) ist, wofür ja die schwierige, unästhetische, zweideutige, der Wirklichkeit alles abpressende Sprache steht, während Stifter sich eines ästhetischen Stils bedient, der seinesgleichen sucht und der nicht einmal Nietzsche davon abgehalten hat, den Nachsommer ausdrücklich als großes Werk zu bezeichnen. Was lernen wir also durch ZT über die bundesrepublikanische West-Wirklichkeit? Ist ZT vielleicht tatsächlich zwar keine Utopie, dafür aber die nackte Form eines Bildungsromans? Denn daß Schmidt eine Welt entworfen hat, so klein und eng sie auch trotz des Buchumfangs sei, mag ja durchaus für die Epoche der Nachkriegszeit stehen, selbst wenn es den heutigen Leser unangenehm berührt ob der Grobheit der Inhalte und der Bösartigkeit gegenüber dem Fremden, wie immer es auftritt.

  • NO 5. November 2010 at 23:17

    Liebe Ann Cotton,

    gerade habe ich Ihren Spaziergang über die S. 1047 nachvollzogen und nachgelesen dort. Auch mir gefällt Ihr Kommentar. Und nun auch – hier – der Romantext. Dank Ihnen.

    Die „Schlechtrednerei“ ist – ist man ehrlich zu sich selbst – unschön. Allerdings: Steht nicht AS auch und gerade dafür? ZT ist mein erster Text von ihm, daher die Frage.

    Auf Konsequenz vs. Welt wäre ich nicht gekommen. Aber auf großen Spaß mit der Völkerwanderung schon, und vor allem mit der Kuhscheiße:

    Die Verbindung der K-Laute; C[K]ucurbitation – Kürbis – Kuhdreck stellt einen Zusammenhang zwischen Romangeschehen und Inhalt des Figurendialogs her, der sonst nicht da wäre; die Assoziationsmöglichkeit zwischen den beiden Großformen Kürbis und Kuheuter auch. Deswegen ist der plötzliche Wechsel von der Schwangerschaftsgeschichte zum Kuhfladen mir so witzig:

    „… (ihr einen „Kürbis“ machte): Tritt nich in’n KuhDreck.“

    Ich habe das ein paar Mal gelesen nun und lache immer noch.

    Mal Milde mit Schmidt; wird gemacht!

    Noch eine Frage zum großartigen Gnadenwurstbrot:

    Warum steht das nebendran und nicht im Dialog der Hauptspalte? Um – wie Sie so schön sagen – noch deutlicher zu machen, dass die Geschichte mit dem Hund wegen Desinteresses des Zuhörers abgebrochen wird, quasi also nur nebenbei, also daneben eben, versuchsweise, erzählt wird?

    Beste Grüße

    NO

  • NO 28. November 2010 at 12:36

    Liebe Ann Cotten,

    milde mit Schmidt, auf der schönen Seite 319:

    – Zeile 18: „Der Suff verbessert die Rasse – das’ss Euch ja wohl=bekannt“

    Die Schutzstaffeln „SS“ werden hier herausgebrochen. Und mit „Rasse“ verbunden, das passt. Der Satz als solcher ist dann so idiotisch, wie die Rassenideologie und ihre Speerspitze Himmler.
    Und „wohl bekannt“ ist was? Der Rassenwahn der Nazis bei der Bevölkerung, die KZ, die Judenvernichtung? Wird hier Schuld angedeutet: „Gewusst“ haben es eben doch alle (aber nichts gemacht dagegen), AS eingeschlossen!?

    – Zeile 28: Mittelspalte: „/Fr’s Boychlein, eggstroverted …“
    Rechte Spalte. „(((ja: Dännk an Girlitz!“

    Franziskas Bauch ist dick, soll das heißen? Von einem befruchtetem Ei? Ein Hinweis auf das, was zwischen Dän und Fr noch passieren wird?
    Oder ein Hinweis auf das, was zwischen Dän und Wilma gewesen war? Denn die beiden Parallelstellen sind Teil der Szene des Dankes von Wilma an Dän für das Paul geschenkte „Cask of Amantillado“. „Dännk an Girlitz“ ist also allemal auch: Dank an Dän. Und für was? Reden wir vielleicht über die Stadt Görlitz? Ist auch gemeint: Denk an Görlitz damals und – danke dafür? Ein altes Liebesverhältnis? Anspielungen zwischen Wilma und Dän (auch schon einmal davor bzg. „Girlitz“) gab es ja schon im Text. Ein Kind der beiden (Boy – Eggs)? Franziska gar? Spannend!

    – Zeile 37: Mittelspalte: „- (: „Abessinien=Medalje“, Paul)./ Was ihr für Ausdrücke
    habt – … aso was dieser Krieg Euch verändert hat…“
    Linke Spalte: „ (Nu hat Ichs ihm extra=diskret sagn wolln! Aber Er griff so
    bestürzt nach dem offenen Hosenknopp“

    Das ist nicht unlustig mit der Medallie und dem Griff nach dem Hosenstall-Knopf. Keiner weiß, was gemeint ist – aber die Beiden, Paul und Dän! Der hat Witz, der AS. Meister der Peinlichkeit; wie Kempowski. Und Wilma beschwert sich über das Vokabular, noch mehr über die Persönlichkeitsveränderungen. Die beiden kontern: Hätten sonst den Krieg nicht überlebt.

    AS milde gesehen. Vielschichtig. Spannend. Witzig. Kriegslastig!?
    .

    NO

  • NO 1. Dezember 2010 at 11:03

    „Achja: ch wollt was fragn – : Wo=ran hasDnn ebm gedacht, Dän?“

    Was da auf den Seiten 454 – 457 an Annäherung beschrieben wird zwischen Dän und Franzi auf der Schaukel, und wie es beschrieben wird, so tastend, so vorsichtig, so hin und her wie bei Romeo und Julia, so frisch=verschüchtert und sehnend=erfahren, das ist groß. Glaube ich. Finde ich. Ich kenne Nabokovs Lolita (noch) nicht, aber intensiver, mitfühlender, spannender, besorgter hat es der russische Stilist eigentlich auch nicht gemacht haben können. Hier ist so viel Neugier bei dem Mädchen, so viel Sehnsucht bei dem Einsamen, so viel Offenheit und Verletzlichkeit bei beiden. Und Mut, das in Kauf zu nehmen. Unverfrorene Blicke die Beine hinauf. Funken und Gedanken an Verruchtheit. Körperlichkeit, ein 1/30 Sekunden-Kuss auf den Fuß. Ungläubigkeit und Freude. Zärtlichkeit in Sprache und in den Bewegungen aufeinander zu. Erste, ungläubige Verliebtheit bei Franziska, und zutiefst berührende Traurigkeit bei Daniel. Das vor allem, diese durchschimmernde Traurigkeit. Traurig darüber, dass es wohl nicht kommen kann, nicht kommen darf, nicht kommen wird, wie er, wie sie, wie man wohl möchte. Dass man alt geworden ist und machtlos. Und trotzdem gezogen wird zu jemandem, der einem entgegen kommt. Ganz zart hängt das in der Luft zwischen den beiden – so ganz anders als das Gewicht der reifen, erinnernden Erotik bei Wilma.

    Und eigentlich ist die Passage ja viel länger. Eine geraume Weile bahnt sich das an mit den beiden auf der Schaukel, schon ab S. 441. Unterbrochen vom Kochen, unterbrochen vom Brotkauf, unterbrochen von der Eifersuchtsszene, unterbrochen vom Nähen, vom Belauschen. „Sie sah mich an – / ((: wie Mich eigentlich noch keine Frau angeseh’n hatte“, denkt Er. “Komm`ma her“, sagt Sie. „Ich legte ihr die Hand auf den Mund … Ach Amete“, sagt er. Und das alles vorbereitet mit der Szene vom roten Badeanzug. Zum Trocknen hängt er da. Und Dän streicht mit dem Handrücken träumend über die leere, rote Brustpartie. Und dann steht sie neben ihm und fragt, ob der schon trocken ist. Und er wird rot. Und beide sehen sich an …

    Das ist wunderschön.

    Dass ist ja doch ein Zauberer, der Arno Schmidt!

    NO

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