Es lebe der Fehler!

Da sind sie nun also, die vier neu gesetzten Teilbände von ZETTEL’S TRAUM! Ich bewundere die Arbeit, die da reingesteckt wurde, und die typographische Kompetenz, die dabei an den Tag gelegt wurde. Gleichzeitig frage ich mich: Geht dabei nicht auch Entscheidendes verloren? Ich bin eingestandenermaßen ja ein Freund des faksimilierten Typoskripts, und zwar gerade weil dieses all die scheinbaren ‚Fehler‘ enthält, die Schmidt auf dem Papier hinterlassen, oft genug allerdings auch gerade zum Einsatzpunkt seiner Poetik gemacht hat: Streichungen, die Schmidt etwa zum Anlass für ein Wortspiel nimmt, Vertipper, die eine Kaskade von Wortwitzen erzeugen, die ganz offenbar im letztlich sichtbar gemachten bzw. gebliebenen Prozess entwickelt werden.

Das geschieht – um nur eins von hunderten von möglichen Beispielen zu nennen – etwa auf Zettel 277, wo Schmidt ansetzt mit dem Wort „Verballhornungen“, stattdessen „Verbalhornungen“ tippt, den Witz im Vertipper erkennt, dann „hornungen“ durchstreicht und „hörnchen“ an die Stelle setzt, so dass man es zum Schluss mit einem „Verbal- / hörnchen“ zu tun hat – und das alles eingebunden in eine explizite Reflexion über „Wortwitze“. Und nun die Stelle in der neuen Ausgabe? Man erkennt den Witz, oder zumindest einen Gutteil davon, gar nicht mehr, man liest nun einzig das, wenn man so will, ‚kastrierte‘ Wort „Verbalhörnchen“. Auch nett. Aber es zielt ein bisschen an der Sache vorbei. Das ist schade. Auch von den oft sinnfälligen Zeilenumbrüchen ist nichts mehr zu spüren, und die einzelnen Seiten bzw. Seitenwechsel sind nur noch an einer kleinen Ziffer erkennbar. Jetzt fühle ich mich also, dank der neuen Ausgabe, dabei ertappt, immer auch gleich noch zur Faksimileausgabe zu greifen, die alles in allem ja durchaus lesbar war – oder zum Glück immer noch ist. Die Vorteile der neuen Ausgabe möge mir aber gerne jemand erklären, Scheuklappen möchte ich mir ja auch nicht aufsetzen. Tröstlich stimmen mich in dem Zusammenhang immerhin die Einträge hier auf www.schauerfeld.de – da geht der Traum also doch weiter, nimmt ungeahnte Abzweigungen, weckt überraschende Assoziationen, bringt alles wieder in Fluss und lässt auch Fehlern – den Orten, an denen etwas passiert – ihren Raum.

 

Sandro Zanetti, Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Frankfurt am Main (DFG-Graduiertenkolleg „Zeiterfahrung und ästhetische Wahrnehmung“ – 1999-2001), Basel (SNF‑Projekt „Zur Genealogie des Schreibens. Die Literaturgeschichte der Schreibszene von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ – 2001-2007) und Berlin (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung – 2006-2008); seit 2008 Juniorprofessor für neuere deutsche Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Produktionsästhetik der Moderne und Postmoderne an der Universität Hildesheim; Leiter des DFG-Netzwerkes „Improvisation und Invention: Findkünste, Einfallstechniken, Ideenmaschinen“ (www.improvent.net); Habilitation 2010.

Kommentare
  • Friedrich Forssman 14. Oktober 2010 at 09:30

    Für Mehrdeutigkeiten hat Arno Schmidt in seinem Spätwerk eigene Formeln gefunden, etwa die der Ramifikation und der Verschreibung; daß Arno Schmidt die teilweise Transparenz des Schreibprozesses, die sich durch Reproduktion von Korrekturen ergibt, spielerisch eingesetzt oder auch nur halbwegs gern in Kauf genommen hätte, dafür gibt es keinen mir bekannten Beleg. Wohlbelegt ist aber, daß Schmidt zunächst davon ausgegangen war, daß »Zettel’s Traum« (und dann wieder »Die Schule der Atheisten«) gesetzt werden würde, und daß er einige besonders korrekturreiche Seiten noch einmal sauber abgetippt hatte, als deutlich wurde, daß das Setzen des Buches nicht möglich sein würde. Wer die entsprechenden Passagen in »Vorläufiges zu Zettels Traum« liest (BA Supplemente 2, 36), dem muß klarwerden, daß Schmidt sich nicht noch bedauernder über die Notwendigkeit der Reproduktion äußern konnte, ohne sein druckfrisches Opus summum geradezu zu denunzieren.

    Zu Beginn des Satzprojektes stand die Wahrnehmung, daß ich das Spätwerk nicht ausreichend als Literatur wahrnehmen konnte, und es einfach nicht lesen mochte. Die Zusatzarbeit des Filterns von denjenigen Ungewöhnlichkeiten, die nur auf äußere Umstände der Entstehung zurückgehen von solchen Ungewöhnlichkeiten, die Arno Schmidt dem Werk eingeschrieben hat, empfand (und empfinde) ich als äußerst lästiges Hemmnis bei der Lektüre ohnehin hochkomplexer Literatur; »Abend mit Goldrand« konnte erst in der Satzfassung zu einem meiner Lieblingsbücher werden. Der Satz eines Buches, inklusive minutiöser Redaktion und Korrektur, ist zu Recht der Standardweg der Buchproduktion: Man nimmt dem Leser Entscheidungen ab, für die man Lösungen vertreten kann, erzeugt einen eindeutigen, zitierbaren Text – der sich so leicht und komfortabel lesen läßt, wie es das Werk nur eben zuläßt. Die Verweiszahlen auf das Typoskript sollen zum Vergleichen sowie, hoffentlich und gewiß, zum Aufbauen von Vertrauen einladen in die bis ins Kleinste gründlich diskutierten Entscheidungen der großen Runde aus zwei Herausgebern, vier Korrektoren und zwei Typographen, allesamt mit reichhaltiger editorischer Erfahrung. Selbstverständlich waren wir alle uns bewußt, daß Grauzonen bleiben mußten, in denen man hier und da auch anders hätte entscheiden können. Auf öffentliche Einzeldiskussionen solcher Stellen freue ich mich, bin aber ausreichend gewiß, daß uns systematische Fehler von einiger Relevanz nicht nachgewiesen werden können. Auf die Zahl der Setzfehler, die sich im Lauf der Zeit anfinden werden, bin ich übrigens höchst neugierig. Weniger als 100 solcher wäre erfreulich. Schreibfehler des Autors indes als »die Orte, an denen etwas passiert« zu bezeichnen, das führt auf merkwürdige Abwege.

    Nun hätte ich selbst unbedingt befürwortet, eine zusätzliche Reproduktion der Typoskripte vorzulegen, wenn es solche nicht schon längst gegeben hätte, und wäre der Zustimmung der Arno Schmidt Stiftung sicher gewesen: So haben wir ja schon einige Materialienbände vorgelegt, die in qualitativ hochwertigen Reproduktionen samt diplomatisch-topographischen und anderen Transkriptionen Entstehungsprozesse transparent machen, und zwar sowohl von Werken, von denen der Autor eine Schlußfassung hergestellt hat, als auch von Fragment gebliebenen. Auch für die Ausgabe »Walter Benjamin: Werke und Nachlaß«, deren Typograph ich bin, sind solche Bände in einem größeren Format geplant, aber aus gutem Grund werden auch dort, wo nur möglich, zusätzlich konstituierte Fassungen im Normalformat der Ausgabe und als »glatter Text« geboten.

  • Jan Süselbeck 14. Oktober 2010 at 10:27

    Sehr geehrter Herr Forssman,

    das überrascht mich jetzt aber schon, dass Sie das Spätwerk Arno Schmidts in seiner ursprünglichen Erscheinungsform zunächst gar nicht lesen mochten! Fürwahr eine ulkige Ausgangslage für die jahrelange editorische Fron des Abtippens und typografischen Umarbeitens dieser Textmassen!

    Bei mir war es bisher immer genau anders herum. Ich stimme deswegen Zanetti zu: Die Typoskripte bleiben die Originale, die ich nach wie vorziehe, und zwar gerade auch wegen der Irritationen, die sie hervorrufen. Das schließt aber die Bewunderung Ihrer Leistung nicht aus, der wir uns nun erst einmal genauer zu widmen haben. Wenn ich in Ihrer Ausgabe lese, nehme ich jetzt immer die Typografie-Ausgabe hinzu und vergleiche – mal sehen, was mir noch so alles auffällt dabei!

    Vielleicht – und das wäre natürlich zu hoffen – löst Ihre Arbeit jetzt, ganz abgesehen von editionsphilologischen Spitzfindigkeiten, erst noch eine ganz neue Rezeptionswelle aus, die es sonst so niemals gegeben hätte. Warten wir’s ab!

    Herzlich,
    Jan Süselbeck

  • Friedrich Forssman 14. Oktober 2010 at 13:55

    Sehr geehrter Herr Süselbeck,

    mich überrascht, daß Sie überrascht, daß ich die Reproduktionen nicht lesen mochte. Wärs nicht eine viel ulkigere Ausgangslage gewesen, wenn ich die Reproduktions-Darreichungsform für der Sache vollkommen gemäß gehalten und gern drin gelesen hätte? Was wäre dann die gesetzte Ausgabe? Ein Spleen, gar ein eigener typographischer Kommentar zu Arno Schmidts Spätwerk? Um den letzteren ging es mir genau nicht: In keiner Arbeit, die ich je gemacht habe, steckt so wenig von meiner faszinierenden Gestalterpersönlichkeit wie im Satz jener vier ungeheuerlichen Bücher; insofern bin ich auch ein wenig immun gegen die »Bewunderung meiner Leistung«: Abgesehen davon, daß es eine Gemeinschaftsleistung war (und nur auf diese Weise gut werden konnte, und mir als solche besonders lieb ist), habe ich eine sinnvolle, gut begründbare Arbeit gemacht, die übrigens auch erfreulich wenig eine Fron im Sinne unbezahlter Arbeit war – und auch keine Fron im Sinne einer Schinderei: Es gibt jenen Glückszustand einer hochkonzentrierten, hochmechanischen, langwierigen Arbeit, von der jeder gute Handwerker berichten kann; dabei auch noch den Texten dieses von mir Autors nahegewesen zu sein, dem ich seit meiner ersten Lektüre (es war »Kaff«) ganz einfach verfallen bin, war mir ein immer erneutes Vergnügen.

    Und: Die Stahlberg- und Fischer-Ausgaben sind nicht die »Originale«. Die liegen im Bargfelder Safe, und weisen Markierungen (und Interpunktionen, und Einfügungen, und ganze Marginalien) auf, die sich in den Reproduktionen nicht wiederfinden. Insofern würde ich die Schwarzweiß-Reproduktionen auch nicht »Faksimiles« nennen, aber wir müssen auch nicht allzu spitzfindig werden, da stimme ich Ihnen zu.

    Und: Es steht jedem frei, die Texte in seiner Lieblingsform zu lesen. Der Textbestand der reproduzierten und der gesetzten Fassungen stimmt natürlich in einem solch überwältigenden Maße überein, daß ich weit davon entfernt wäre, etwa zu behaupten, die Bücher lägen nun erst wirklich vor, oder derlei Verstiegenes. Aber ich freue mich über jeden, dem es in der nun klareren Wahrnehmung des Schmidtschen Spätwerks wie mir geht, ich freue mich über jeden zusätzlichen Leser des Spätwerkes und nähre die Hoffnung, daß die Satz-Ausgaben zahlreiche Neuleser überzeugen mögen.

    Detail-Diskussionen, Fehler-Mitteilungen: Wie gesagt, gern bzw. immer her damit. Angesichts der Verkaufszahlen ist eine Zweitauflage gar nicht so unwahrscheinlich …

    Sehr herzlich grüßt Ihr
    Friedrich Forssman,

    der hier gern nochmal öffentlich für Ihre sehr liebenswürdigen Zeilen zum Satzprojekt dankt, die Sie in »konkret« veröffentlicht haben.