Ideologiekritik

In der Buchmessen-Ausgabe der österreichischen Literaturzeitung "Volltext" lobt Alban Nikolai Herbst unter dem reißerischen Titel "Adel, der aufrecht blutet" das literarische Werk des demokratiefeindlichen Monarchisten Wolf von Niebelschütz, anlässlich einer Neuausgabe zweier Romane dieses dubiosen Autors im Zürcher Verlag "Kein & Aber". Thema ist in Herbst ausführlichem Essay unter anderem der angeblich tabuisierte "Heimatverlust" der "unmittelbaren Kriegsgeneration", den Niebelschütz zu Recht beklagt habe, und der wohlwollende Rezensent zitiert denn auch dröhnende Niebelschütz-Verse wie diese von 1946:

– Deutschland stirbt auf den Straßen; sagt es nun,

sagts, daß ihr deutsch seid!

Aber ich knie allein, dem gebenden Herzschlag mit

Bangen

Folg ich und küsse es stumm auf die zerschossene Stirn.

Schuld an der Unterdrückung solcher Literatur sei die 'verheuchelte' deutsche Literatur-Machtpolitik à la Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass gewesen, die auch die '68er verhängnisvoll geprägt habe. Doch es kommt noch dicker: 

"Grässlich indes sind viele der jüngeren Kritiker, wenn sie die durchintrigierten Urteile ihrer Vorderen noch heutzutage, sei es naiv, sei es aus literarischer Kenntnislosigkeit nachbeten oder aus Mangel an Geschmack und weil sie ideologisch längst ebenfalls blind sind, nunmehr über die USA geprägt."

Tja. Damit bin dann wohl auch ich gemeint. "Deutsch, konservativ, monarchistisch und auch noch ohne schlechtes Gewissen" nach 1945: So wird uns Niebelschütz bereits im Untertitel des Herbst-Artikels vorgestellt, und ja: Ich glaube, solche Autoren sehe ich in der Tat eher kritisch. 

Doch was ist mit Arno Schmidt? Hätte er sich gefreut, dass ihn Herbst in diesem Zusammenhang auch zitiert? Gehört "Zettel's Traum" tatsächlich in diese Schublade?

"Populismus und Rendite sind zum letzten Kriterium der künstlerischen Wahrheit geworden. Die innere Wahrheit aber, eine Wahrheit der Erbschaft von Literatur, lautet anders. Arno Schmidt hat sie formuliert. Allein von Einzelnen würden die großen Bücher von Hand zu Hand über die Generationen weitergereicht. Da spielt der Markt, da spielen die Lobbys, nach wie vor, keine Rolle."

Kommentare
  • Giesbert Damaschke 11. Oktober 2010 at 11:35

    Es wird Dir gefallen, dass auch Hans Wollschläger und Eckard Henscheid die beiden Romane von Niebelschütz in höchsten Tönen loben ;-). – An den "Kammerherrn" habe ich keine konkreten Erinnerungen mehr, aber ich weiß, dass er mir vor gut 20 Jahren sehr gut gefallen hat. Die "Kinder" habe ich erst kürzlich erneut gelesen. Doch, das ist ein großer Roman. Ob Schmidt Niebelschütz gekannt oder goutiert hat, weiß ich nicht. Ob er sich gefreut hätte, von Herbst in diesem Zusammenhang zitiert zu werden, auch nicht.

    • Eckhard Krems 11. November 2010 at 00:02

      Nicht zu vergessen Gerd Haffmans, der im Raben soundso, da wo’s steht, den Vergleich zwischen Niebelschütz‘ ‚Kinder der Finsternis‘ und Ecos ‚Name der Rose‘ zugunsten ersterer ausgehen läßt, und von „Original“ und „Surrogat“ redet.

      Eben gefunden: Rabe 15 (1986). Das ist allerdings der ‚dekadente‘ Rabe, und Niebelschütz im Jahr drauf bereits Haffmans-Autor.
      Daselbst auch der Hinweis auf eine „Humorkritik“ in der Titanic, die ich auf die Schnelle nicht finden kann. Ich vermute, daß es eine Kritik des ‚Kammerherrn‘ gewesen sein muß, und meine, mich zu erinnern, daß sie positiv war.

      Vom ‚Kammerherrn‘, mit dem ich mich nicht soweit anfreunden kann, daß ich bisher mehr als Buch 1 gelesen hätte, kenne ich nur Buch 1. Die ‚Kinder der Finsternis‘ – da teile ich Ihre Meinung, Herr Damaschke – ist groß. Im Buch der Bücher, deren erste Seite besondere Erwähnung verdient, steht ‚Die Kinder der Finsternis‘ auf Seite 1; im Buch der Bücher, deren erster Satz einen am Latz packt, ins Buch hineinzieht und erst wieder losläßt, wenn man bei ›Excellenz fliegn am ganzn Leibe!‹ angelangt ist, bilden die Kinder der Finsternis den ersten Satz.

      „auch ein Vorteil meiner Technik: selbst bei verkehrtrum gehaltenem Buch erkennt man sofort das Tempo der Seite!“ schreibt Schmidt irgendwo, und das ist genau das, was man bei den ‚Kindern der Finsternis‘ _nicht_ sieht, auch bei richtigrum gehaltenem Buch nicht. Die Dynamik im Verhältnis erzählter Zeit zur Erzählzeit ist sehr eigenartig: da gibt es Seiten ohne erkennbaren Absatz, und im nicht erkennbaren Absatz können 5 Jahre gerefft in drei Sätzen abgetan, und sodann ein Frühstück am Feldrand über zwei Seiten ausgedehnt werden.

      In _diese_ Schublade gehört Schmidt eher nicht.

      „Zwei dicke Bände füllen die Vorarbeiten zum Roman. […] Nach zweijähriger Vorarbeit lag das Konzept, dessen Niederschrift Wolf von Niebelschütz danach nicht mehr ansah, zur Ausarbeitung fertig im Kopf“ schreibt Ilse von Niebelschütz im Nachwort.

      In _der_ Schublade tummelt sich wahrscheinlich auch Schmidt.

      Vollkommen ignoriert von der Forschung: das Motiv des Badens. : »Darf=ich vorschtelln?! –: – ‹1 Baade=Plätzchn: Freulein Hertha Theunert: Herr Dachs von Ghissi.› –.«

      Letzteres natürlich aus Kaff. Was im Kanon der Bücher, deren erster Satz den Leser am Latz packt, ihn ins Buch zieht, anschnallt und _nie, nie_ wieder losläßt, ganz ganz oben steht.

  • Alban Nikolai Herbst 11. Oktober 2010 at 14:41

    Eigentlich wollte ich in dieses Forum erst aktiv eintreten, wenn mir Schmidts Zettel vorliegt; er wartet auf mich am Suhrkamp-Empfang. Wegen der Buchmesse und meines Heidelberger Lehrauftrags bin ich derzeit aber unterwegs, komme in drei Tagen für wenige Stunden nach Berlin zurück und fliege am Morgen darauf bis zum 24. 10. nach Sizilien. So daß ich das Brikettpalettchen erst am 25. werde abholen können. Aber sei’s drum, hier muß und will ich antworten, obwohl die Angelegenheit nur sehr indirekt zu Arno Schmidt gehört. Der freilich ebenfalls ideologisch fragwürdige Bücher in seine Haidnischen Heiligtümer aufgenommen hat; insofern mag denn eine Niebelschütz-Debatte bei aller literarästhetischen Verschiedenheit hier doch ihren Platz finden. Haben Sie aber bitte Verständnis dafür, daß ich zwischen dem 14. und 24. auf keine Gegenrede werde erwidern können, schlichtweg, weil ich auf Sizilien keinen Netzzugang habe, bzw. ich meine Zeit dort nicht in Internet Points verbringen will.
     
    Ich gehe jetzt Ihre Darstellung meines Artikels und meiner Positionen einmal Satz für Satz durch:
     

    In der Buchmessen-Ausgabe der österreichischen Literaturzeitung "Volltext" lobt Alban Nikolai Herbst unter dem reißerischen Titel "Adel, der aufrecht blutet" das literarische Werk des demokratiefeindlichen Monarchisten Wolf von Niebelschütz

    Bereits Ihr Eingangssatz ist rhetorisch suggestiv: Von demokratiefeindlich wird in dem Artikel nicht gsprochen, wohl aber von starker Skepsis gegenüber der Demokratie, sofern sie auf Kultur abgewandt, also Qualitäten per Abstimmung, Mainstream und, letztlich immer, Kapitalinterese bestimmt werden. Das Wort feindlich hingegen, gerade in Hinblick auf die gegenwärtige Terrorismus-Hysterie, schlägt Niebelschütz einem Lager zu, in das er sicher so wenig gehörte wie in das der Nationalsozialisten oder überhaupt des Faschismus. Das habe ich auch deutlich gemacht in dem Artikel, und Niebelschütz selbst hat das, zum Beispiel im Kammerherrn, deutlich gemacht.

    anlässlich einer Neuausgabe zweier Romane dieses dubiosen Autors

    „dubios” ist gleich die nächste rhetorische Volte, die sich selbstverständlich auf die Romae Niebelschützens gar nicht erst einläßt.

    im Zürcher Verlag "Kein & Aber". Thema ist in Herbsts ausführlichem Essay unter anderem der angeblich tabuisierte "Heimatverlust" der "unmittelbaren Kriegsgeneration", den Niebelschütz zu Recht beklagt habe, und der wohlwollende Rezensent zitiert denn auch dröhnende Niebelschütz-Verse

    Daß Sie die Wertung „dröhnende” beifügen, zeigt, daß Sie ein Urteil suggerieren und nicht etwa die Leser es aus den zitierten Versen selber finden lassen wollen; dabei sind die Verse heftig genug und haben auch mir nicht sehr zugesagt. Aber wenn man versucht, sich einem Autor zu nähern, kommt man um so etwas nicht herum und muß es ins Kalkül mit hineinnehmen. Daß Klagen um Heimatverlust in der äshetischen Intelligenz tabuisiert waren, wurde mir zum ersten Mal deutlich, als man einen Autor wie Gerd-Peter Eigner stigmatisierte, als der für einen politisch nicht im entferntesten auch nur konservativen Roman, nämlich „Golli” von 1976 einen Preis der schlesischen Vertriebenen annahm. Im übrigen sind die Verse, die ich zitiere, in einem Sinn zu verstehen, von dem ich in meinem Artikel ebenfalls spreche: Niebelschütz hat keineswegs ein nationalsozialistisches, „völkisches” Deutschland im Sinn, sondern eines, das nahe bei Eichendorff liegt. Eben nicht Barbarossa, sondern Federico II.
    Ich zitiere die Verse jetzt nicht abermals, weil ich sie nicht verteidigen mag; ich selber hätte sie 1946 – von meiner Sozialisation aus gefühlt, selbstverständlich – sicherlich n i c h t geschrieben. Die Frage ist aber, w e m küßt Niebelschütz stumm auf die zerschossene Stirn.

    Schuld an der Unterdrückung solcher Literatur sei die 'verheuchelte' deutsche Literatur-Machtpolitik à la Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass gewesen, die auch die '68er verhängnisvoll geprägt habe.

    Daß sie das geprägt hat, ist nachweisbar. Über den „Fall Gaiser” kann kann man unterdessen die Briefwechsel einsehen, in denen, obwohl man sich durchaus versicherte, Gaisers ästhetische Kompetenz sei ungleich größer als Bölls, Böll als neue Leitfigur definiert wurde; was man dann auch durchgesetzt hat.

    Doch es kommt noch dicker: Grässlich indes sind viele der jüngeren Kritiker, wenn sie die durchintrigierten Urteile ihrer Vorderen noch heutzutage, sei es naiv, sei es aus literarischer Kenntnislosigkeit nachbeten oder aus Mangel an Geschmack und weil sie ideologisch längst ebenfalls blind sind, nunmehr über die USA geprägt." – Tja. Damit bin dann wohl auch ich gemeint.

    Nein. Sondern ich hatte Kritiker wie Weidermann im Blick, in dessen „deutscher Literaturgeschichte” zum Beispiel Thelen nicht vorkommt. Seltsam aber, wie persönlich Sie hier werden.

    "Deutsch, konservativ, monarchistisch und auch noch ohne schlechtes Gewissen" nach 1945: So wird uns Niebelschütz bereits im Untertitel des Herbst-Artikels vorgestellt

    Aber nicht von mir. Und das wissen Sie auch. Wer immer für Zeitungen schreibt, dem ist bekannt, daß Headlines und hervorgehobene Subtexte fast durchweg von den Redadtionen gemacht werden; man kann sich dagegen kaum wehren. Sie, lieber Herr Süselbeck, wissen das auf jeden Fall genau. Es also m i r vorzuhalten, zeigt ziemlich genau, was der Unterschied zwischen Ideologiekritik und ideologischer Kritik ist. Am Beispiel Ihrer „Argumentation” gegen meinen Artiekl ist das sogar aufs das banalste zu zeigen; das spricht nun wirklich nicht für Sie. Ihre prinzipelle Haltung gegenüber Niebelschützens politischer Auffassung nehme ich da übrigens aus; die finde ich berechtigt. Mit Suggestion zu arbeiten sagt weniger etwas über die vertretene Position als über die Person.

    und ja: Ich glaube, solche Autoren sehe ich in der Tat eher kritisch.

    Das finde ich angemessen. Ich hätte da nur gern ein romanästhetisches Argument gehört; ein einziges würde schon mal reichen. Es war ja nicht von ungefähr ausgerechnet Walter Boehlich, der sich gegen die halbe deutsche Literaturwelt für Niebelschütz in die Bresche warf. Meines Wissens werden Sie, Herr Niebelschütz, Herrn Boehlich kaum rechten Positionen zuschlagen wollen. Falls ja: das würde eine hochinteressante Debatte werden.

    Doch was ist mit Arno Schmidt? Hätte er sich gefreut, dass ihn Herbst in diesem Zusammenhang auch zitiert?

    Spielte das tatsächlich, um zu Urteilen zu finden, eine Rolle? Abgesehen davon, hat gerade Schmidt nicht selten Partei für Autoren ergriffen, die man sehr gerne mied.

    Gehört "Zettel's Traum" tatsächlich in diese Schublade?

    Welche Schublade meinen Sie? Grammatisch hieße ihre Frage, daß „der Zusammenhang” eine Schublade sei. Was Sie nicht ernstlich meinen können. Semantisch bezöge sich „Schublade” aber auf „solche Autoren”, bzw. sogar darauf, daß Sie solche Autoren kritisch sehen. Als Textkonstrukt, Herr Süselbeck, k a n n das nicht klappen. Oder ist die „Schublade” aufs folgende Zitat bezogen? Dann müßten Sie Arno Schmidts Bemerkung auf eine Weise interpretieren, die Niebelschütz aus ihr ausschließt, also aus ihre herausnimmt, beiseite – wie Denis Scheck das gern tut – in den Mülleimer wirft, in sowas haben wir Deutschen Erfahrung, um die derart „gereinigte” Schublade dann wieder zu schließen. Auf den Schließvorgang selbst, ich meine das Wort jetzt aussagelogisch, einer solchen Argumentation wäre ich nun äußerst gespannt. Und bin mir sicher: Legionen von Literaturwissenschaftlern wären das auch.
    Unabhängig von alledem meine ich, daß wir lernen müssen, die Qualität einer Dichtung a u c h unabhängig von den politischen Überzeugungen ihrer Dichter zu betrachten und einzuschützen. Alles andere ist naiv. Es gehört auch zum Erwachsenwerden von Ästhetikern, Ambivalenzen auszuhalten, und zwar auch solche, die wehtun. Bei keinem Schriftsteller ist mir das je so bewußt geworden wie bei Céline, der ohne jeden Zweifel ein Rassist allerübelsten Ausmaßes war. Das hat ihn nicht davon abgehalten, mit Recht zu den wichtigsten Schriftstellern Frankreichs, und zwar seit Jahrhunderten, zu gehören. Mir gefällt das, wie sicher auch Ihnen, überhaupt nicht. Aber ich kann nicht umhin, es zu akzeptieren. Und gegen den berserkernden Rassismus – a u c h bereits in der „Reise ans Ende der Nacht”, und w i e sogar! -, also gegen den nimmt sich Niebelschützens Monarchismus wie ein politisches Stück Kuchen aus.

  • Jan Sueselbeck 11. Oktober 2010 at 16:39

    Moment, Moment.
    Hier geht jetzt doch einiges durcheinander.
    Zunächst: Selbstverständlich habe ich gestern abend einiges verkürzt, um von dem (für sich gewiss noch viel ausführlicher debattierenswerten) Niebelschütz-Artikel wieder die Kurve zu Schmidt zu kriegen, der hier ja nun einmal Thema ist.
    Mein Posting bezog sich – und das konnte Ihnen jetzt wohl nicht gleich ganz verständlich werden, da Sie hier noch gar nicht ausführlicher mitgelesen hatten, Herr Herbst – implizit auf die zaghaften Ansätze zu einer Debattierung reaktionärer Dialog-Elemente in "ZT", die wir hier zuletzt bereits hatten, angestoßen durch Postings von Andreas Platthaus und Stefan Mesch.
    Deshalb fiel mir gestern beim Zeitungslesen besonders auf, dass Sie, Herr Herbst, Arno Schmidt just als Stichwortgeber für die besondere "Wahrheit" von Literatur zitieren, einer "Wahrheit" für nur wenige "Wissende" – und zwar in einem Artikel, der versucht, einem sich 1946 mit den zitierten Versen unstreitigerweise ultra-reaktionär positionierenden Autor wie Niebelschütz zu derjenigen literarischen Anerkennung zu verhelfen, die ihm Ihrer Meinung nach zu Unrecht und aus "ideologischen" Gründen nach 1945 verwehrt wurde.
    Meine Frage war nun: Wieso dient Arno Schmidt ausgerechnet hier als Gewährsmann? Gehört er tatsächlich in diese "Schublade", das sollte heißen: Ist Schmidt also etwa auch einer wie Niebelschütz, der teils ziemlich reaktionäre Sachen schrieb und dessen Schriften ab "ZT" zusehends "tabuisiert" wurden, weil er nicht mehr so ganz in das Weltbild der "'68er" passen wollte? In Ihrem Artikel steht das so natürlich nicht drin – aber im "Zusammenhang" mit unseren bisherigen Diskussionen frappiert es doch, dass Sie ausgerechnet unseren Autor in Ihrem Artikel als Stichwortgeber angeführt haben.
    Das ich "persönlich" wurde, war auch nur im Kontext mit meiner hier zuvor geposteten Kritik an Schmidt gemeint: Nimmt man Ihre Argumentation im Niebelschütz-Artikel als Maßstab, dann gehöre ich hier, auf diesem Blog, nämlich tatsächlich auch zu jenen "grässlichen" Nachbetern ideologisch motivierter Banausen-Kritiken an 'literarisch autonom zu betrachtenden' Kunstwerken.
    Ich hoffe, mich nun etwas klarer ausgedrückt zu haben und grüße herzlich in die Runde:
    Jan Süselbeck
    P.S.: Tja, Giesbert, dass sich Wollschläger und Henscheid auch schon als Niebelschütz-Fans outeten, das überrascht mich jetzt tatsächlich weniger. Das mag ein interessanter Autor sein, aber das was Herbst in seinem "Volltext"-Artikel berichtet, reizt mich zur Zeit in der Tat kaum zu einer näheren Beschäftigung mit derlei Literatur: "Schublade zu", mit den besten Grüßen an Denis Scheck! Ja, Herr Herbst, die Literaturkritik darf sowas! Und danke vielmals für die Ergänzung, Giesbert!

  • Alban Nikolai Herbst 11. Oktober 2010 at 17:52

    Sicher darf die Literaturkritik sowas. Sie darf quasi alles, sogar die Dichter vernichten. Steht ihr ganz frei. Wir freilich finden Wege, uns zu rächen, und sei's in der Literaturgeschichte dann. Denn wenn wir uns die historischen Kritiken, etwa zu Kleist, mal so anschauen, stehen die Kritikerleute meist ziemlich nackicht da, und es mangelt obendrein an Erektionen. Allerdings bekommen sie selbst das nicht mit. Jedenfalls selten. Da sie halt mächtiger sind als die Autoren und nicht zögern, ihre Macht auch einzusetzen. Sie schließen sich auch schneller an. Mögen die Autoren früh sterben, der Nachruhm sei ihrer. Dafür hat die Kritik sich Einfamilienhäuser aus ihren Fehlern gebaut. Auch dazu wußte A. Schmidt einiges zu sagen.

     

    Übrigens gibt es Fehlurteile auch von Format. Sie sind selten, aber es gibt sie. Denken Sie an Karl Kraus über Heine. Nur sind solche Texte, selber, Kunst. Und dü r f e n deshalb, wie Künstler, irren.

     

    In die Auseinandersetzung vorgeblich reaktionärer Texte gegen vorgeblich progressive steige ich zu anderem Zeitpunkt mit Leidenschaft ein. (Schmidt weist mit Recht darauf hin, daß es einen riesigen Unterschied zwischen "konservativ" und "reaktionär" gibt und daß eben das – aus politisch strategischen Gründen – gern torpediert wird.)

  • Gonzo 11. Oktober 2010 at 22:20

    Herbst nicht einmal Kritiker 
     
    (Kritiker mithin schwerer als Autor)

    • Alban Nikolai Herbst 12. Oktober 2010 at 10:14

      @Gonzo.

      (Dem ist wahrscheinlich wenig entgegenzusetzen: körperlich betrachtet.)
      Indes das „nicht einmal“ so fein in seiner Bosheit ist, daß darauf Süselbeck antworten möge.

  • molosovsky 16. Oktober 2010 at 03:57

    Lieber Herr Süsselbeck.
    Setzten Sie sich doch bitte nicht in den Fettnapf, den Niebelschütz nicht lesen zu wollen, weil Ihnen ein Artikel über selbigen von Herrn Herbst nicht passt. Seien Sie bitte so frei und selbstdenkend, dem Niebelschütz sein Werk zu beurteilen, bisher urteilen Sie ja nur über Herbsts Text. Sie müssen ja auch nicht mit den Gedichten anfangen (die eh zu teuer, weil antiquarisch gesuchte Ware sind). — Wenn Sie »Die Kinder der Finsternis« oder »Der Blaue Kammerherr« gelesen haben, zumindest versucht haben zu lesen, und dann immer noch all die Vorbehalte gegen Niebelschütz haben, welche Sie indirekt aus dem Artikel von Herrn Herbst zuzeln, dann ist’s ja gut … aber so: ich wundere mich.

  • NO 12. November 2010 at 18:33

    Vollkommen ignoriert von der Forschung: das Motiv des Badens. : »Darf=ich vorschtelln?! –: – ‹1 Baade=Plätzchn: Freulein Hertha Theunert: Herr Dachs von Ghissi.› –.« Letzteres natürlich aus Kaff.
    ———

    Na dash aMann’n dikker=Hunt!

    „Barral“ bei Schmidts im Schwimmbad! „Mon Dom“ in KAFF! Der Raunende, der Großdichter zitiert den aufrecht blutenden Adligen. Finsterniskinder auf dem Schauerfeld, Süeselbeck und Herbst zusammen in der Schublade!!

    Wenn’s stimmt. Ich hab’s nicht nachgelesen. Aber wenn’s stimmt, lieber Guido Graf, ist ZT, jdf. aber AS, aus dem Solitärdasein gerissen in die Kontextualisierung mit Wolf v. Niebelschütz: Was bedeutet denn das für die Bewertung von Arno Schmidt? Wenn’s stimmt, lieber Jan Süselbeck, müsste man bei beiden eigentlich die gleichen Bedenken an den Tag legen, oder?

    Denn so ein Satz, der geht eigentlich nicht:

    „Grundste 1 Stück Knecht vorbei; steiff, mit Füßen wie angewachsene Schier; (: Was hab‘ ich bloß im Leben falsch gemacht, daß So=Was mich grüßen darf!; zum „Kopf“ wäre Rassebüchlein der Hitler-Zeit bestimmt „holzschnitt=artig eingefallen …“ (ZT S. 51).

    Mir jdf. stellt sich die bange Frage: Muss man (auch) bei Schmidt einen leichtfertigen?, unbedarften?, geschmacklosen?, unerträglichen? Umgang mit dem heiklen Themenkomplexen Antisemitismus, Rassenwahn etc. konstatieren? Und folgt aus dieser political incorrectness nicht zwingend das Verbannungsverdikt?

    NO

    • Guido Graf 12. November 2010 at 19:10

      Für Verdikte dieser Art sind nur Ideologen zuständig. Die gibt es auch unter Lesern, Kritikern und Wissenschaftlern. Oder eben solche, die im philologischen Alterego-Kleingarten immer schön die Beete gerade ziehen. Der Germanist germanistelt bis er nicht mehr germanistelt, dichtete Thomas Bernhard einmal in „Ahnenkult“. Stellen wie die, die Sie aus KAFF zitieren, bleiben Stellen, wenn sie nicht kontextualisiert werden. Was nicht irgendeiner heiligen Werkimmanenz das Wort redet, sondern durchaus auch auf Bezugspunkte aus ist, die außerhalb des Textes liegen. Und: Stellen sind keine Indizien, die – verkettet oder addiert – in Beweislast resultieren.
      Was nicht heißt, dass sie nicht interessant wären und uns nicht veranlassen könnten, neu über Kontinuitäten in der politischen und sprachlichen Sozialisation (nicht nur) Schmidts nachzudenken. Ich vermute, dass man dann zu aufschlussreichen Ergebnissen kommt, wenn man solche Figurenrede wie in KAFF mit zahlreichen anderen Belegen aus dem Werk nicht neben- sondern übereinander, quasi wie transparente Folien legt.

  • Norbert W. Schlinkert 12. November 2010 at 20:41

    Ich erinnere an Jan Süselbecks Artikel „Anatomische Kenntnisse“. Dort ist die Rede von dem Menschen Arno Schmidt und dessen Versuch, im Jahr 1933 in die SS aufgenommen zu werden. Als er abgelehnt wird wegen seiner Sehschwäche, ist dies, wie er kurz darauf (!) in einem Brief schreibt, schade, denn er „hätte Anatomie gelernt.“ Süselbeck schließt mit einer Aufforderung: „Auch “Zettel’s Traum” muss man vor dem Hintergrund dieser Nachricht lesen. Alles andere wäre Augenwischerei.“

    Autor und Werk werden hier in einem engen Zusammenhang gesehen. (Zu diesem Zusammenhang findet sich auch etwas im Kommentarstrang zu Guido Grafs „schreiben 4“.) Das heißt aber eben nicht, diesen Autor nicht zu lesen, sondern nur, ihn unter Umständen mit einem bestimmten Wissen lesen zu müssen, weil wir dieses nun mal haben. Natürlich tut sich niemand die Qual an, etwa Günter Grass noch einmal zu lesen, nur weil jetzt das ein oder andere zu Tage tritt, doch darum geht es ja nicht. Denn es gibt ja auch noch den Text selbst, der gewissermaßen unschuldig aufs Gelesenwerden wartet. Auch ein Knut Hamsun steht ja, im Alter zumindest, bedenkenauslösend auf der falschen Seite, doch was bedeutet das schon gegen einen grandiosen Text? Ich bin ja nicht von einem Text begeistert, weil er von einem bestimmten Menschen geschrieben worden ist, sondern weil der Text mich berührt. Außerdem: wo ist die Grenze einer Political Correctness? Kann ich einem toten Autor aus der Antike oder auch aus der Weimarer Republik noch vorwerfen, daß er die Todesstrafe befürwortete, so berechtigt das gegenüber einem lebenden Menschen wäre?

    Entscheidend ist, denke ich, tatsächlich der Kontext, in den ich den Text stelle, und daraus resultieren die Fragestellungen. Natürlich kann ich mich fragen, woher ein Autor bestimmte intime Kenntnisse hat, doch die erste Frage muß immer die nach der Qualität des Textes sein, es sei denn, es ist kein literarischer, sondern etwa ein Bekenntnistext, eine Beichte oder eine Art Selbsttherapie des Autors. Letzteres wurde hier auch bereits einmal angesprochen, weil Schmidt nach ZT wie befreit geschrieben hat. Das alles kann, muß vielleicht sogar diskutiert werden, doch bitteschön nicht ohne den Text, dem man zuerst als Kunstwerk eine Chance geben sollte; ist er es nicht wert, gelesen zu werden, hat man dem Autor ohnehin einiges vorzuwerfen, ohne dessen Gesinnung überhaupt berücksichtigen zu müssen.

    Und noch eins: wenn Literatur nicht aus sich heraus verdorben sein könnte, inhaltlich also und getragen von Protagonisten, wo nähme sie dann ihre Wirkkraft her, die ja allein im Kopf des Lesers ihr (Un-)Wesen treibt? Dort spielt sich am Ende doch die ganze Geschichte ab!

    • MF 13. November 2010 at 06:45

      Sowohl Sie als auch Herr Süselbeck behandeln die zitierte Briefstelle, als sei deren biografischer Status festgestellt. Das ist nicht so. Wir wissen nicht einmal sicher, ob Schmidt tatsächlich an der besagten Veranstaltung tatsächlich teilgenommen hat oder ob das reine Fiktion ist; und wenn er teilgenommen haben sollte, wissen wir nicht, was ihn dazu veranlasst hat und wie er reagiert hätte, wenn die SS ihn gegen alle Wahrscheinlichkeit hätte haben wollen. Die SS hatte damals übrigens noch einen gänzlich anderen Status als er sich dann nach dem sogenannten Röhm-Putsch ausgewachsen hat.

      Was wir dagegen wissen, ist, dass sich Schmidt nach dem Krieg mit seinem fiktiven Studium, das er habe abbrechen müssen, weil seine Schwester einen Juden geheiratet habe, zu einem Opfer des Regimes stilisiert, das er wenigstens in diesem Sinne nicht war.

      Aber das mit der SS und den Körperanhängen ist natürlich knalliger, und man weiß auch gleich Bescheid, was man dazu zu denken hat, nicht wahr?

  • Norbert W. Schlinkert 13. November 2010 at 11:18

    Gesetzt den Fall, Schmidt hat seinem Freund eine Lügengeschichte aufgetischt: dann will er sich immerhin so gesehen wissen, als jemand, der tatkräftig seinen Beitrag leistet, indem er sich zur Verfügung stellt. Ob er an Männlichkeitsritualen teilgenommen hat, wo und wie auch immer, ist dabei wohl zweitrangig; dazu habe ich auch nichts geschrieben.

    Mir ging es (auch) darum klarzumachen, daß es nicht um die mögliche Verurteilung eines Menschen geht, den man persönlich ja nicht einmal gekannt hat, sondern um die Texte, die als solche, zunächst einmal ganz subjektiv und als Kunst, zu genießen, zu beurteilen und zu befragen sind. Niemand wirft Günter Grass vor, daß er als junger Mensch verblendet war, wohl aber, daß er nach der Danziger Trilogie nichts Beachtenswertes mehr zustande brachte. Ansonsten dürfen Künstler aller Couleur lügen und betrügen, daß sich die Balken biegen, wenn sie denn gute Kunst machen. Tauchen Fragen auf, die aus dem Text heraus zwingend auf den Autor als Menschen verweisen, so ist der Text einfach nicht gut, weil er keine eigene Sphäre herzustellen weiß.

    • MF 13. November 2010 at 13:45

      Ach, als ob es zwischen Lügengeschichte und der lauteren Wahrheit nicht beliebige Zwischenstufen geben würde. Wer weiß schon, auf welches vorherige Gespräch dieser Brief reagiert, wer weiß, welchen Scherz unter Freunden er fortsetzt, welche für beide Briefpartner sofort erkennbare Absurdität hier ausgespielt wird. Dieser Brief ist ja nicht für Sie oder für mich geschrieben, sondern eine nicht öffentliche Bemerkung zu einem Freund. Ich wenigstens wollte mich nicht von Fremden beurteilt wissen nach dem, was ich so im Privaten mit denjenigen austausche, die mich gut kennen.

      • Norbert W. Schlinkert 13. November 2010 at 15:00

        Ich selbst habe natürlich auch kein Interesse, daß alle Welt in meinem Leben herumspioniert, und wenn ich es hätte, würde ich es zumindest lenken wollen, so wie Alban Nikolai Herbst dies tut mit seinem Die Dschungel. Dann ist es ein Spiel. Andererseits ist Arno Schmidt mausetot und war zu Lebzeiten Schriftsteller und damit in gewisser Hinsicht ein öffentlicher Mensch, so daß keinerlei Rücksicht auf die Privatsphäre genommen werden muß. Sorgfältig, gewissenhaft und fair sollte man natürlich trotzdem mit dem Material umgehen, was auch beinhaltet, die von Ihnen ins Spiel gebrachten Möglichkeiten ernsthaft zu verfolgen und selbst ohne Beweise nicht zu vergessen. Zu Verurteilungen wegen jugendlicher Verblendung besteht aber ohnehin kein Anlaß, wo kämen wir da hin!

  • molosovsky 13. November 2010 at 16:10

    Herr Süsselbeck schrieb in seinem Eintrag „Anatomische Kenntnisse“ davon, dass…
    „es verstörend {ist und bleibt}, wie diese offensichtlich seit Langem zum deutschen Kommiss-Jargon gehörenden, sozusagen *multifunktional* einsetzbaren Phrasen-Elemente soldatischen Alltags-Denkens auch bei Arno Schmidt wiederkehrten {…}“
    (Süsselbeck bezieht sich auf einen Brief auf dem Jahre 1933.) Ich frage mich, wo denn genau der bemerkenswerte Erkenntnisgewinn bei dieser Aussage bleibt. — Nebenbei: in ZT selbst wird der Einfluss auf Poes Sprache durch seine West Point-Zeit thematisiert.

    Um auf AS und seine *Stimmenimitation* von Kommiss-Jargon zurückzukommen. Zu fragen wäre: Plappert AS hier nur nach? Schmeißt er sich in Pose, wenn ja, warum? — Mir scheint es wahrscheinlicher, dass AS die Kommiss-Sprache (zumindest meist) in etwa so aufgreift, wie das auch Georg Schramm in seinen Rollen als Lothar Dombrowski oder Oberst Sanftleben tut. — (Ganz nebenbei: Schramm, wäre vielleicht ein exzellenter AS-Rezitator!)

  • molosovsky 13. November 2010 at 19:40

    Zur Verifikation, ZT, Seite 52:

    Dein Manko in diesim Spezialfall : Du hasD nich bei der Art’lrie gedient {…} Und so 5=6 Jahre Militär? : gehn an keinem Menschn spurlos vorrüber.