hallo, diskurs? ein austausch.

 

Was bisher geschah.

Elf Schnipsel.

 

01: Guido Graf erklärt am 10. September das Konzept von schauerfeld.de:

"Am 1. Oktober 2010 erscheint Arno Schmidts Zettel’s Traum in gesetzter Fassung. Aus diesem Anlass werden Schriftsteller, Kritiker und Wissenschaftler sich zum Teil erstmals, zum Teil an eine wiederholte Lektüre dieses Riesenbuches machen und hier im Blog Mitteilungen über diese Lektüre geben.

Im Hintergrund stehen Fragen wie die, wie sich dieses Werk heute, nach 40 Jahren, lesen lässt, wie unterhaltsam so eine Lektüre sein kann oder ob Arno Schmidts Schreibweise Anstoß für heutiges Schreiben sein kann. […]

Es gibt keine Vorgaben. Fast alles ist erlaubt. Neue, kreative, spielerische Lektüren, Notizen, Einfälle, Kommentare. Bilder, Videos, Töne. Und: alle Leser sind eingeladen, sich mit Kommentaren zu beteiligen und zu diskutieren." (Link)

 

02: Katrin de Vries 'blurbt' am 30. September über Schmidts Arbeit (und die eigene Lese-Arbeit?) an "Zettel's Traum":

"Als würde die deutsche Sprache noch einmal entstehen.
Als würde die deutsche literarische Sprache noch einmal hervorbrechen.
Als würde die deutsche Kunst in der Sprache noch einmal geboren werden. […]" (Link)

 

03: Jan Süselbeck erinnert sich am 28. September an ein Stipendium im Haus der Arno-Schmidt-Stiftung in Cordingen:

"[…] Ja, Arno Schmidt machte mir großen Hunger. Abends sah mein „Feierabend“ in der Regel wie folgt aus: Ich öffnete feierlich eine erste Flasche Bier, trat an das Stehpult, auf dem ich Zettel’s Traum sachgerecht aufgebahrt hatte, und begann bei 60-Watt-Lampenschein zu lesen. Daneben ein Notizbuch, das ich noch heute hüte wie meinen Augapfel – und ich las, wie andere Leute abends den Fernseher anschmeißen, um “abzuschalten”: mit Knackwürsten und Bier ohne Ende. Besonders faszinierte mich deshalb auch das dauernde Fressen und Saufen in diesem Buch. Irgendwie begann sich das, was ich da las, mit dem, was ich selbst konsumierte, durchaus lustvoll zu vermischen." (Link)

und weiter, am 1. Oktober:

"[…] Wie hält man so eine Klausur aus? Man beginnt zu lesen, und man schreibt. Den ganzen Tag. Uhrzeiten spielen plötzlich kaum noch eine Rolle. Das hier hätte auch der Knast sein können oder eine Mönchszelle. Ganz egal. […] Am Ende wähnt man sich selbst als „Solipsist in der Heide“ und als gnadenloser Misanthrop, umgeben von einer stumpfsinnigen Landbevölkerung wie in den Romanen Thomas Bernhards. Wahrlich keine gute Ausgangslage, um eine „wissenschaftliche“ Auseinandersetzung mit weltliterarischen Kunstwerken zu beginnen! […]

In solchen Situationen beginnt man tatsächlich, mit anderen Augen auf die Biografie eines Autors zu blicken. Jene unwägbare Chimäre, von der ich doch in meinem Grundstudium gelernt hatte, dass sie für den germanistischen Interpreten quasi tabu sei. Was machte Schmidt in solchen Schreib-Nächten? Was seine Frau? Wie monströs war das denn? Tatsache ist, dass damals, unter seinen Händen, das wahrscheinlich größte Fragment der Weltgeschichte entstand. […]" (Link)

 

04: Andreas Platthaus erklärt am 2. Oktober, warum die ZT-Neuausgabe das Schmidt-Lesen verändern wird:

„Zettel’s Traum“ einmal auf den Knien liegen zu haben, ja, es sogar aufgeschlagen in der Hand halten zu können, das ist das seltsamste Lesegefühl der Welt. Und ein gutes, weil es häufigen Gebrauch verheißt. […] Über Seite 116 bin ich noch nicht hinaus gekommen. Und das hat schon an die zehn Stunden Lektürezeit gekostet, denn es geht ja um den Vergleich eines legendären Buches, das 1970 vom Stahlberg Verlag als Faksimile der gewaltigen Din-A-3-Manuskriptblätter (die „Zettel“) von Arno Schmidt veröffentlicht wurde und nun nach einem Vierteljahrhundert Arbeit auch als gesetzte Fassung erscheint; sprich ohne all die handschriftlichen Ergänzungen, die Schwärzungen, kleinen gezeichneten Symbole […]

Und wie liest’s sich jetzt? Nicht leichter als zuvor, wenn man von Gewicht und Handhabbarkeit absieht. […]" (Link)

 

05: Ann Cotten kommentiert am 2. Oktober bei mir über die 'veraltete Avantgarde' von Klaus Theweleit, Alexander Kluge und Arno Schmidt: (Link)

"Zu Theweleit und Kluge wollte ich mitplaudern. Ein dickes, interessantes Buch über quasi alles habe ich von ersterem in einem guten Antiquariat in Göttingen begeistert gekauft. Danach lag es lang am Klo. Mir hatte die assoziative Denkweise, das Querschießen gefallen, und ebendas ließ mich dann, sozusagen, alleine sitzen: es war wirklich beliebig. Es ging nicht weit genug. Es war wohl in einer Zeit entstanden, in dem es sich wohl so radikal anfühlte, sich überhaupt ins Kanalsystem des Hirns zu wagen, dass man bloß ein paar Schritte machte, wieder raus ging und dann groß herumerzählte, man wäre da drin gewesen (und ein Buch drüber geschrieben). […]

Das steinerne Herz, glaube ich, habe ich angefangen, und weil ich Natur mag, Details mag, mochte ich den Anfang, doch sobald die erste Frau unter die Glotzer des Erzählers kam, war die Atmosphäre irgendwie im Eimer.
Bin doch sonst nicht so empfindlich! Nicht auf Feministische Belange. Deswegen glaube ich, es steckt ein ästhetisches Problem dahinter. Die sprachlichen Veitstänze bei Erscheinen eines Weibs offenbaren ein Können in der bösartigen Groteske, das vielleicht auf besser ausgewählte Feinde angewandt sehr nützlich hätte gewesen sein können.
Und das ist vielleicht der durch Jahrzehnte herausdestillierte Vorwurf, den unsereins an die Generation Schmidt, Theweleit, Kluge etc. machen könnte: die Beliebigkeit. Sie haben Kunst gemacht, indem sie sich gehen haben lassen und das dokumentiert […]"

 

06: Jan Süselbeck kommentiert am 2. Oktober bei Guido Graf (Link):

"Zettel's Traum" ist das Resultat einer schweren Krise. Die Dinge um ihrer selbst Willen zu tun, ergibt noch lange nicht zwangsläufig ein gutes Buch. Erst danach ging es literarisch wieder bergauf. "ZT" aber ist Schmidts "Nachsommer", verkleidet als bleierner Bürokraten-Katalog eines ehemaligen Buchhalters, Logarithmen-Sammlers und NS-Artillerie-Ballistik-Rechnungskünstlers. Die angebliche opfervolle Entsagung in Bargfeld war bloß Selbstzweck, alkoholische Schreib-Selbstflucht und damit poetischer Leerlauf; gerade diese analytische Perspektive aber macht das Buch auf seine Weise auch wieder ganz besonders interessant. Man sollte "ZT" einmal mit Blick auf die gesellschaftlichen Folgen der NS-Zeit in Deutschland lesen, das allgemeine Verschweigen der Shoah und die üblichen Formen privater Legenden der Täter-Opfer-Umkehr. Da liegt der patagonische Hase im Pfeffer. […]"

 

07: Giesbert Damaschke informiert am 3. Oktober, nachdem ich mich über absurd viele, widersprüchliche Mond-Metaphern wundere (Link):

"Schmidt war ein großer Selenomane, der Mond spielt eine immens wichtige Rolle im Werk. Und seine Mondmetaphern füllen ein ganzes Buch, wortwörtlich: Karl H Rofkar: Ein rissig verschimmeltes Gesicht…: Die Mond-Metaphern im frühen und mittleren Erzählwerk Arno Schmidts. Eine lexikographische Anthologie nebst zwei Anhängen. — Und Rofkar kümmert sich noch nicht um ZT, AmG oder SdA."

 

08: Ann Cotten 'mutmaßt' am 4. Oktober, 'Bedingung für Freude an A.S.' Buch 'Zettels Traum'' sei ein 'Wohnsitz in Deutschlands Ästhetik-Wüsten':

"[…] Assoziation zum Mond nie falsch. Assoziation zum Mond im Gegenteil billig. Mond für jeden zu haben. (sehen) Päh! Ich spucke. Hab eben an diesen Schmidt gedacht. Kleiner Widerling. Es wird zu viel über ihn geredet. Er würde sich freuen. Fleiß zeugt Fleiß. Ich stelle mir ihn wiedergeboren als jährlich eifrig wieder aufschwellende Tomate in seinem eigenen Garten vor." (Link)

 

09: Andreas Platthaus fragt sich am 5. Oktober, ob Arno Schmidt Jugendliche hasste:

"[…] Da nahm der gute Schmidt, der sich die ganzen sechziger Jahre lang bei der Fron an seinem Hauptwerk abgeplagt hatte, kein Blatt vor dem Mund: Gammeln, das war für ihn das Schlimmste, was man sich so denken kann. Bis in die Preisrede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, den Schmidt 1973, also drei Jahre nach Erscheinen von „Zettel’s Traum“, erhielt, zieht sich dieses Gezeter gegen die verdorben-faulenzende Jugend. Und klar, daß ein nimmermüde Schuftender wie Schmidt auch keine Zeit hatte, den Preis persönlich abzuholen. Gattin Alice mußte seine Philippika vortragen und das Geld entgegennehmen.

Die Goethepreisrede trübte seinerzeit das öffentliche Bild von Schmidt, obwohl man seine Ausfälle gegen die damalige Jugend eben auch schon vorher hätte kennen können. Aber mal wieder ganz im Ernst: Wer hatte denn „Zettel’s Traum“ bis Zettel 137 überhaupt gelesen? Und gilt nicht ohnehin die strikte Trennung zwischen Autor und Figuren? Na ja, bei Arno Schmidt sicher nicht. […]" (Link)

 

10: Jan Süselbeck erklärt am 6. Oktober, auch Arno Schmidts Fremdenfeindlichkeit sei ein größeres Problem:

"[…] Sexismus, reaktionäre Stammtischparolen und rassistische Ausfälle begegnen dem Leser bei Schmidt, als verstörende Tiraden neben gewissermaßen 'antideutschen' Statements gegen die nationale Politik von Adenauer & Co., wie ich sie in meinem letzten Posting bereits anzitierte, auf Schritt und Tritt. "Hat sich die Schmidt-Philologie dieser Peinlichkeit angenommen?", fragt Platthaus herausfordernd. Selbstverständlich hatte sie bereits zu Schmidts Lebzeiten daran zu 'knacken' […]

Seither sind einige Jahre vergangen – und ja, man hat durchaus viel darüber nachgedacht und auch geschrieben. Zuletzt übrigens in der aktuellen Ausgabe von konkret. Was ich dort nur andeuten konnte, scheint nun hier immer mehr Thema zu werden: Dass auch "ZT" ein Text ist, der von Menschen erzählt, die der Zweite Weltkrieg merklich verändert hat: "Zum Schlechteren, gelt ?" […]" (Link)

 

11: Katrin de Vries fragt am 7. Oktober: "Worüber können wir uns empören?"

„Zettel’s Traum“ gibt Bilder von den Bewegungen des Geistes.
Der Geist ist unser Denken und unser Fühlen. Vor allem ist er unser Fühlen. Unser denkendes Fühlen. Also unsere Gier. Unsere Begierden. Unser Neid. Unsere Mißgunst. Unser Abscheu. Unsere Angst. Unsere Schwermut. Unsere Vorurteile.
Viel seltener ist unser denkendes Fühlen Leichtigkeit. Frohmut. Zuneigung. Gelassenheit. Genügsamkeit. […]

Zu den Bewegungen unseres Geistes gehört so manche Gehässigkeit Gemeinheit Bösartigkeit. Wir sprechen sie nicht unbedingt aus. Wir strahlen sie vielleicht nur aus.
Bei Arno Schmidt nun gibt es gehässige gemeine böse Sätze. Und schmerzhaft entblößende Sätze. Aber so ist unser Geist. So ist unser denkendes Fühlen.
Worüber könnten wir uns empören." (Link)

 

…aber Ann Cotten sagt: "Nein!"

…und Christian Schaerf: "So ist unser denkendes Fühlen." –  Also bitte, was ich bisher gelesen habe ist Altherrensexismus in Reinkultur. Wundere mich nur, dass diese Geisteslage so viele Zettel bzw. Seiten hergibt. Die Theorie von den Etyms ist ein guter Witz. Wahrscheinlich der einzige, den man auf 5000 Seiten erzählen kann."

 

Fortsetzung folgt.

[Ich selbst bin die nächsten zehn Tage unterwegs und werde seltener bloggen. Mein Arno-Schmidt-Twitter-Account (Link) läuft weiter. Und Tägliche Blogs wieder ab Donnerstag, 22. Oktober.]

Kommentare
  • Norbert W. Schlinkert 12. Oktober 2010 at 11:39

    Das ganze Schauerfeld-Projekt, so will mir, der ich von Die Dschungel mich hierher verirrt habe, scheinen, ist nur darauf angelegt, möglichst viele Bluthunde auf den armen Arno Schmidt zu hetzen, nicht obwohl, sondern weil er sich nicht mehr wehren kann. Jan Süselbeck (Schnipsel 06) wirft aber so nebenher eine spannende Frage auf, denn wenn Schmidts "ZT" gleichsam sein "Nachsommer" ist, und hier selbstredend derjenige des Adalbert Stifter gemeint sein muß, so kann "ZT" doch unter Umständen ebenso wie Stifters Erzählung als Utopie gelesen werden. Stifter war enttäuscht über das Scheitern der 1848er Revolution, er mußte geradezu eine normative, strukturierte und auf unhinterfragte Hierarchie aufbauende Welt zeigen, um wieder Luft zum Atmen zu haben. Welche Utopie aber mochte wohl Arno Schmidt im Kopf gehabt haben, welche Welt zeigt er uns, welche Struktur hat diese, oder ist es sogar so, daß alle Utopie sich strikt außerhalb des schmidtschen Textes befindet und dieser eher die Blackbox ist, in der die Katastrophe minutiös aufgezeichnet ist? 

  • Guido Graf 12. Oktober 2010 at 19:44

    Utopien in ZT sind, eigentlich nur unwesentlich anders als in den früheren Büchern – nur hier eben nicht mehr gestaltet -, Ausflüge ins Totenreich; bestenfalls kann sich der im Prinzip immer verkannte Genius darin als seinem "paranoischen Winkel" (S. 360) einrichten.

  • Alban Nikolai Herbst 12. Oktober 2010 at 19:45

    @Norbert W. Schlinkert:

    Das ganze Schauerfeld-Projekt, so will mir, der ich von Die Dschungel mich hierher verirrt habe, scheinen, ist nur darauf angelegt, möglichst viele Bluthunde auf den armen Arno Schmidt zu hetzen, nicht obwohl, sondern weil er sich nicht mehr wehren kann.

    Zu d i e s e m – aber die Frage nach der Utopie hängt auf vertrackte Weise damit zusammen – ist wider den Strich zu behaupten, daß zwar die Absicht, die Sie wittern, hinter dem Projekt stehen mag, meinethalben unter anderem. Tatsächlich geschieht aber etwas ganz Drittes: es ist einer der ersten Schritte des Etablierten, der altgewordenen Buchkultur, die sich, auch wenn sie's nicht zugibt, von einer neuen Schriftkultur gefährdet sieht, Höhlen in den Strukturen des Neuen zu suchen. Das Wort auf Papier überträgt sich von dem alten Medium in das, was ihm folgt. Deshalb können Projekte wie dieses hier eine entscheidende Bedeutung für die Zukunft haben. Daß es ausgerechnet an einem geradezu extrem an die Buchform gebundenen Autor realisiert wird, zeigt ein zumindest instinktives Wissen um das, worum es nicht erst bald, sondern bereits seit langem wirklich geht: was auf dem Spiel steht. Und wie dieses Spiel seine Chancen nutzt. Oder sie vertut.

    (Die Arno-Schmidt-Stiftung selbst ist früh schon im Voraussehn gewesen; wenn zwar nicht im Netz-direkt, so doch am kybernetischen Medium: seinerzeit der CD. Ich meine die der Bargfelder Ausgabe. Suhrkamp hingegen hinkt – seit mehr als zwanzig Jahren "traditionell" und aus vielerlei Gründen, zu denen auch Dünkel gehörte – sogar einer Printkonkurrenz hinterher, der der Verlag intellektuell und ästhetisch sehr lange vorauslief. Das Schauerfeld könnte das ändern. Das ist nicht ohne medienhistorischen Witz. Da ja auch Schauerfeld >>>> ein Hinterherlaufen ist, nämlich hinter KiWi. Nur folgt diesmal Suhrkamp dem andern schon dicht auf dem Fuß.)

  • Jan Sueselbeck 12. Oktober 2010 at 21:38

    Nochmal ganz kurz zu dem Kommentar von Norbert W. Schlinkert: "Stifter war enttäuscht über das Scheitern der 1848er Revolution, er mußte geradezu eine normative, strukturierte und auf unhinterfragte Hierarchie aufbauende Welt zeigen, um wieder Luft zum Atmen zu haben."

    Das erscheint mir doch arg zugespitzt. Stifter war gewiss kurzzeitig von der Euphorie im März 1848 mitgerissen worden, aber bereits im Oktober des selben Jahres sah er in den revolutionären Umtrieben nur noch ungezügelte, tierische Begierden wie nur jeder reaktionäre Metternich-Spitzel. 1849 macht Stifter in den Aufständen bereits einen – so wörtlich – "Hunnenzug des Proletariats" aus, der sein Land überflute und ins Chaos stürze.

    So gesehen war der "Nachsommer" 1857 wohl weniger eine befreiende Utopie der Ordnung, sondern eher ein Abbild eines gewaltsamen, definitiven und endgültigen Selbsteinsperrens hinter versteckten Tapetentüren, um endlich unentdeckt vertrocknen zu können. Der "Nachsommer" beschreibt also kein Aufatmen, sondern eine zielgerichtete Todesflucht.

    Einmal ganz abgesehen von seinen unterhaltsamen Stifter-Polemiken in den Funkessays über den "Nachsommer" und den "Witiko" hat Arno Schmidt das auch früh als sein eigenes Wunschbild enthüllt – hier waltet eine auffällige Ambivalenz, und der beinahe tatsächlich bereits tödliche Selbstversuch des Verfassens von "ZT" kann von echten Stifter-Aficionados daher auch nur noch mit einem wissenden Kopfnicken quittiert werden.

    Guido hat Recht: "ZT" führt uns in ein verschattetes Todes- und Totenreich, voller literarischer 'LSD'-Impressionen, quasi perspektivisch verrechnet und fest eingestellt auf einen "angle of nearly 45 degrees" (Typoskript, S. 798), also voller impotenter Zombie-Porno-Blödeleien aus der übelsten Artillerie- und Landser-Witz-Kiste.

    Gute Nacht,

    Jan Süselbeck

  • Norbert W. Schlinkert 12. Oktober 2010 at 22:15

    @Guido Graf:
    Ich besitze (aus nachvollziehbaren pekuniären Gründen) leider "nur" die Schallplatten-Ausgabe "Vorläufiges zu Zettels Traum" von 1977 aus dem S.Fischer Verlag, kann also über Zettel's Traum als Gesamtwerk nichts sagen; dennoch erscheint mir ein Rückzug in einen "paranoischen Winkel" jede Möglichkeit auszuschließen, eine Utopie zu entwickeln (Sie sagten ja auch "bestenfalls"), es sei denn als Wahn, der jedoch nicht im vermittelnden Sinne umfassend sein kann wie etwa die von Stifter entworfene Welt im "Nachsommer", in dem ja immerhin von Risach das www quasi vorhersagt. Bei Stifter heißt es: "Wie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können (…)?" (dtv-Ausgabe, 9. Auflage 2003, S.459.) Eine Utopie ist immer auf ein Ganzes gerichtet, da sehe ich bei Arno Schmidt keinen Ansatz, aber ich kann mich natürlich täuschen.
    @Alban Nikolai Herbst:
    Da gehe ich mit Ihnen d'accord, auch wenn ich nicht von Höhlen sondern von Nistplätzen in der Struktur des Neuen sprechen würde. Und wenn ich sagte, der arme Arno Schmidt könne sich nicht mehr wehren, so meinte ich den Menschen, nicht sein Werk. Das nämlich kann sich durchaus wehren, etwa indem es Einblick und Verständnis verweigert oder vielfache Deutungen gut begründbar zuläßt. Wie ich oben schon sagte, Utopien zielen auf ein Ganzes, so wie vielleicht bereits die Sympraxis / Symphilosophie des Novalis auf ein solches abzielt, und durch das www sind wir alle näher dran als je, denke ich. Auf schöne, papierne Bücher muß sicher niemand verzichten, doch das Nach-Denken über Inhalte, in welcher Form auch immer, geht neue Wege, auf denen sich "Altes" und "Neues" miteinander in Beziehung setzen läßt.

  • Norbert W. Schlinkert 12. Oktober 2010 at 23:09

    @Jan Süselbeck:
    Sicher, und da haben Sie recht, ist für Stifter die Revolution in dem Augenblick gescheitert, als sie dreckig, tatsächlich kriegerisch und chaotisch wird. Doch enttäuscht ist er ja wirklich. Ich denke, die von Stifter im "Nachsommer" beschriebene Welt dürfte für ihn selber durchaus die beabsichtigte Wirkung gehabt haben (das meinte ich), nicht jedoch für seine Zeitgenossen, die der Erzählung nichts abgewinnen, ja sie nicht einmal verstehen konnten. In gewisser Hinsicht ist der "Nachsommer" ohnehin eine nahezu konfliktfreie Neufassung von Goethes "Wahlverwandtschaften". Politisch ernst nehmen muß man das nicht. Aber das führt weg von Arno Schmidt, denn die eigentliche Frage ist ja, denke ich, auf welche Weise Geschichten erzählt werden nach Kriegen oder Revolutionen, und sicher ist Arno Schmidt einer dieser Geschichtenerzähler. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte etwa die Erbauungsliteratur eines Johann Arndt ihre große Zeit, weil die Menschen ver- und alte Strukturen zerstört waren, nach dem Ersten Weltkrieg war es u. a. ein Georg Kaiser, der den Zeitgeist traf. Wer traf in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg denselben, und wie verhält sich Arno Schmidts Werk und speziell Zettel's Traum dazu? Das ist für mich eine spannende Frage. Von heute aus Schmidt nur zu analysieren scheint mir zu wenig, man schmort schnell im eigenen Saft, so daß ich von meiner Warte aus sagen würde, man beachte mehr den historischen Kontext, gerade um all die Fragen nach Rassismus, Sexismus usw. des Autors anzugehen. Einem Thomas Pynchon vorzuwerfen, er sei Sexist, weil er in "Gegen den Tag" pornografische Literatur parodiert oder einfach der Vollständigkeit halber einfügt, fällt ja auch nur wenigen Menschen ein, weil wir in der selben Zeit leben und die Texte in ihrer Funktion erkennen (können).    

  • Friedhelm Rathjen 13. Oktober 2010 at 08:12

    Arno Schmidt war kein Theoretiker (auch wenn er das womöglich gern AUCH gewesen wäre), sondern Schriftsteller: Praktiker. Wo man aus theoretischem Blickwinkel nach Utopien suchen könnte, würde man deshalb vielleicht eher fündig, wenn man nach etwas anderem (freilich sehr verwandten) Ausschau hielte: Fiktionen. Bei "Zettel's Traum" zunächst ein seltsam scheinender Gedanke, auf den ersten Blick nimmt Schmidt hier das Fiktionale zugunsten quasi-essayistischer Erörterungen zurück; in den Büchern, die er danach schrieb ("Schule der Atheisten" und "Abend mit Goldrand"), explodiert das Fiktionale dann freilich richtiggehend. Insofern wäre "Zettel's Traum" der (seeeeeehr lange) Moment des innehaltenden & zögerlichen Nachdenkens über das Wesen des Fiktionalen; und aufs Nachdenken folgt dann die Umsetzung.

  • Alban Nikolai Herbst 13. Oktober 2010 at 09:06

    @Friedhelm Rathjen und sowieso.

    Das ist ein mehr als nur ein guter Gedanke. Das Spiel mit den Fktionen hat ja vor allem schon früh vor allem KAFF bestimmt, auch Mare Crisium genannt. Hier nimmt Schmidt das Fiktionale sogar mehrwertig im Sinne von Möglichkeiten, die parallelerzählt werden. D a liegt für mich etwas, das Richtungen öffnet.

    Wegen des Utopischen wage ich einstweilen aber noch zu zweifeln; Schmidt war, meine ich, deutlich Pessimist und in d e m Verstand von Schopenhauer geprägt.

  • Friedhelm Rathjen 13. Oktober 2010 at 09:41

    Bei Schmidt macht (wie alles andere auch) der Begriff des Utopischen mit den Jahren und Jahrzehnten eine heftige Wandlung durch. In den "Dichtergesprächen im Elysium", die Schmidt im Krieg schrieb (zu Zeiten, da er allen Grund hatte, aus der Realität zu fliehen), läßt er ETA Hoffmann "jene tiefste utopienbildende Kraft" bejubeln, die "den Niels Klim genau so hebt und trägt wie den Robin Crusoe, Klopstocks Gelehrtenrepublik und die Reise zum Mittelpunkte der Erde! – Denn in fast allen der erwähnten Bücher ist als die einzig mögliche Form die der Utopie erkannt worden, der in sich geschlossenen, eigensten Welt. Dies ist das Höchste und Letzte, was zu sagen war!" Schon in seiner ersten Nachkriegserzählung "Enthymesis" aber lästert Schmidt gegen Platos "wahnwitzige Utopie; mit ihrer Weiber- und Kindergemeinschaft und der nackten Staatsvergötzung". Da gerät die ursprüngliche Hochschätzung von Begriff & Konzept arg ins Wanken; Schmidt preist zwar hinfort gelegentlich noch die "reinlich=gefährliche Utopie" (Variante: "die ausführliche, solid=bedeutende Utopie der Inselwelt") der "Insel Felsenburg" und verwandter Texte, aber peu a peu geht er dazu über, den Begriff "Utopie" vornehmlich auf mystisch-weltflüchtige Texte wie Karl Mays Spätwerk zu beziehen – bis hin zu dem Punkt, wo Schmidt (in seinem Frenssen-Essay, nicht lange vor Beginn der Arbeit an "Zettel's Traum") mit Blick auf die jüngere deutsche Geschichte unterscheidet, "die Realisten" seien "wieder einmal Diejenigen gewesen […], die vor Hitler & seinen Horden gewarnt; und die, um ein mildes Wort zu verwenden, Utopisten wieder einmal Die, die von Kampf & Sieg fantasiert hatten". Bösere Worte kann man über Utopienhängigkeit eigentlich kaum verlieren. Erst NACH "Zettel's Traum", in "Abend mit Goldrand", überlegt der hier auch an seine Jugend zurückdenkende Schmidt, daß "so ziemlich jeder Autor sich anscheinend einmal eine Utopie einrichtet" – wenn Schmidt selbst in seinem Werk eine solche Utopie gesehen hat, dann mit Sicherheit im Frühwerk (vielleicht sogar in Teilen, die nicht erhalten sind oder noch nicht mal schriftlich fixiert waren), jedenfalls nicht in "Zettel's Traum".
    Utopisch an "Zettel's Traum" scheint mir eher der Ansatz, vom Scheitern zu erzählen und damit das Scheitern aufzuheben; oder auch: das Unterbewußte beim Schreiben für berechen- und rekonstruierbar zu erklären und gleichzeitig im eigenen Schreiben der Rekonstruierbarkeit entfliehen zu wollen. Aber da sind wir dann eben bei Mechanismen nicht mehr der Utopien-, sondern der Fiktionenfindung.

  • Norbert W. Schlinkert 13. Oktober 2010 at 10:00

    @Friedhelm Rathjen:
    Arno Schmidt war bestimmt kein Theoretiker, mit dem sich hätte arbeiten lassen, aber ein Theoretiker seiner selbst war er sicher. (Hätte ein Jean Paul mit Goethe über seine "Vorschule der Ästhetik" verhandelt?) Ich habe einige Faksimile aus "Zettel's Traum" vorliegen, und ich bin (auch) der Ansicht, daß Schmidt mangels schriftstellerischer Geschmeidigkeit diesen selbsterzeugten und in "Zettel's Traum" dargelegten Bezugsrahmen benötigte, um (wieder) praktisch und fiktional arbeiten zu können. Insofern stimme ich der Ansicht zu, daß "Zettel's Traum" (Zitat Friedhelm Rathjen) "der (seeeeeehr lange) Moment des innehaltenden & zögerlichen Nachdenkens über das Wesen des Fiktionalen" ist. Im Grunde ist "Zettel's" Traum natürlich eine Zumutung, so wie Joyce' "Finnegans Wake" eine Zumutung ist, wenn auch eine schönere, da hier das Fiktionale und Traumhafte wenigstens vorhanden ist, also nicht einfach eine Konstellation oder Versuchsanordnung aus Alltagstrukturen gezogen ist, was sich durch die eher totgeschwiegene Nachdichtung Dieter H. Stündels ("Finnegans Wehg") ja sogar auch auf "deutsch" nachvollziehen läßt. Vielleicht kann man sich in bezug zu "Zettel's Traum" darauf verständigen, daß (wie ich oben bereits schrieb ) alle Utopie [und auch Fiktion] sich strikt außerhalb des schmidtschen Textes befindet und dieser eher die Blackbox ist, in der die Katastrophe minutiös aufgezeichnet ist, vor allem die des Arno Schmidt selbst. Außerdem ist, eine Binse natürlich, der Text immer schlauer als der Autor, andernfalls sich eine Diskussion ja auch kaum lohnen dürfte.
     
     

    • Friedhelm Rathjen 13. Oktober 2010 at 11:07

      Lieber Herr Schlinkert,

      da muß ich aber doch widersprechen – nicht (notwendigerweise) Ihrem Hauptargumentationsgang, aber doch zumindest der Nebenbemerkung zu Joyce & Stündel. Bei Stündel läßt sich, darauf möchte ich denn doch beharren, von dem, was „Finnegans Wake“ ausmacht, absolut gar nichts nachvollziehen; es stimmt auch nicht, daß Stündels Machwerk totgeschwiegen worden wäre, ich habe mich seinerzeit (wie ich einige andere) nach Kräften bemüht, es totzuschreiben. Wenn einem Schmidt – gerade in „Zettel’s Traum“ und gerade auch in seinen Versuchen, Passagen aus „Finnegans Wake“ einzudeutschen – mitunter ein wenig zu bemüht, zu verkrampft, zu unpoetisch vorkommt, dann braucht man nur kurz in Stündels Joyce-Untersetzung zu schauen, und schon weiß man wieder, was wirklich bemüht, verkrampft und unpoetisch ist. Stündel schreibt – sozusagen -, wie Schmidt schreiben würden, wenn er nicht schreiben könnte. Kann er aber, darauf möchte ich doch auch beharren.

      Außerhalb des Textes, fürchte ich, befindet sich bei Schmidt und gerade bei „Zettel’s Traum“ gar nichts; ZT könnte man vielmehr auffassen als Versuch, alles auzublenden, was außerhalb des Textes ist, indem alles, was irgend von Belang ist, in den Text aufgenommen wird.

      • Norbert W. Schlinkert 13. Oktober 2010 at 12:02

        Lieber Herr Rathjen,
        ich war von Stündels „Untersetzung“ ja auch enttäuscht, und vielleicht ist der Begriff „Nachdichtung“ zu positiv. Ich lese auch lieber in dem von Klaus Reichert und Fritz Senn herausgegebenen Band oder im Original, dem ich aber nun wirklich nicht gerecht werden kann. Daß Stündels Werk totgeschrieben worden ist, habe ich nicht recht mitbekommen, ich habe damals noch überwiegend als Bildender Künstler gewirkt und das Thema Joyce eher malerisch verarbeitet.
        Was nun „Zettel’s Traum“ angeht, so ist da sicher alles sprachlich irgendwie Faßbare enthalten, aber da doch Literatur eben durch Sprache eine Wirkung erzeugt, die nicht allein im Werk ist, muß etwas außerhalb sein, im Falle von ZT wenigstens das Unverständnis des Lesers. Natürlich ist ZT ein Sonderfall, denn auf andere Werke Schmidts trifft eher zu, was Erich Kleinschmidt („Autorschaft“, S.77) schreibt: „Der Möglichkeit aus der Sicht des Autors, seinen Textsinn nicht völlig preisgeben zu müssen und doch ‚verstanden‘ zu werden, entspricht die Fähigkeit des Lesers, einen Text für sich zu begreifen, ohne sein Bedeutungsangebot auszuschöpfen.“ Wäre dies bei ZT möglich, wäre der Text also zugänglich, ergäbe sich im Lesevorgang eine ganze Welt, die in diesem Vorgang kein Außen mehr hat. Im Falle von ZT kann ich die Möglichkeit einer solchen Symbiose auf Zeit nicht erkennen, so daß der Leser mit seiner Welt zumeist außerhalb der Blackbox bleiben muß. Das immerhin schafft ZT ja ohne Probleme.

  • Giesbert Damaschke 13. Oktober 2010 at 12:53

    „… indem alles, was irgend von Belang ist, in den Text auf genommen wird.“

    Manchmal denke ich, ZT tritt mit dem totalitären Anspruch auf, dass man überhaupt keine Lektüre außerhalb braucht, es steht gewissermaßen alles in dem einen großen Buch der Bücher. Die vielen Zitate öffneten dem Leser dann keine neuen Wege und wiesen nicht über ZT hinaus, sondern dienten dazu, alles zu absorbieren, was der Text benötigt.

    • Norbert W. Schlinkert 14. Oktober 2010 at 08:00

      Ich denke, die vielen Zitate und Verweise in ZT öffnen dem Leser selbstverständlich Wege, denn ein Leser ist ja immer autonom, vollkommen unabhängig vom Anspruch, den ein Autor wie Arno Schmidt haben mag. Es dürfte sogar sehr wahrscheinlich sein, daß ein Leser einem Verweis folgt und in einem anderen, gut lesbaren Buch gleichsam stecken bleibt, worauf er ZT dann links liegen läßt.

  • Jost Eickmeyer 14. Oktober 2010 at 11:28

    Zu N.W. Schinkert: „in einem … gut lesbaren Buch gleichsam stecken bleibt“ – diese Formulierung gibt zu denken! Und ich wage die Behauotung: In ZT kann man nicht „stecken bleiben“, weil der Text (trotz der ‚Dicke‘ des Buches-an-sich) nie dickflüssig ist.

    Anders gesagt – F. Rathjens Fiktionenfindung einbindend -: Mehrspaltige Werke MUSS man flüssig lesen. Insofern der Leser nämlich nicht einfach einem Text folgen kann, sondern stets den/die andere Kolumne im Blick haben soll. Nun kenne ich zwar die endliche Edition von ZT nicht (und werde einige Zeit sparen müssen, um sie zu erwerben), aber bei der Lektüre der Altfassung fiel mir auf, dass der Leser stets Verbindungen herzustellen sucht / oder zmundest versucht ist dies zu tun. Dass diese Verbindungen mal mehr mal weniger mit dem ‚eigentlichen‘ Inhalt zu tun haben, hängt mit der knüpfenden Macht des Lesers zusammen. Kurzum: droht es zu stocken, wechsle ich die ‚Seite‘ (solche Lektürepraxis kann man bei den hiesigen Beiträgern wohl auch beobachten). Deswegen ist es eben der weiße Raum zwischen den Spalten, der zum Fiktion stifenden Humus wird, stets vom Auge des Betrachters abhängig. Und so gibt es denn auch kein ‚Außen‘, da Leser und Fiktion zusammen ein Ganzes bilden, das durch Schmidt’sche(n) Text(e) immer wieder befeuert wird.
    Wer’s lieber zuschlägt und sich ein Tandem kauft – immerhin.

  • Norbert W. Schlinkert 14. Oktober 2010 at 12:15

    Zu Jost Eckmeyer:
    Mit Steckenbleiben meinte ich nicht, und vielleicht hätte ich einen anderen Ausdruck benutzen sollen, das unbewegliche Verharren, sondern das Mitschwimmen im beweglichen Strom des Textes, das Verharren im Text durch Lesen. Nun ja, jedes Beispiel hinkt ein wenig, so manches Bild stockt.

    Zur Lektüre von ZT (ich habe nur die Faksimile-Blätter aus „Vorläufiges zu Zettels Traum“ und die Erinnerung an fernes Lesen in einer Bibliothek) muß ich aber meinerseits sagen, daß ich ZT (und auch Zeitungen) einspaltig lese und weiße Zwischenräume als Sicherheitsabstand ansehe. Es gibt ja auch neuere Versuche des mehrspaltigen literarischen Schreibens, es funktioniert nicht – das Buch ist keine Bühne, auf der ein Orchester oder eine Band gemeinsam einen Sound erzeugt, indem alle etwas anderes spielen. Würde man sich von einem Musikstück jede Spur einzeln anhören?

    Letztlich hängt aber natürlich alles von der Qualität des Textes (nicht der Texte) ab, und dazu gehört eben, daß Leser und Text ein Ganzes bilden können, sich quasi in der Mitte auf Grundlage eingehaltener Spielregeln treffen. Das sehe ich bei ZT nicht gewährleistet, da der Text als Textteil dem Leser nur wie auf Widerruf entgegenkommt, während andere Textteile mit den Hufen scharrend daneben stehen. Das ist Konkurrenz im eigenen Laden und erzeugt sicher keine Fiktion, der Leser ist nie wirklich mittendrin in einem erzählten Geschehen. Es gibt Menschen, die reihen solche Werke unter Postmoderne ein, jedes Zimmerchen ist anders, und am Ende weiß man nicht mehr, wo man steckt. Wer’s mag!

    • Jost Eickmeyer 14. Oktober 2010 at 18:24

      zu N.W. Schlinkert: Ich weiß schon, was Sie mit ’stecken bleiben‘ gemeint haben, schön war aber und Anknüpfungspunkt bot mir, dass Sie eben die besagte mehrdeutige Formulierung wählten.
      Ich bin kein Freund des vorschnellen labellings ‚postmodern‘, erst recht bei Werken von 1970; auch kein Freund übrigens des gebetsmillartigen Hervorkehrens von AS’s Kleinbürgertum (das Sie nicht betreiben, aber manch andere Leser hier): Das wissen wir schon!
      Mich interessiert hier: Wie liest man mehrspaltige Bücher – wohlgemekrt: nicht Zeitungen, die schlicht einen Text in zwei Kolumnen setzen wie eine Kirchengeschichte des siebzehnten Jahrhunderts, sondern ZT oder auch Derridas ‚Glas‘, bei denen das Aug‘ und Denken des Lesers zum ‚Springen‘ eingeladen/gezwungen sind.
      Ich glaube auch nicht, dass solches Schreibe nicht „funktioniert“, allerdings sicherlich auf andere Weise. Riskanter sicherlich bei Derrida, wenn lesend ein philosophischer Gehalt, ein Diskurs, ein Gedankengang fixiert werden soll, während es hüben (des weißen Zwischenraums) um Hegel, drüben um Genet geht. ‚Einfacher‘ womöglich im Falle ZTs, wo ’nur‘ die ultimative Fiktion erfunden wird.
      In gewisser Weise sagen Sie es selbst: „… und weiße Zwi­schen­räume als Sicher­heits­ab­stand ansehe.“ Also SEHEN Sie ihn AN. Und betreiben damit eine Schwundstufe dessen, was ich oben zu beschreiben versuchte: Indem Sie die Kolumnen auf Distanz halten wollen, implizieren Sie Verknüpfung und Austausch über den ‚weißen Graben‘ hinweg. – Das heißt natürlich nicht, dass Sie sich unbedingt auf AS’s „Spielregeln“ einlassen, die im Falle von ZT vielleicht in der Tat eine Zumutung darstellen.

  • Norbert W. Schlinkert 15. Oktober 2010 at 11:47

    zu Jost Eickmeyer: Meine Schwierigkeit, mehrspaltige Texte zu lesen bzw. zu erfassen, hat ihren Ursprung sicher auch in der Art meines oder des Lesens überhaupt, denn vor dem so genannten geistige Auge läuft ja ohnehin noch mindestens eine „Spalte“ parallel, die dann aber gleichsam die eigene ist. Vielleicht empfinde ich es deswegen auch als einen Versuch, meine Kompetenz zu beschneiden, wenn ein Autor seine Assoziationen, Anmerkungen, Ideen oder sogar Zeichnungen, die ja in den mittleren oder zentral wirkenden Text aus welchen Gründen auch immer nicht aufgenommen worden sind, mir quasi aufs geistige Auge drückt. Ich habe bei solchen Texten immer das Gefühl, ich müsse die Arbeit des Autors nach dessen Vorgaben zu ende führen, und erst dann sei Platz für das eigene Denken.