Milk’s a queer arrangement

Auch ich bin einst an der Hand eines freundlich bevormundenden Reader's Guide durch "Finnegans Wake" (übrigens lustig: da, wo bei Joyce kein Apostroph steht, steht bei Schmidt einer… "Zettel's Traum") marschiert und habe mich dennoch nicht ausgekannt, ein Kapitel nach dem anderen zog vorüber und kaum irgendetwas blieb in mir hängen – bis zum X. Kapitel. Da habe ich die Hand des Guides loslassen können und bin allein weitergegangen. Wow, ich verstehe Finnegans Wake!, habe ich gedacht, bis das Kapitel aus war – ab da war alles wieder beim alten, unverständlich und unendlich kompliziert und unfair und und und. 

Die Form des X. Kapitels von FW ist interessanterweise die gleiche wie Zettel's Traum: Ein Haupttext, umgeben von Marginalien. Der linke Rand gehört Shem (the Penman), der rechte Rand seinem Bruder Shaun. Shem, in elegant zur Seite gelehnter Kursivschrift, kommentiert das Geschehen mit kleinen poetischen Explosionen, voller Lebensfreude, voller pubertärem Unverständnis, Shaun dagegen spricht ausschließlich in Großbuchstaben und in einem wissenschaftlich-magisterialen Stil.

Aber da gibt es noch eine dritte Stimme, die der merkwürdig zwischen Wahnsinn und Allwissenheit hin und her schwappenden Schwester der beiden Brüder gehört: Isabel. Das Kapitel wurde 1937 von Joyce als separates kleines Büchlein veröffentlicht, unter dem Titel "Storiella as She is Syung". Storiella, das ist Isabel, und der Name würde auch wunderbar auf Schmidts Franziska (deren Name meist nur mit einem balzig-schnurrigen "Fr" abgekürzt wird) zutreffen.

Auf der ersten Seite von Zettel's Traum, auf der die Protagonisten zwischen Kühen und Stacheldraht durchgehen, fällt Dän (am rechten Marginlienrand seines Denkens) auf:

 (Als Kind hab'Ich >Euter< essn müssn : Meine Mutter usw. – (tz, Wahnsinn; &=Brrr…) 

Und auf der ersten Seite des Hausaufgaben-Kapitels, Nr. X., von FW finden wir, in einer von den in Isabels perliger "girlic teangue" dahinplätschernden Fußnoten: 

 2 Mater Mary Mercerycordial of the Dripping Nipples, milk's a queer arrangement.  

PS: Man stelle sich vor, wie das aussehen würde, wenn Zettel's Traum auch noch Fußnoten hätte. Welche Stimme würde wohl durch sie sprechen? 

 

Clemens Setz, geb. 1982, lebt in Graz. Schriftsteller, Übersetzer, Obertonsänger. Romane: Söhne und Planeten (2007), Die Frequenzen (2009). Übersetzungen: John Leake, "Der Mann aus dem Fegefeuer. Das Doppelleben des Jack Unterweger" (2008).

Kommentare
  • kopfpilz 20. Oktober 2010 at 14:15

    „Finnegans Wake“ (übrigens lustig: da, wo bei Joyce kein Apostroph steht, steht bei Schmidt einer… „Zettel’s Traum“) “

    Ja, lustig, und zur Schließung dieses Kreises (?) schreibt sich dann ein Pub in Edinburgh, nach FW benannt, mit Apostroph.

    • Friedhelm Rathjen 20. Oktober 2010 at 16:23

      Es tut hier wohl nicht unbedingt etwas zur Sache, aber der Vollständigkeit halber sollte doch drauf hingewiesen werden, daß man „Finnegan’s Wake“ sehr wohl auch mit Apostroph schreiben kann; dann ist freilich nicht der Roman von Joyce gemeint, sondern das irisch-amerikanische Trinklied, auf das sich Joyce mit seiner Titelwahl indirekt bezieht. Ich kenne jenen Pub in Edinburgh nicht (leider!), wage aber die These, daß der sich wohl doch eher nach dem Liedchen als nach dem Roman benannt hat. Das Sauflied erfreut sich immerhin in einschlägigen Kreisen einiger Beliebtheit, nicht zuletzt durch die bekannte Fassung jener Krakel-Folk-Balladen-Truppe, die sich seit bald fünfzig Jahren „The Dubliners“ nennt – diese Titelwahl geht dann aber tatsächlich auf Joyce zurück.

      Um den Boden zum Anlaß dieses Blogs zurückzuschlagen, könnte man vielleicht mal fragen, ob es denn vielleicht schon eine Musik-Combo oder einen Song namens „Zettel’s Traum“ gibt. Mir ist derlei nicht bekannt; unter dem Titel „Zettel’s Raum“ (vermutlich ohne Apostroph, aber da wird meine Erinnerung dünn) führte Jürg Laederach immerhin mal ein Jazz-Konzert auf. Und wie im jüngsten „Bargfelder Boten“ zu sehen, gibt oder gab es in Japan mal eine Kunstzeitschrift namens „Lammfrommer Zettel’s Traum“. Aber auf dem Felde der Populärmusik kann ich zu Schmidt noch nicht wirklich was erkennen, ganz anders als zu Joyce.