hallo, literaturkritik? ein cluster.

 

Arno Schmidt ist 'der Intellektuelle als Proletarier', Arno Schmidt ist 'ein Schuss reiner Energie' und 'der kühnste Pionier der neuen deutschen Epik', Arno Schmidt ist 'einer der wenigen echten Nachfahren der Romantiker', Arno Schmidt ist 'Moralist', Arno Schmidt ist 'groß', Arno Schmidt ist 'ein monumentaler Ich-Sager' und 'die Verweigerung, sich an eine Ordnung zu halten', Arno Schmidt ist 'eine Präsenz, keine ganz angenehme, aber entschieden originell und kühn'.

Der letzte Satz stammt von Gottfried Benn, 1955. Das Phrasen-Meer stammt von Google. Und oft genug wünschte ich, auch Literaturkritik würde solche Cluster, 'Wolken', Sammlungen produzieren.

Allein das Projekt 'Literaturlandkarte.' (Link) vermisst seit 2002 die Nähe zwischen einzelnen Schriftstellern. Die Seite zeigt, was Leser eines Autors sonst noch lesen, und tatsächlich liefert sie zur Suchanfrage 'Arno Schmidt' eine Reihe sehr sinnvoller Vergleiche und Koordinaten: Thomas Bernhard, Ernst Jandl, Uwe Johnson, Kurt Schwitters, Eckhard Henscheid. Das hilft, das greift. Vielen Dank!

Für viele andere Autoren aber bleibt die Seite eher nutzlos: J.K. Rowling schreibt so ähnlich wie Phillip Pullman, das stimmt, aber weder Stil noch Inhalt haben viel gemein mit Anne Rice, Stephenie Meyer oder Dan Brown – da sind andere (Markt-)Mechanismen am Werk, die die Programme der Website nicht unterscheiden und bewältigen kann.

Kristof Magnusson = Halgrimur Helgasson, Judith Hermann, Dirk Kubjuweit?

Haruki Murakami = Cormac McCarthy, Margaret Atwood, Salman Rushdie?

Mario Vargas Llosa = Roberto Bolano, Halldór Laxness und (ferner) Wladimir Kaminer?

Unbekanntere Autoren stehen allein in sehr willkürlichen Ecken herum, Bestseller-Autoren landen in genau der Gruppe Konkurrenten, mit denen sie sich auch die Tische in den Thalia-Buchhandlungen teilen müssen – klare Korrelationen. Aber sie helfen nicht viel weiter.

Der Serviceaspekt einer Literaturkritik vermisst zwei Achsen:

– Wie gut/gelungen ist das Buch?

– In welchen Traditionen/Themenfeldern steht es?

Für Achse 1 sind Websites wie Goodreads.com (Link) eine große Bereicherung: Wenn Tausende von Usern, lesebegeistert genug, um ihre Bibliotheken online zu verwalten, Büchern zwischen einem und fünf Sternen geben, entstehen sehr genaue Fieberkurven einzelner Autorenkarrieren: John Updikes (tatsächlich: alberner, mißratener) 9/11-Roman "Terrorist" hat ein Mittel von 3.08, Updikes "Early Stories" einen Schnitt von 4.18.

Bei Arno Schmidt haben "Die Gelehrtenrepublik", "Aus dem Leben eines Fauns" und "Collected Early Fiction: 1949 – 1961" die besten Wertungen. Der beste Raymond Chandler ist "Der lange Abschied", der schlechteste Ian McEwan "Solar", der beste Vargas Llosa "Gespräch in der Kathedrale".

Interessanter – auch hier im Blog, bei Arno Schmidt – ist aber oft die zweite Achse einer Rezension: die Einordnung, der Referenzrahmen, die Suche nach Positionen. Wo steht Schmidt? Wovon grenzt er sich ab? Wen hat er beeinflusst? So trennscharf und überzeugend der Massengeschmack online vermessen wird, zur Positionsbestimmung helfen keine tausend User in einem 1-bis-5-Sterne-System, sondern nur einzelne Leser, intim wie Fremdenführer, erfahren wie Buchhändler, glücklich in ihrer Rolle als 'Gatekeeper' und Advokat.

Die Musikjournalisten bei Plattentests.de (Link) trennen ihre Kritiken in vier sinnvolle Teile:

– eine pointierte, schmissige,oft unterhaltsam-kluge Haupt-Kritik.

– ein Score von 1 bis 10 zur schnellen Orientierung.

– ein User-Score gleich nebenan, in dem Massengeschmack, Schwarmintelligenz, Moden für Kontraste zur Redaktionswertung sorgen

…und mein Lieblings-Abschnitt, "Referenzen". Unter dem Text zum aktuellen Sufjan Stevens-Album steht, ganz schlicht:

Radiohead; Thom Yorke; DJ Shadow; U.N.K.L.E.; Aphex Twin; Kraftwerk; The Cooper Temple Clause; Broadcast; Brian Eno; Elbow; The Notwist; Gomez; Dntel; Naked Lunch; Noir Désir; Archive; Pedro The Lion; Arid; Massive Attack; Björk; Finn.; Boards Of Canada; Mouse On Mars; dEUS; The Beta Band; Kashmir; Jonny Greenwood; Lamb; The Dismemberment Plan; Arcade Fire; Four Tet; Hood; Her Space Holiday; Mercury Rev

Zwei Drittel dieser Leute sagt mir nichts. Aber ein Drittel tut es. Und es hilft immens. Denn es schafft etwas, das Algorithmen oft nur vortäuschen: Kontext.

Entsprechend wäre einer der besten Texte, die ich über Arno Schmidt heute, nach meinen ersten knapp 350 Seiten, schreiben könnte:

"Arno Schmidt ist affiger als Thomas Bernhard, stiernackiger als Hubert Fichte, sentimentaler als Alfred Döblin, zugänglicher als Uwe Johnson, gesetzter als Rolf Dieter Brinkmann, naturbesessen wie John Cowper Powys, bildstark wie Janet Frame und so verliebt in Posen, Montagen und Nörglereien wie Andreas Neumeister."

Ein Koordinatensystem. Ein Service an den Leser. Eine kritische Literaturlandkarte.

Letzte Woche erwähnte ich hier im Blog Michael Kleeberg: Sein Erinnerungs- und Coming-of-Age-Roman "Karlmann" steht bei mir auf derselben mentalen Liste wie Georg Kleins "Roman unserer Kindheit" und Michael Köhlmeiers "Madalyn" – Bücher mit Teenagern, die ich lesen will, sobald ich die Teenager in meinem eigenen Manuskript, "Zimmer voller Freunde", erfolgreich durch ihr elftes Schuljahr geschrieben habe.

Auf meiner Amazon-Startseite tauchte später noch ein anderer Titel auf: Michael Kleebergs "Barfuß" (Link). Sagte mir nichts, aber ein User-Kommentar klang spannend/kurios:

"Barfuß ist ein unheimliches Buch. Ich habe in Nürnberg, in Amsterdam, in Kopenhagen Leute getroffen, die es kannten. Ganz unterschiedliche: Frauen, Barfußfreaks, SM-Adepten, Intellektuelle. Alle, die jemals in diesen kalten Sog gekommen sind, haben es nicht vergessen, wie der Werbe-Yuppie K von irgendetwas gepackt wird und sein ganzes geordnetes Leben hinwirft. Ich habe das Gefühl, ohne daß es bemerkt wird, schlägt diese Novelle ein Wurzelwerk quer durch Europa quer durch die Schichten, und das Wort "Barfuss" wirkt wie ein Kennwort."

Gut – hatte Kleeberg also in den Neunzigern einen Kultbuch über Fetischkultur.

Ich schlug gleich noch mal John von Düffels "Ego" (Link) nach, zum Vergleich: Auch so ein Yuppie-auf-Abwegen-Text, auch bei dtv, mit beinahe identischem Covermotiv, aber entschieden schlechteren Kritiken. Danach lud ich die Amazon-Startseite neu. Und sah zum ersten Mal eine seltsame Kategorie.

Unter "Inspiriert von ihren Stöber-Trends" bot man mir einen Gourmet-Hamburger von OTTO an (Link), extra-kleine Kondome (Link), Luft-Erfrischer mit Bacon-Aroma (Link), ein Mittel namens "Sweet Release Me" ('Haben Sie es satt, dass das Sperma Ihres Partners abscheulich schmeckt?") (Link)…

…und einen Keuschheitsgürtel (Link).

"Das wird noch Leute ruinieren!", grinste Freund Martin K. 2007 und zeigte mir die personalisierte Werbung in seinen iGoogle-Account: "In ein paar Jahren sagen wir dann über Konkurrenten: 'Nee, der ist schon ganz nett… aber kuck dir mal an, was die ihm für Anzeigen schalten! Neulich war sein ganzer Account voller Werbung für Puppen. Und da fragt man sich ja dann schon, ob man mit so jemandem… noch Umgang haben will!'"

Also:

"Benimm dich, Kind! Was sollen sonst die Algorithmen Amazons von uns denken?"

Programme, Cluster, Literaten-Landkarten haben ihren Sinn. Aber wenn ich ein Buch suche, suche ich… ein Buch. Keine Metall-Schlinge für meinen Penis.

Bei Thalia fragt auch keiner, ob Leute Katzenfutter wollen statt Donna Leon. Auch, wenn da sicher Korrelationen sind.