hallo, ekliges deutschland? schmidts „seelandschaft mit pocahontas“

 

Erzählung. Erschienen 1955.

79 Seiten (S. Fischer-Ausgabe, Frankfurt am Main 2001)

Figuren / Plot:  Wikipedia (Link)  |  Goodreads (Link)

Mein zweites Buch von Arno Schmidt.

Arno Schmidt "macht es dem gutwilligen Leser sehr leicht, wenn nur die Hemmschwelle erst überwunden ist. Dann ist Schmidt witzig, spannend, amüsant, unterhaltsam und belehrend; subtil und doch bodenständig; weder feinsten Sprachspielen noch gröbsten Kalauern abgeneigt; ein umgänglicher Avantgardist", bloggt André Möller hier (Link).

Es stimmt: Schmidt ist kein "schwerer" Autor; das Schmidtlesen macht wenig Mühe, der grüne Leuchtstift hat sehr viel zu tun, denn jeder Satz ist ein Bild. Ein Scherz. Eine Gedankenpirouette. Ein Verweis. In jede Richtung darf man graben, aber aus keiner kommt schweres Geröll, in dem man stecken bleiben muss.

Wie schnell, mit wie viel Aufwand sind solche Texte geschrieben? Sie schnurren, tuckern, poltern vor sich hin, fangen irgendwo an und haben sich irgednwann leer gelaufen, und so lange sticheln, kritteln, stöhnen ihre Ich-Erzähler in einer lapidaren, müden Dauer-Wut – es ist ein bisschen wie den eigenen Großeltern zuhören, wenn sie immer dieselben roten Tücher und pet peeves aufzählen:

die CDU. Die Pfaffen. Adenauer. Die Atomtests. Deutsche Kleinlichkeit und Bigotterie. Aufrüstung, Altnazis und der ständige Geiz, die ständige Angst, die Geilheit und Gewaltbereitschaft und all das, was Nabokov poschlost (Link) nannte – ein kitschiges, vulgäres "Volksempfinden", zu dem ein Staat den "kleinen Mann" erziehen will und mit dem Nabokovs (exilrussischer) Erzähler in "Die Gabe" seinen Hass auf alles Deutsche begründet:

"…wegen dieser niedrigen Stirn, wegen dieser fahlen Augen; wegen Vollmilch und extrastark, worin das gesetzlich erlaubte Vorkommen von Verdünntem und Künstlichem mitenthalten war; wegen der pulcinellhaften Gebärdensprache …; wegen der Vorliebe für Zäune, Reihen, Mittelmäßigkeit; wegen des Bürokults; […] wegen der Klosettwitze und des rohen Gelächters; wegen der Dicke des Hinterteils beider Geschlechter, selbst wenn die Person ansonsten nicht dick ist; wegen des Mangels an Feingefühl; wegen der Demonstration von Sauberkeit – der blitzenden Kochtopfböden in der Küche und des barbarischen Schmutzes im Badezimmer; wegen der Schwäche für kleine Gemeinheiten, wegen der Akkuratesse in den Gemeinheiten, wegen des widerwärtigen Dinges, das akkurat auf den Gittern von Grünanlagen aufgespießt wird; wegen der Katze, die man bei lebendigem Leibe mit einem Draht durchbohrt, um sich am Nachbarn zu rächen, und der Draht ist geschickt an einem Ende gekrümmt; wegen der selbstzufriedenen, selbstverständlichen Grausamkeit in allem; wegen der unerwarteten, stürmischen Hilfsbereitschaft, mit der fünf Vorübergehende einem helfen, ein paar verlorene Pfennige aufzusammeln."

Das ist der Atmosphäre und Mentalität sehr ähnlich, die Schmidt in "Das steinerne Herz" 220 Seiten lang hassgeliebt hat.

Und es ist das Miljö von "Seelandschaft mit Pocahontas", zur selben Zeit entstanden und mit derselben Schmidt-Konstellation im Mittelpunkt:

Ein Alter Ego Arno Schmidts (in diesem Fall der Kriegsveteran Joachim) tritt in eine muffige Provinzwelt (in diesem Fall: ein müdes Gasthaus am der niedersächsischen Dümmer-See) und trifft dort eine schlicht gestrickte, rührend dumme, unreflektierte, rallige Kleinbürgerfrau (in diesem Fall: das Büromädchen Mieze). Der Mond scheint und im Radio kommt nur Scheiß. Die Wurst schmeckt prima und die Welt könnte morgen untergehen, ohne, dass es um irgend etwas allzu schade wäre.

In "Das steinerne Herz" malt sich Frieda Thumann, die herzige Dumm-fickt-gut-Mutti, eine Zukunft an der Seite des verschreckten Ich-Erzählers aus:

" Und wir kaufen uns n Tandem , du ; das iss gesund : und fahren zu all den Pfarrämtern. "

In "Seelandschaft mit Pocahontas" träumt Mieze, das mausige Dumm-fickt-gut-Mädchen, dass der Sommerurlaub nie zu Ende geht:

" Ja, wenn wir reiche Leute wären, dann würds vielleicht gehen. Wenn ich immer nur die Pocahontas sein könnte. Und wir keine Sorgen hätten; Angst wegen Kindern und so. – Aber dann würdest Du Dir auch noch ne Andere aussuchen. Als mich – Vogelscheuche !"

Jeder Schmidt-Satz ist ein Bild (zu oft aber: kein interessantes) oder ein Scherz (zu oft aber: ein müder) oder eine Gedankenpirouette (um sich selbst) und ein Verweis (zu grauem Niedersachsen-Scheiß).

" Kind, was tun sich die Menschen für Erinnerungen an !"

3 von 5 Sternen – aber schon recht gelangweilt.