hallo, mehrwert? eine auswahl.

 

Arno Schmidt schreibt in "Seelandschaft mit Pocahontas" über das Lesen:

"Im Leben kann man höchstens 100 Autoren richtig kennenlernen, mehr Zeit hat man nicht…"

Er fordert auf, schlechte und unwichtige Autoren wegzulegen. So schaut der Ich-Erzähler Joachim, ein ärmlicher Schriftsteller und Weltkriegsveteran, "seinem Mädchen" kurz dabei zu, wie sie ein frommes Büchlein liest, das (reale) "Gott weiß den Weg" von Günther Schmieder.

"und ich schlug misstrauisch auf : '… wie eines atmend Fischlein Kiemen …..' owehoweh !"

Das passt Joachim (und Schmidt) nicht – die abgegriffenen sprachlichen Bilder, die bieder-christliche Thematik. Er hört gleich auf, zu lesen und erklärt, so lange das Leben furchtbar kurz ist, "darf man sich sprachliche Dickhäuter wie den hier gar nicht erlauben, hebe Dich hinweg !"

Schluss. Aussortiert.

Kein Recall für den frommen Günther Schmieder.

Nicht jedes gute Buch fängt sehr gut an. Nicht jeder Autor will gleich auf den ersten 50, 80 Seiten darum buhlen, verstanden und gemocht zu werden. Massive, epische Romane wie der "Zauberberg" oder "Anna Karenina" nehmen sich sehr viel Zeit, bevor sie Fahrt aufnehmen, und beinahe jeder "Harry Potter" zeigt einen schwer gelangweilten, lustlosen Harry, der seine Hogwarts-Sommerferien bei stiernackigen Verwandten absitzt und die Augen rollt.

Am Schlimmsten sind oft Bücher über Ich-Erzähler, die viel, viel, VIEL zu lange im Säuglings- und unreflektierten Kindergartenalter festhängen. So (fehl)startet Thomas Wolfes "Schau heimwärts, Engel" mit einer schleppenden, endlos banalen Aufzählung aller banalen Reize, die ein Neugeborenes hört, fühlt und riecht. Jeannette Walls' "Der Glaspalast", Janet Frames "Ein Engel an meiner Tafel", Jonathan Lethems "Die Festung der Einsamkeit" werden erst interessant, als ihre Hauptfiguren alt genug sind, eigenständig zu handeln.

Andere lesenswerte Bücher sind einfach zu verschachtelt, sperrig oder langsam, als dass gleich eingangs klar wird, welche Höhen sie anzielen: Hallgrimur Helgasons "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein" ist ein unfassbar gutes 680-Seiten-Buch, von dem etwa… 580 Seiten überhaupt keinen Spaß machen. Auch dicke Lieblingsbücher wie Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten", Bret Easton Ellis' "American Psycho" oder Richard Fords "Independence Day" empfehle ich nur Personen, bei denen ich sicher bin, dass sich die 10, 15, 25 Stunden Lesezeit für sie lohnen können.

Etwa 80 Bücher habe ich bisher selbst abgebrochen – die meisten nach 80 bis 100 Seiten (zwei Stunden Lesezeit); ein paar nach 30 oder 40, "Herr der Ringe" nach viereinhalb von sechs Bänden. Doch vielleicht ist die Gegenseite interessanter – Autoren, die ich wirklich kenne. Schriftsteller, reich, klug, sprachmächtig, komplex (oder doch oft einfach: sympathisch!) genug, um mir nach vier Büchern noch Lust auf ein fünftes zu machen.

Ob Schmidt dazu gehört? Ich weiß noch nicht. Gerade kommt er mir noch eher vor wie Thomas Bernhard: "Der Untergeher" gelesen, nicht gemocht, dann doch noch "Auslöschung" probiert (oh: schön!), dann "Frost" (nein – doch nichts), dann die fünfbändige Autobiografie, "Die Ursache", "Der Atem", "Der Keller", "Die Kälte", "Ein Kind" (und jeder Band ein bisschen fader, öder als der vorige)… und jetzt stehen diese acht Bernhard-Romane im Regal, doch mir ehlt immer noch die Position: Will ich mehr von ihm lesen? Nein!

Aber ist meine Abneigung stark (und fundiert!) genug, um den nächsten, der sagt "Los! Lies endlich 'Holzfällen'!" oder "Was? Du kennst 'Wittgensteins Neffe' nicht?", erfolgreich auszublenden? Ich merke: Ich mag das nicht – aber es ist nicht unwichtig oder banal (oder schlecht) genug, als dass ich es ignorieren darf. Bei Dostojewski, Bulgakow, Rafik Schami habe ich ähnlichen Überdruss: Ich würde Geld dafür bezahlen, dass ich nie wieder etwas über diese Männer hören oder wissen muss. Nur geht es nicht um Geld. Es geht um Zeit.

Haben sie noch einen Nachmittag, noch ein Wochenende verdient?

100 Schriftsteller, sagt Schmidt, kann man "richtig" kennen lernen.

Ich kenne die 28 Bücher von und über Nabokov. Gut 30 "Batman"-, "Superman"- und "Wonder Woman"-Comics von Greg Rucka. Neun Stephen Kings. Zehn Stuart O'Nans. Sieben John Updikes. 15 Haruki Murakamis. Sieben Banana Yoshimotos. Sechs Barbara Honigmanns. 13 Max Goldts. Acht Cory Doctorows. Zwölf Ernest Hemingways. Sieben Paul Austers. Acht David Leavitts. Sieben Benjamin von Stuckrad-Barres. Fünf Antje Ravic Strubels, Diedrich Diederichsens, Bret Easton Ellises, Rainald Goetzes, Bruce Chatwins, Neil Gaimans, Michael Chabons, Simone de Beauvoirs, Albert Camus.

Bereue ich jemanden aus dieser Reihe? Nein.

Aber macht Arno Schmidt gerade Sinn für mich? Ich überlege noch.

Kommentare
  • Jonas 9. November 2010 at 07:22

    Habe gerade einem guten Freund (promoviert gleich zweimal), belesen, klug (ich habe viel von ihm gelernt und vergrabenes kennengelernt, zum Geburtstag gratuliert (Jahrgang 1927)
    Duch ihn erfuhr ich von Günther Schmieder. Hier finde ich die Antwort warum nirgendwo von ihm zu lesen steht. Danke – ich verstehe es. Doch eines ist Fakt, es hat diesem klugen Freund durchs Leben getragen. Manchmal braucht man die einfachen Wahrheiten, um zu überleben.