Der große Dichter-Priester auf der Buchmesse

Wer wäre in der Gegenwartsliteratur als astreiner Prototyp jener Schriftsteller zu benennen, die Arno Schmidt in "Zettel's Traum" als "Dichter-Priester" (DP) so ausführlich vorführt? Das sind laut Daniel Pagenstecher jene Autoren, die mit dem "Zweiten Gesicht" kokettieren und in ihren Texten voller "gezierten Bombasts" und antimoderner Ressentiments auf die poetische "Intuition" schwören. Also auf etwas, das laut Pagenstecher "überwunden werden sollte" als "1 der niederen Stufen dumpf=unbewußter Fuscherei". Und zwar deshalb, weil diese Herren den Geist am allerliebsten ganz aufgeben und nur noch "automatisch schreiben" wollten, da "der echte Genius ja nicht wissen dürfe, wie die Einfälle" in ihrem "bißchen Schädel entstehen" (Typoskript-Ausgabe, Seite 16).

Na? Man lauschte ihm heute andächtig am Buchmessen-Stand der "Zeit". Niemand geringeres als Martin Mosebach war da im Gespräch mit seinem jovialen Duz-Kumpel Ulrich Greiner zu erleben, der ihn in seiner eigenen Zeitung bereits überaus positiv als "einen unserer besten Schriftsteller" rezensierte. (Nur einmal so als kleine Nebenbeobachtung: Offenbar versucht man von Seiten der "Zeit" auf der Buchmesse nicht einmal mehr den unguten Eindruck zu vermeiden, dass man in diesem Wochenblatt vor vorhersehbaren Gefälligkeitsrezensionen keinerlei Scheu mehr zu haben scheint).

Wie dem auch sei: Jedenfalls erklärte Mosebach heute Mittag noch einmal im vollen Brustton der Überzeugung genau all das, was in "ZT" so abgekanzelt wird: Die zunächst eher unangenehme Männerfigur in seinem aktuellen Roman "Was davor geschah" entdecke bei sich positiverweise schließlich die Gabe des "zweiten Gesichts", ihm selbst als Autor entziehe sich der Vorgang des Schreibens sowieso jeder Nachvollziehbarkeit, und seine eigene Sprache, die die böswilligen Kritiker im Feuilleton zu seiner Verblüffung so gerne als "altertümlich" bezeichneten, sei für ihn selbst eine komplette Leerstelle, er rede ja schließlich auch so. Das sollte eine Verteidigung seiner schriftstellerischen Prämissen sein: Nehme er doch beim Arbeiten seinen eigenen Wortschatz quasi gar nicht war und könne die Vorwürfe deshalb auch gar nicht begreifen. Sein poetologisches Ideal sei nun einmal eine "écriture automatique", und nicht das Schreiben von "Mosaikromanen" wie sie Vladimir Nabokov fabriziert habe.

Ob Greiner und Mosebach schon einmal Arno Schmidt gelesen haben? Er hätte sich als Vertreter einer absolut entgegengesetzten Auffassung von Literatur als derjenigen, wie sie sich Mosebach auf die Fahnen schreibt, jedenfalls noch viel besser als Beispiel geeignet als Nabokov. Auch wenn der Protagonist in "ZT" ironischerweise selbst die Initialen "DP" trägt.