Rassismus bei Arno Schmidt

Andreas Platthaus und Stefan Mesch sind in ihren letzten Diskussions-Beiträgen auf einer wichtigen Spur. Sexismus, reaktionäre Stammtischparolen und rassistische Ausfälle begegnen dem Leser bei Schmidt, als verstörende Tiraden neben gewissermaßen 'antideutschen' Statements gegen die nationale Politik von Adenauer & Co., wie ich sie in meinem letzten Posting bereits anzitierte, auf Schritt und Tritt. "Hat sich die Schmidt-Philologie dieser Peinlichkeit angenommen?", fragt Platthaus herausfordernd. Selbstverständlich hatte sie bereits zu Schmidts Lebzeiten daran zu 'knacken', wie es etwa auch die ersten "ZT"-Lektüre-Notizen von Jörg Drews belegen, die wie gesagt im kommenden "Bargfelder Boten" (BB) in Auszügen nachzulesen sein werden, in den mich Rathjen netterweise schon einmal hineinlinsen ließ.

Die Pöbeleien gegen das 'Gammlertum', die sich durch "ZT" ziehen, sind das eine. Doch die damit verknüpften rassistischen Entgleisungen setzen oft noch einen drauf: Die "frühe Entbindung der Beischlaf=Tätigkeit" bedeute das "Ab-Ebben der Kultur", doziert Dän etwa gegen die sexuellen Liberalisierungen der 1960er-Jahre, und rechts daneben steht (Seite 318 in der neuen Ausgabe, 317 im Typoskript): "hat schon FREUD gesagt : daß die Tropenvölker ebm=deSwegn farbije Deppm gebliebm sind". 

Friedhelm Rathjen schrieb vor einiger Zeit einen bemerkenswerten Aufsatz, der dann auch in Artikelform in "konkret" erschien und das Thema aus einer fachmännischen Übersetzerperspektive neuerlich auf die Agenda setzte: "Gegenzauber im Homindenstreifen. Arno Schmidt (üb)ersetzt Hassoldt Davis", ausführlich zu finden im Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser 22 (2007/2008), herausgegeben von Rudi Schweikert. Eine weitere Version des Textes, werde ich eben durch Google erinnert, hat Rathjen auch noch in seinem eigenen Verlag publiziert.

Die hitzigen Diskussionen, die zu dem Thema auf Giesbert Damaschkes Arno-Schmidt-Mailinglist in den letzten 10 Jahren geführt wurden, dürften mittlerweile selbst "ZT"-Stärke erreichen, wollte man sie drucken. Mich freut es, die Kommentare von Platthaus und Mesch hier zu lesen, denn sie geben auch meine eigenen Irritationen, wie sie ganz am Anfang meiner Beschäftigung mit Schmidt standen, noch einmal wieder. Seither sind einige Jahre vergangen – und ja, man hat durchaus viel darüber nachgedacht und auch geschrieben. Zuletzt übrigens in der aktuellen Ausgabe von konkret. Was ich dort nur andeuten konnte, scheint nun hier immer mehr Thema zu werden: Dass auch "ZT" ein Text ist, der von Menschen erzählt, die der Zweite Weltkrieg merklich verändert hat: "Zum Schlechteren, gelt ?" (Seite 319 in der neuen Ausgabe, Seite 317 im Typoskript).

Das war allerdings kein bloßes Schicksal und auch keine irgendwie hereingebrochene Naturkatastrophe: Dass die Figuren Dän, Paul und Wilma nicht nur Opfer der Gesellschaft sind, aus der sie kommen und in der sie nach 1945 weiter leben, kann man an den Statements aller drei Figuren immer wieder ablesen. Pagenstecher mag sich dabei als Solitär gerieren, der sich gewissermaßen selbst weggesperrt hat. Doch wie genau er der literarischen Darstellung nach wohnt und wie diese selbst auferlegte, ewig perpetuierte 'Einzel-Kriegsgefangenschaft' als "TIMON=Dasein" (Seite 338, in der neuen Ausgabe, Seite 336 im Typoskript) charakterisiert wird, kann ja jeder selbst nachlesen – in dem Buch "Dän's Cottage. (Ein Diorama)".

Dass all das auch etwas mit dem Autor Arno Schmidt zu tun hatte, liegt auf der Hand. 

Vielleicht sieht man sich ja morgen kurz bei Suhrkamp auf der Buchmesse, mit herzlichen Grüßen:

Jan Süselbeck