hallo, ostberlin? schmidts „das steinerne herz“.

 

Roman. Erschienen 1956.

220 Seiten (SZ-Bibliothek Bd. 98, München 2008)

Figuren / Plot:  Wikipedia (Link).  |  Goodreads (Link).

 

Mein erstes Buch von Arno Schmidt.

Und viel gefällt.

Ein sattes, reiches, bunt verspieltes Vokabular. Pointierte Sätze, alle knackig, glatt und vollgestopft wie Kinderüberraschungseierkapseln, an derem kleinteiligen Plastikzeug man lange bauen kann (oder halt nicht – so lange, wie's Spaß macht; mehr Beschäftigung/Zerstreuung als echtes Puzzle).

Schmidts Freude am Schargong. Schmidts Blicke durchs Miljö.

Der kindliche und ansteckende Stolz, mit dem er auch die gröbsten, blödsten, kleinsten Plattheiten über die Bühne schleift und dabei ruft: "Hier! Kuckt! SO sieht das aus! Kapiert? Gesehen? Und glaubt mir: Das ist ECHT!"

Freude an Welt. Freude an Figuren.

Freude an Sex, Körperlichtkeit, Freude an Recherche, Geschichte, Netzen: Der Ich-Erzähler Walter Eggers (ist das sein echter Name?) gibt sich grantig, misanthrop, aber dass Schmidt sich freut, dass wir gekommen sind, zeigen die fünfzehn Sorten Kekse auf dem Tisch, der überheizte, kleine Raum, der viele Zucker im Kaffee, das Zittern, wenn er nachschenkt, uns die Teller reicht: Hier will einer erzählen. Und er fährt eine Menge auf.

Das scheint ein guter Gastgeber zu sein, und meine Angst vor "Zettel's Traum" ist erstmal schön geschrumpft, denn sollte "Das steinerne Herz" als Vorgeschmack schon Wesentliches verraten, wird ZT eher japsig, platt, geschwätzig; doch nicht hermetisch abgeschottet, kein Lese-Sport, kein Kampf; mehr aufgeladenes, mehrstimmiges Gefasel ("House of Leaves"?) als bewusst schroffes, stressiges Gemauer ("Infinite Jest"?).

Schluss mit Vergleichen. Noch zu früh.

"Das steinerne Herz" ist ein solides Provinzbuch mit genug Fleisch auf seinen Prosa-Knochen, um 200 Seiten lang gut zu tragen, 3 von 5 Sternen für die ordentliche Sprache und die klaren Bilder, den angenehm soziologischen Blick, die bloße Mühe, so viel gut recherchierte Welt (Link) in so ein sprach- und selbstverliebtes Ding zu kriegen…

Allein die Vorstellung, so etwas fünf, zehn Mal in Variation zu lesen, macht mich müde: Ich hoffe, Schmidt hat noch andere Tricks in seiner Kiste. Das Buch ist fünf, sechs Stunden gut verbrachte Zeit. Aber Vertrauen in den Autor weckt es nicht.

Kriegen wir jedes Mal Ich-Erzähler ohne viel Hintergrund, Beruf, Vergangenheit, Familie?

Bräsige Besserwisser, allein und isoliert unter den "einfachen" Leuten?

Sollen die Fakten nur je kurz als "Schaut – ich habe die Hausaufgaben gut gemacht!"-Beleg herhalten?

Sind alle Feld-, Herbst-, Mondbeschreibungen so wahllos und beliebig?

Warten die besten, stärksten Bilder schon fertig auf kleinen Listen, in die Schmidt spickt, sobald er im Erzählen stockt; "Hamwa noch was mit Mond da? Oder die kahlen Äste? So zwei Sätze – poetisch, giftig, witzig, irgendwas?"

Wenn da Balance, Ökonomie, Zurückhaltung versucht wurde: Ich sehe es nicht; Schmidts Sprache hat einen sehr angenehmen Klang, doch keinen Rhythmus oder Sog. Alles ist bildstark, kräftig, aufgeladen. Aber ist da viel Dringlichkeit? Substanz?

Ein starkes, dröhnendes, doch nicht sehr interessantes Ich ('Moi') reibt sich an einer Welt, die ihm bis aufs Geschwätz von Fremden, Dümmeren (und dem Geflicker ein paar Sterne und Planeten, hübsch, aber sinnlos weit im Hintergrund) nicht viel entgegen setzt. Schon schön zu sehen, schon angenehm zu lesen. Aber ob Schmidt 200, 20 oder 20.000 Seiten damit füllt…

…und ich sehr viel davon lese…

…spielt das eine besondere Rolle? Kommt da noch was? Oder blubberte Schmidt so vor sich hin, 30 Jahre lang?