Ach, die verderbte Jugend!

Stimmt, da gab es diesen Zettel 137 in der Originalausgabe, der mich damals schon aufgeregt hatte. Arno Schmidt, dieser literarische Revolutionär und produktionsästhetische Reaktionär, greift zum guten Ende des i. Buchs noch einmal tief in die Kiste seiner Vorurteile und läßt den Herrn Daniel Pagenstecher auf die arme sechzehnjährige Franziska Jacobi einteufeln, als wollte er sie etwas fürs Leben lehren (und genau das will er ja auch): „Jaleider Franziska. – Es ist Mir, (ebemso wie allen (& sei es nur etwas) Schau= und Denk=Fähijen), nicht unbekannt, daß bei Jugendlichen die Mentalität des – wie sagt Ihr, wenn Ihr unter Euch seid? – des ‚gammelns’? –“ / (Sie nikköpfte eifrig:!) / – „verbreitet ist & und immer noch zunimmt.“ Und so fort über – wie man dank des Zeilenzählers in der Studienausgabe von „Zettel’s Traum“ feststellen kann – noch sage und schreibe weitere vierzig Zeilen (vierzig ZT-Zeilen!). Da nahm der gute Schmidt, der sich die ganzen sechziger Jahre lang bei der Fron an seinem Hauptwerk abgeplagt hatte, kein Blatt vor dem Mund: Gammeln, das war für ihn das Schlimmste, was man sich so denken kann. Bis in die Preisrede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, den Schmidt 1973, also drei Jahre nach Erscheinen von „Zettel’s Traum“, erhielt, zieht sich dieses Gezeter gegen die verdorben-faulenzende Jugend. Und klar, daß ein nimmermüde Schuftender wie Schmidt auch keine Zeit hatte, den Preis persönlich abzuholen. Gattin Alice mußte seine Philippika vortragen und das Geld entgegennehmen.

Die Goethepreisrede trübte seinerzeit das öffentliche Bild von Schmidt, obwohl man seine Ausfälle gegen die damalige Jugend eben auch schon vorher hätte kennen können. Aber mal wieder ganz im Ernst: Wer hatte denn „Zettel’s Traum“ bis Zettel 137 überhaupt gelesen? Und gilt nicht ohnehin die strikte Trennung zwischen Autor und Figuren? Na ja, bei Arno Schmidt sicher nicht. Was er Daniel Pagenstecher in den Mund legt, ist seine Meinung, bis hin zur „Arbeitsscheu, Basis= & Substanzlosigkeit“, die er an Soldaten und Jugendlichen gleichermaßen beklagt. Kein geringerer Vergleich als der mit der Spätantike fiel ihm ein: „damals haben auch, das Schlägertum der germanischen Partisanenvölker, plus ‚Gegammel’ des späten Rom, plus die Geistesabwürgung durch das Xentum –: beinahe das Auslöschen der Kultur geschafft!“ In der rechten Randspalte schränkte Schmidt immerhin ein: „(für rund=tausend Jahre zumindest)“. Aber klar: Alle Rede vom Tausendjährigen bekommt bei Schmidt noch mal zusätzlich einen bösen Zungenschlag. Immerhin traute er der Jugend einen langen verderblichen Einfluß zu.

Hat sich die Schmidt-Philologie dieser Peinlichkeit angenommen? Immerhin einmal, so weit ich es überprüfen kann, in der 14. Lieferung des „Bargfelder Boten“, wird Zettel 137 erwähnt. Aber warum auch zuviel Bohei um die kleinen Schwächen des großen Lieblings machen? Und doch: Wenn man solche Passagen wiederliest, weiß man auch wieder, was für ein Kleingeist dieser Mann sein konnte. Da hilft das größte Buch nichts.

Kommentare
  • MF 5. Oktober 2010 at 14:06

    Und Figurenaussagen sind ja bekanntlich immer identisch mit der Meinung des Autors, besonders bei Arno Schmidt. Zum Thema Gammler ist natürlich die Lektüre von "Abend mit Goldrand" dringend anzuraten! Und schon mal nachgeschaut, was Schmidts Figuren im Spätwerk über Schwarze zu sagen haben? Da sind noch viel kleingeistigere Funde zu machen!

  • Stefan Mesch 5. Oktober 2010 at 14:26

    in "Das steinerne Herz" schreibt er erst:
    "( Aber den 18jährigen das Stimmrecht zu verleihen wäre nicht uneben : dadurch würde eine Element der Reinheit und des Idealismus in unsere Politik gelangen, dessen sie dringend bedürfte )."
    …wird aber [zwei Absätze später] gleich wieder bitter:
    " Jeder müßte mit 21 ( bzw. 18 ) Jahren eine kleine historisch=geographische Prüfung bestehen ( die dann alle 5 Jahre wiederholt wird ) ; und ein Zeugnis darüber beibringen , abgestempelt von den 4 bedeutendsten Parteien ( das dann am Wahltag, zusammen mit der Legitimation, vorzulägen wäre ). Mit 65 erlischt das Wahlrecht unerbittlich, aktiv wie passiv : es giebt keine Altersweisheit ! !"
    …und schon davor…
    …in "Seelandschaft mit Pocahontas"…
    …hat ein ganz anderer Ich-Erzähler dieselbe Forderung:
    "(Aber mal ernsthaft: allgemeines und gleiches Wahlrecht ist Unsinn : zumindest müßte Jeder erst ne geschichtlich-geographische Prüfung ablegen; und mit 65 Jahren das Wahlrecht, aktiv wie passiv, überhaupt erlöschen !)."
    Ist das n dezidierter Hass auf Jugendliche?
    Oder mehr so: "Alle sind doof, außer mir!"?
     

  • Andre Möller 5. Oktober 2010 at 17:24

    Nunja, jeder liest sich aus solchen Stellen das heraus, was zu seinem eigenen Welt- und Menschenbild paßt. – Ich habe dergleichen bei Schmidt immer mit Erschütterung gelesen, weil ich hinter diesen scheinbar spießig-kleingeistigen Ausfällen etwas zu spüren glaube, das ungesagt bleibt und für das sie nur grelle Markierungen sind; es öffnen sich da schmale Blickschneisen in existentielle Ängste, Beschädigungen und Nöte von Schmidts Psyche, an denen er sich lebenslang abgearbeitet hat.