hallo, wahrheit? eine enthüllung.

 

In einem der erfolgreichsten Filme der Fünfziger Jahre verkleiden sich Jack Lemmon und Walter Matthau als Nonnen und schmuggeln sich ins Konvent einer blutjungen Ordensschwester, gespielt von Marilyn Monroe. Der Film heißt "Mönche mögen's heiß" und ich war fünf, sechs Jahre sicher, dass er existiert. Wie oft "las" ich diesen Filmtitel in den serifenlosen, selbstbewussten Buchstaben der TV Movie-Filmkritiken? Immer "Mönche". Nie "Manche".

Walther Matthau statt Tony Curtis, Nonnen statt Chordamen, Marilyn Monroe im Kloster – ich hatte eine vage, aber albern falsche Vorstellung: Proust erzählt nicht von einem Haufen Prinzessinnen und Priestern in einem Dorf am Atlantik. "Rachel's getting married" ist keine romantische Komödie, in der sich Anne Hathaway in ihren Schwager verliebt. Big Brother aus "1984" ist kein gigantischer Computer, "Watchmen" folgt keinem Freundeskreis aus abgehalfterten Helden, die zusammen Mordfälle aufklären.

"Buddenbrooks" wurde 1901 veröffentlicht und 'jeder weiß', dass der Roman die Lebenswelt von Thomas Manns Großeltern, Eltern und seiner eigenen Kindheit beschreibt: In den 1840ern setzt Thomas Mann die Handlung ein (er selbst wurde 1875 geboren), aber nach kurzer Zeit mit den Großeltern-Figuren und viel zu viel Zeit mit den Eltern-Figuren bricht Mann ganz schnell ab – "Buddenbrooks" endet 1877, und über das Familienleben, das Mann aus seiner eigenen Kindheit erinnert, schreibt er enttäuschend wenig.

Frodo Beutlin ist nicht der "Herr der Ringe". Arnold Schwarzenegger ist nicht der Held von "Terminator". "Ulysses" ist kein Buch, in dem sich ein reicher Großbürger und ein junger Schriftsteller 24 Stunden lang durch Dublin folgen.

"Welche der beiden Figuren ist 'Stolz' und welche ist 'Vorurteil'?", fragt Homer Simpson über Jane Austen.

Manchmal sind daran Werber und Verleger Schuld: Auf dem deutschen Cover von Markus Zsusaks "Die Bücherdiebin" tanzt ein kleines Mädchen mit dem Sensemann, und die Buchrückseite weckt den Eindruck, 'der Tod und das Mädchen' würden zusammen durch Nazi-Deutschland wandern. Im (sehr guten, aber bodenständigen) Buch selbst ist der Tod dann nur Erzähler, kein echter, aktiver Protagonist.

S. Fischer hat einen Wald aus stahlblauen, riesigen Wolkenkratzern auf eine Ausgabe des idyllischen Theaterstücks "Unsere kleine Stadt" gesetzt. Tom Ford bewarb "A Single Man" mit einem Kinoplakat, auf dem Julianne Moore und die – schwule – Hauptfigur wie ein flirtendes Paar auf dicken Kissen fläzen, und heute Nachmittag, als Arno Schmidt nach 80 Seiten Feld-Wald-Wiesen-Prosa in der niedersächsischen Provinz plötzlich über Autobahnen und durch Grenzstuben bis Ostberlin rauschte, saß ich vor Aufregung stramm im Liegestuhl:

Schmidt kann auch Großstadt? Wohnblocks? Menschenmassen?

Na ja. Leidlich. Das knappe Viertel von "Das steinerne Herz", in denen Schmidt den Alltag in der Ostzone beschreibt, schaut länger auf improvisierte Katzenklappen und mieses Speiseeis und fehlendes Klopapier als auf sehr tiefenscharfe Breitwand-Straßenszenen. Aber selbst wenn? Ein Schmidt in Berlin – wäre das so eine Überraschung?

Für mich schon, ja.

Ich hatte Arno Schmidt – dumm wie das klingt, so lange ich kaum was von ihm kenne – in die Eremit-in-der-Heide-Schublade sortiert, eine Art deutsches "Walden" mit ganz viel Holzhacken und Ziegen, löchrigen Schuhen, Regentonnen, einem lecken Dach, einem rostenden Fahrrad.

Dann kommentierte Jan Süselbeck heute morgen bei Guido Graf:

"Zettels Traum aber ist Schmidts 'Nachsommer', verkleidet als bleierner Bürokraten-Katalog eines ehemaligen Buchhalters, Logarithmen-Sammlers und NS-Artillerie-Ballistik-Rechnungskünstlers. Die angebliche opfervolle Entsagung in Bargfeld war bloß Selbstzweck, alkoholische Schreib-Selbstflucht und damit poetischer Leerlauf"

…und ich will schreien "Spoiler! HALT! Verrat' doch nicht das Ende!"

Schmidt war Alkoholiker?

Und Soldat? Und Buchhalter?

Nicht, dass ich das nicht wissen will (oder, klar: längst wissen sollte!)…

…aber ein bisschen schade ist er jedes Mal – der Punkt, an dem das Ungefähre, die Idee, das Halbwissen, die eigene Vorstellung ersetzt wird durch… na ja… die Wahrheit.

Ich hätte gerne einen Proust-Roman voller Prinzessinnen gelesen. Oder Marilyn Monroe als Nonne gesehen. Nabokovs "Lolita" ist kein so großartiger Roman aus all den Gründen, die man sich vor der Lektüre dafür denken mag (genug Details kennt man ja doch: ein Triebtäter als Ich-Erzähler, die heile Welt, die schnell zerfällt, eine Fahrt quer durch Amerika)…

…sondern, weil der Roman an keiner Stelle klingt, wie man sich diese milchshake-klebrige, chromglänzende Schauermär erwartet hatte: Nabokov schreibt, als hätte jemand anderes vor 25 oder 40 Jahren ein sehr gutes Melodram erzählt, und er, Nabokov selbst, spielt nur mit diesem Stoff, als Parodie, als Remake, als vergeistigte und überdrehte Homage, so ähnlich, als hätte es 20 Jahre vor "Scream" kein simpleres "Halloween", 50 Jahre vor "Fluch der Karibik" keine Swashbuckler-Piraten wie Errol Flynn gegeben:

"Lolita" ist ein wildes, böses, selbstverliebtes Spiel mit dem "Lolita"-Stoff.

Ein Spiel, in dem Lolita selbst (darauf muss man erst kommen!) an ihren Nägeln kaut und stinkt.

Das spricht für Nabokov – dass schon sein Original viel weiter denkt als eine gute Parodie.

Aber es ist auch schade: Dass es kein (Original-)Buch gibt, das den "Lolita"-Plot weniger… überdreht erzählt.

Ein Buch lesen heißt nicht nur: Etwas kennen lernen. Sondern auch: Sich verabschieden, von all den Vorstellungen, die man sich in der Zeit zurecht legte, als man das Buch aussuchte, kaufte, bis nach Hause trug, entschied, es aufzuschlagen, jetzt (endlich) selbst zu lesen:

Ich habe so viel über Fritz Langs "Metropolis" gehört, über den Plot und die Kulissen, über die Studios und Brigitte Helm, über die Einflüsse und das Vermächtnis, dass jeder Satz und jedes Bild, jedes Gesicht, jedes Tableau, mit dem ich nicht schon lange vertraut bin, irgendwann, wenn ich den Film dann endlich sehe, wahrscheinlich stören wird wie Farbfotos von Hitler (Der war schwarzweiß! Die ganze Welt war damals noch schwarzweiß!).

Oder "Manche" statt "Mönche". Oder Arno Schmidt in Ostberlin.

Lesen ist aufregend – eine Reise, immer nach vorne, immer konkret..

Aber Lesen ist auch eine Trennung. Von Halbwissen. Von Vorurteilen und Spekulationen.

Vom Streichelzoo der eigenen, sympathischen, gut durchgefütterten Chimären.

Monroe als Nonne: Schon schade, dass es das nie gab!