hallo, spekulation? ein erster blick.

‚“Ich mache jetzt nur noch Scheiße“, wird Arno Schmidt in einem Tagebucheintrag seiner Frau zitiert; gemeint sind: journalistische Texte für Zeitungen.‘

…das ist der erste Satz des Klappentexts von Dietmar Daths „Heute keine Konferenz“, einer Sammlung Daths eigener FAZ-Artikel. Es ist ein guter Anfang für Daths Buch, und es ist ein guter Anfang für jemanden (mich!), der Arno Schmidt nicht kennt: Dann war er also verheiratet. Und hat für Zeitungen geschrieben. Und hatte Humor. Gut. Gut zu wissen. Ich wusste es noch nicht. Im Ernst: Mir ist das neu. Ich weiß nichts über Arno Schmidt.

Tom Wolfe und Thomas Wolfe sind grundverschiedene Autoren. Christoph Hein und Jakob Hein sind Vater und Sohn. George Eliot ist ein Mann, aber George Sands ist eine Frau. Kuzuo Ishiguro ist Brite, Albert Camus wuchs in Algerien auf, Harper Lee hat Truman Capote bei den Recherchen zu „Kaltblütig“ begleitet, Chuck Palaniuks Nachname wird „Pah-la-nack“ ausgesprochen. Das weiß ich. Aber wie viele solcher 16.000-Euro-Fragen weiß ich nicht?

Hätte ich (2003) William S. Maugham aufgeschlagen, wenn Ehtan Hawke ihn nicht 2002 so sehr empfohlen hätte? Hätte ich Hawke geglaubt, ohne 2001 Hawkes eigenes Buch gelesen zu haben? Hätte ich Hawke bestellt, ohne seinen „Hamlet“-Remake (2000) zu kennen? Wäre ich ins Kino gegangen, ohne Mel Gibsons „Hamlet“ an Ostern 1997, Karfreitag oder Samstag Nacht? Wahrscheinlich nicht.

Na ja. Oder doch: Ich hätte „Hamlet“ auch sehen wollen, weil ich „Gattaca“ mochte. Und Buz Luhrmans „Romeo + Julia“. Und Julia Stiles. Und Kyle McLachlan. Und selbst, wenn ich „Hamlet“ und Hawkes Roman und Maugham bis 2003 verpasst hätte – vielleicht hätte ihn Alex mir 2004 trotzdem empfohlen? Spätestens 2005, mit „Der Magier“ in der SZ-Bibliothek, hat mir William S. Maugham ein Begriff sein müssen.

So steckt hinter fast jedem Buch eine willkürliche, verschlungene Geschmacks-, Zufalls- und Empfehlungsserie, Impulskäufe, Begegnungen, Hörensagen, irrationale Sympathie, irrationale Abneigung. Im Frühling schrieb ein Literaturagent in der Huffington Post, dass ein Buch und sein Autor einem Leser aus der Zielgruppe im Schnitt sieben Mal (auf unterschiedlichen Kanälen) begegnen müssen, bevor der Leser einen Kauf ernsthaft in Betracht zieht: Sieben Begegnungen mit Maugham waren für mich, so oder so, kein großes Problem.

Doch viele, viele andere Namen ziehen vorbei, bleiben Gespenster, Nebensachen, Man-müsste-doch-eigentlich-Mals: Saul Bellow, Michael Kleeberg, Nadine Gordimer, Malcolm Gladwell, sogar Flann O’Brien und  Toni Morrison – alle habe ich als „vage interessant“ gespeichert, aber allein die Vorstellung, bei Wikipedia durch lange Listen „sehr wichtiger“ Bücher zu scrollen, von denen ich noch nichts gehört habe, macht mich müde.

Wenigstens dieser Schritt lag bei Arno Schmidt eigentlich bereits hinter mir: Im Sommer 2006, zur Zeit der Fußball-WM, war ich auf Schmidts Wikipedia-Seite. Ich weiß, dass er in Bargfeld/Niedersachsen lebte und schon recht lange (20 Jahre?) tot ist; ich weiß, dass sein Bargfelder Haus ein (blau gestrichener?), einstöckiger Holz- oder Wellblech-Bau war, so klein und trist, dass irgendwas in seiner Ehe und/oder Karriere gescheitert, aus dem Lot geraten sein musste, nehme ich an.

Ein windschiefes, nasskaltes Leben. Ein schnurgerader Horizont. Einsame, stumpfe, graue Tage.

Ich bin schon überrascht, dass er tatsächlich eine Frau hatte – und weit genug in der Welt stand, um Artikel für Zeitungen zu schreiben.

Aber das sind nur Schnellschüsse. Spekulationen. Ich stelle mich nicht gerne dumm, ich bin meist über-vorbereitet, ich bin ein Komplettist. Hier mitzubloggen fällt mir schwer, so lange ich 15 Essays über Arno Brandner schreiben könnte, aber bei Arno Schmidt nicht mal die Lebens-Eckdaten und literarischen Bezugspunkte kenne.

Anfang August legte ich zwei Word-Dokumente auf meinem Desktop an. Dokument 1 heißt „Schmidt Fundstücke Zufall“ und dokumentiert alle Momente, in denen Arno Schmidt in Zeitungsartikeln, Online-Foren, Gesprächen mit Freunden plötzlich zur Sprache kam, im Lauf dieser letzten zehn Wochen.

Fundstück 1: Dietmar Daths Klappentext.

Fundstück 2: Ein Artikel über Thomas Hettches „Die Liebe der Väter“ in der SZ vom 16. August – „Davon abgesehen hat schon Arno Schmidt, als das Kindergeld eingeführt wurde, die Subventionierung des Paarungsverhaltens als ‚Bockprämie‘ verhöhnt.“

Nur das. Mehr nicht.

Arno Schmidt wohnte in einer blauen (?), einstöckigen Hütte. Er war verheiratet (aber vermutlich kinderlos).

Und er hält Journalismus für „Scheiße“.

Gut, gut. So weit.

Mein zweites Dokument heißt „Amazon Marketplace: Schmidt“ und sammelt die Bücher, die ich mir seitdem (gebraucht) bestellt habe, für 2 bis 3 Euro (plus 3 Euro Porto und Verpackung): Es sind 15 Stück, alle von Suhrkamp oder S. Fischer, die meisten nur 150 bis 200 Seiten dick. Auf vielen sind Steine, Gräser, Marschen zu sehen, eines heißt „Seelandschaft mit Pocahontas.“ Den Titel kannte ich – aber ich dachte, das sei von Alexander Kluge. Nun gut: Ein Anfang ist gemacht.

Arno Schmidt hat Hunderte von Büchern in Dutzenden von Ausgaben. Die meisten sind billig zu haben. So lange „Schauerfeld“ läuft, will ich 8, 10, 12 dieser Bücher lesen.

Schmidt kennen lernen. Spekulieren. Die weißen Stellen ausfüllen. Herumprobieren. Recherchieren. Verknüpfungen finden und durchs Gesamtwerk gehen, mir unterweg, hier im Blog, einige Fäden spannen: über Entdeckungen und falsche Annahmen. Über Lesen und Sortieren. Über Spekulation. Über Lücken. Fundstücke. Offene Fragen. Wie man so liest. Wie man so springt.

Schon bevor meine Amazon-Schmidts angekommen sind, Mitte August, sortierte ich das Regal meiner ungelesenen Bücher. Ich habe knapp 300 solcher Bücher, und ich speicherte mir die Titel im Internet, für alle Fälle, in einem „virtuellen Bücherregal“ im Lese-Netzwerk Goodreads (http://www.goodreads.com/user/show/1395076).

Und dann sah ich Band 96 der SZ-Bibliothek, noch eingeschweißt, zwischen den anderen ungelesen Flohmarkt-Titeln: „Das steinerne Herz. Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christus“, von Arno Schmidt. Gekauft im Sommer 2008, aber nie aufgemacht, nie richtig registriert, nie angeschaut, bedacht. Einmal zu oft übersehen. Knapp verpasst?

Nein, mehr: Einmal zu oft ignoriert.

Und irgendwann – grotesk spät – werde ich dann wieder die Augen rollen und mir die Hand gegen die Stirn schlagen – denn ich weiß ja… schon… ein bisschen… irgendwie, dass Saul Bellow interessant sein könnte für mich. Oder Michael Kleeberg. Oder Nadine Gordimer.

Ich denke nur seit zwei, seit fünf, seit acht Jahren: Ach – heute noch zu Wikipedia? Und dann zu Amazon? Und in vier Wochen dann von Freunden hören: „Klar, die Nadine Gordimer-Romane taugen nichts! Das hätte ich dir vorher sagen können! Kauf dir die Reportagen! Die Journale! Das sind doch ihre Meisterstücke! Vorher kannst du die nicht beurteilen! Du Pauschalist.“

Jetzt erstmal Schmidt!

Der Griesgram aus dem blauen Haus mit seiner kinderlosen, armen Frau.

Ich denke, ich fange mit „Das steinerne Herz“ an.

Lag ja lange genug hier herum!

Kommentare
  • Jan Sueselbeck 2. Oktober 2010 at 07:53

    Lieber Stefan Mesch,

    Glückwunsch, das ist auf jeden Fall ein toller Einstieg, Schmidts „DDR-Roman“ als erstes zu lesen! Gleich mit „ZT“ anzufangen – ich wüsste wirklich nicht, wer das bisher hingekriegt hätte. Mir begegnete ZT kurioserweise das erste mal auf Ibiza, als mein Vater mich mitnahm zu einem Mann aus der dortigen deutschen evangelischen Gemeinde, einem Aussteiger, der früher Lufthansa-Pilot oder so etwas Ähnliches gewesen war. Der wohnte am Ende irgendeines versteckten Feldweges in einem maurisch-weißen Landhaus. In einem kleinen Seitengelass, das früher vielleicht einmal ein Hühnerstall gewesen war, befand sich dort ein an eine Kapelle gemahnender Raum, in dessen Mitte „ZT“ aufgebahrt war. Ziemlich beeindruckend!
    Ich war damals allerdings noch Abiturient in Barcelona, das muß also etwa 1992 gewesen sein – und ich las nur eine Seite in diesem monströsen Buch, auf der offenbar pornografische Dinge, nunja, „verhandelt“ wurden, wobei ich nicht die Hälfte von dem, was da stand, genau verstand. „Wie gut“, dachte ich damals, „dass ich in meinem geplanten Germanistik-Studium nicht alles lesen muss. Davon werde ich tunlichst die Finger lassen!“
    Nun ja. Wenn es doch so einfach gewesen wäre! Damals aber hatte ich erst eine Geschichte von Schmidt gelesen, die sich in einer von Marcel Reich-Ranicki bei Piper besorgten Anthologie mit dem Titel „Erfundene Wahrheit“ (1965) fand, welche ich aus dem elterlichen Bücherregal gefischt hatte: „Schulausflug“. „Ganz nett“, dachte ich seinerzeit, wobei das noch früher gewesen sein muss, wohl noch zu der Zeit, als ich das Friedrich-Spee-Jungengymnasium in Geldern besuchte; also irgendwann in den 1980er-Jahren. Danach kam bis Ende der 1990er-Jahre erstmal die ganz große Funkstille in Sachen Schmidt, bis zu Horst Denklers folgenreichen Hauptseminaren an der FU Berlin.
    Sie haben übrigens noch ein weiteres Buch genannt, dass ein großartiger Einstieg wäre, bitte unbedingt auch noch lesen (geht schnell): „Seelandschaft mit Pocahontas“. Dazu sollten Sie außerdem unbedingt noch eine Studie lesen, die von einem bis zu ihrem Erscheinen der Schmidt-Forschung abholden Mann stammt, den viele Schmidt-Philologen nach diesem fulminanten Debüt in der Zunft geradezu ächteten. Sie hatten damit aber Unrecht, denn Klaus Theweleits Buch „‚You give me fever‘ Arno Schmidt. Seelandschaft mit Pocahontas. Die Sexualität schreiben nach WW II“ ist ein veritabler Meilenstein und wäre, glaube ich, gerade auch genau das Richtige für Sie.

    Herzliche Grüße,
    Ihr
    Jan Süselbeck

  • Stefan Mesch 2. Oktober 2010 at 21:49

    Lieber Jan Süselbeck,
     
    doch – das wird. Ich habe ein gutes Gefühl! Und auch Ihr Theweleit-Tipp hilft – dann hatte ich DIESES Buch Alexander Kluge zugeschrieben – nicht Schmidts Original. Genau.
    Was, denken Sie, hat den Austeiger/Ex-Piloten an ZT fasziniert? Ist das ein… naheliegendes Milieu, für Schmidts Bücher? Wer las das, in den 80ern? (Und wer liest es heute?).
    (Schön, dass Sie schrieben! Herzliche Grüße zurück!)
    STEFAN

  • Ann Cotten 4. Oktober 2010 at 19:32

    Sie schreiben aber schön, Jan Süselbeck. Es ist eine Freude zu lesen. Stefan, Wiederbegegnung auch sehr angenehm. Zu Theweleit und Kluge wollte ich mitplaudern. Ein dickes, interessantes Buch über quasi alles habe ich von ersterem in einem guten Antiquariat in Göttingen begeistert gekauft. Danach lag es lang am Klo. Mir hatte die assoziative Denkweise, das Querschießen gefallen, und ebendas ließ mich dann, sozusagen, alleine sitzen: es war wirklich beliebig. Es ging nicht weit genug. Es war wohl in einer Zeit entstanden, in dem es sich wohl so radikal anfühlte, sich überhaupt ins Kanalsystem des Hirns zu wagen, dass man bloß ein paar Schritte machte, wieder raus ging und dann groß herumerzählte, man wäre da drin gewesen (und ein Buch drüber geschrieben).
    Die Welt war tatsächlich fester vor dem Internet. An deinem Posting, Stefan, ist es schön zu sehen, dein Kopf, und meiner auch, sind angeschlossen an ein kommunizierendes System von Virtualität. Die Grenze, die zwischen mir und der Natur, oder dem Asphalt, der Luft, diesen Sachen halt, besteht, besteht nicht zwischen mir und Texten, Ideen, Webinhalten, Namen, Vorstellungen. Je mehr ich mich an diesen nichtmateriellen Dingen orientiere, deren Substanz nicht zu unterscheiden ist von den nichtmateriellen Dingen in meinem Kopf, – naja, desto weniger kann ich mir vorstellen, wieviel absonderliche Arbeit es einmal bedeutete, sich eine solche virtuelle Umgebung zu schaffen. Verklemmtheit hin oder her, der Fleiß erscheint lächerlich. Das wirft ein gewisses Licht auf mich…
    (ich sag nicht uns, um niemandem was unterzuschieben)
     
    Das steinerne Herz, glaube ich, habe ich angefangen, und weil ich Natur mag, Details mag, mochte ich den Anfang, doch sobald die erste Frau unter die Glotzer des Erzählers kam, war die Atmosphäre irgendwie im Eimer.
    Bin doch sonst nicht so empfindlich! Nicht auf Feministische Belange. Deswegen glaube ich, es steckt ein ästhetisches Problem dahinter. Die sprachlichen Veitstänze bei Erscheinen eines Weibs offenbaren ein Können in der bösartigen Groteske, das vielleicht auf besser ausgewählte Feinde angewandt sehr nützlich hätte gewesen sein können.
    Und das ist vielleicht der durch Jahrzehnte herausdestillierte Vorwurf, den unsereins an die Generation Schmidt, Theweleit, Kluge etc. machen könnte: die Beliebigkeit. Sie haben Kunst gemacht, indem sie sich gehen haben lassen und das dokumentiert – noch als längst niemand mehr in irgendeiner Weise die freie Entfaltung ihres selbst hemmte. Ihr Subjektivismus ist ein Brei – wie soll das Subjekt sich selbst fühlen, wenn seine kleinste Regung gilt? Wie soll es sich auch nur selbst darstellen, wenn es sich nicht teilt, um sich selbst zu verstehen, ordnen, fallweise auch kontrollieren? Eigentlich haben die, in ihrem Ausschwärmen, die Welt subjektiv zu durchschwimmen, die Welt (für uns) abgeschafft; zumindest in einige Entfernung verfrachtet.