Mal ganz ehrlich: „Zettel’s Traum“ hatte ich zuletzt vor einigen Jahren aus dem langsam zerfallenden Pappschuber gezogen, als es darum ging, eine konkrete anderswo zitierte Stelle zu überprüfen. Das ist das Problem mit einem Mehrkilobuch im Überformat, das eigentlich nur deshalb im Regal steht, weil es während des Studiums einmal halbwegs billig zu haben war. Damals, Mitte der Neunziger, war mir allmählich klargeworden, daß die seinerzeit noch im Haffmans Verlag publizierte „Bargfelder Ausgabe“ der Werke ungeachtet des monotonen Prospektvermerks „in Vorbereitung“ nicht so rasch mit einem gesetzten Exemplar würde aufwarten können. Und wenn es denn doch einmal klappen sollte, dürfte es kaum preiswerter werden als im Antiquariat.

Beides stimmte. Das Warten zog sich noch anderthalb Jahrzehnte hin, und selbst die broschierte Studienausgabe kostet jetzt fast 200 Euro und umgerechnet damit einiges mehr, als ich damals in D-Mark bezahlt habe. Aber nun könnte „Zettel’s Traum“ wirklich benutzbar werden, denn der erste Eindruck eines der vier „Hefte“ – wenn man das Wort angesichts einer jeweiligen Stärke von beinahe 400 Seiten gebrauchen darf – wird bestimmt von einer geradezu sagenhaften Leichtigkeit.

„Zettel’s Traum“ einmal auf den Knien liegen zu haben, ja, es sogar aufgeschlagen in der Hand halten zu können, das ist das seltsamste Lesegefühl der Welt. Und ein gutes, weil es häufigen Gebrauch verheißt. Die nochmals um 100 Euro teurere Standardausgabe habe ich noch nicht gesehen. Vielleicht ist sie leseunfreundlicher und also „Zettel’s Traum“-gemäßer. Mir soll es egal sein, diesmal wird’s die Studienausgabe. Da ich zu Beginn der Bargfelder Ausgabe (als wegen Rechtsstreitigkeiten der Arno Schmidt Stiftung mit dem Verlag S. Fischer Abnahmepflicht für die einzelnen bei Haffmans erscheinenden Werkgruppen bestand) schon einmal auf die preiswerte Studienausgabe gesetzt habe, ehe ich später dank festerem Einkommen auf die häßlich dunkelbraun gebundenen Bände überging, macht der Wechsel im Regal nicht viel aus. Nur das blasse Grau der Deckelkartons hätte sich Suhrkamp bei den Broschüren sparen können – das alte Gelbbraun von Haffmans war weitaus schöner. Dafür ist der neue Schuber prachtvoll geworden: Ihn ziert ein Blätterwald. Und das steckt ja auch drin.

Natürlich muß ich mich an Äußerlichkeiten der gesetzten Ausgabe halten, denn um nochmals ehrlich zu sein: Über Seite 116 bin ich noch nicht hinaus gekommen. Und das hat schon an die zehn Stunden Lektürezeit gekostet, denn es geht ja um den Vergleich eines legendären Buches, das 1970 vom Stahlberg Verlag als Faksimile der gewaltigen Din-A-3-Manuskriptblätter (die „Zettel“) von Arno Schmidt veröffentlicht wurde und nun nach einem Vierteljahrhundert Arbeit auch als gesetzte Fassung erscheint; sprich ohne all die handschriftlichen Ergänzungen, die Schwärzungen, kleinen gezeichneten Symbole – mit Ausnahme von Karten oder Schemata, die beim besten Willen nicht mittels des eigens von Friedrich Forssmann hergestellten Schriftfonds reproduzierbar waren. Auf den bisher knapp mehr als 100 gelesenen Seiten betrifft das aber nur zwei Skizzen: gleich zu Anfang die topographische Darstellung des Schauerfelds, wo der längere Gedankenspaziergang der vier Protagonisten beginnt, und dann ein weiterer, winziger Situationsplan auf Seite 61.

Doch nun zur wichtigsten Modifikation: den entfallenen Schwärzungen. Schmidt hat das meist dreispaltige Manuskript, wie es sich gehört, vor dem Druck redigiert, und natürlich sind dabei alle Streichungen ebenso sichtbar geblieben wie die Ergänzungen. Der einzige Kompromiß an Lesezugänglichkeit war der konsequente Gebrauch eines besonders dicken Schwarzstiftes für die Löschungen, um nicht zum Entziffern der entfallenen Passagen einzuladen. Das hatte aber zur Folge, daß die markanten Schwarzflächen in „Zettel’s Traum“ zum elementaren Bestandteil dessen wurden, was man gemeinhin Buchgestaltung nennt b- auch wenn sie hier nur der Not wegen solche Form fanden. Sie zu eliminieren ist im Sinne der angestrebten „Leseausgabe“ konsequent, aber dennoch ein nicht nur ästhetischer Verlust. Schmidt hätte ja bei den nachfolgenden Typoskriptbänden, von denen er jeweils bei Niederschriftbeginn schon wußte, daß sie in der Form erscheinen würden, die er beim Verlag abgab, auf solche Korrekturen verzichten und etwa die Seiten neu zusammenkleben oder gar jemand anderen neu abschreiben lassen können (finanziell war das in den siebziger Jahren dank Reemtsma-Unterstützung drin), aber er tat es nicht. Der einzige Typoskriptband ohne markante Löschungen ist „Julia oder Die Gemälde“, über dem der Autor starb, so daß er nichts mehr am Fragment gebliebenen Roman korrigieren konnte. Die Werkstattanmutung ist also Teil seines Programms geworden, und sie wird „Zettel’s Traum“ ausgetrieben.

Nun war das bei den anderen entsprechenden Bänden der Bargfelder Ausgabe, den längst erschienenen „Abend mit Goldrand“ und „Die Schule der Atheisten“, auch so gewesen, doch der Mythos von „Zettel’s Traum“ als erstem Werk dieser Art ist ein Sonderfall. Hier schmerzt die Sache. Wobei man den Editoren zugute halten muß, daß sie die bekannte Passage, in der Schmidt nach dem Herzanfall eines seiner Protagonisten gleich das ganze obere Viertel einer Seite blockweise schwärzte, auch so belassen haben (dorthin habe ich dann doch einmal vorgeblättert). Mein schmidtfanatischer Kollege Tilman Spreckelsen, dessen Rezension der Neuausgabe morgen in der F.A.Z. zu lesen sein wird, hat bei der Arno Schmidt Stiftung in Erfahrung gebracht, daß man anhand der ja lückenlos erhaltenen Typoskriptblätter überprüfen konnte, ob dort vor der Schwärzung Text gestanden hat – es war das einzige Mal in einem solchen Fall nicht so. Also ist hier das Schwarz von Beginn an gewollt gewesen: als typographische Schicksalsverdunkelung, und somit blieb es auch in der gesetzten Fassung. Das versöhnt.

Und wie liest’s sich jetzt? Nicht leichter als zuvor, wenn man von Gewicht und Handhabbarkeit absieht. Das zeigt schon die notwendige Lektürezeit, die ja nur dem Vergegenwärtigen einer bereits bekannten Handlung gilt, nicht einem ersten Eindruck (obwohl natürlich jetzt endlich das erfolgen kann, was im Original undenkbar war: eigene Notizen am Rand, die ein wirkliches Arbeiten mit dem Buch gestatten werden – und das verzögert manches!). Schmidts angewandte Etymtheorie ist nicht gewöhnungsbedürftig – daran kann man sich schon aus Widerstand gegen die Überinstrumentalisierung der Psychoanalyse gar nicht gewöhnen –, aber Routine hilft beim Lesen. Die ist auf Seite 116 immer noch nicht eingetreten. Und es liegen noch mehr als 1380 Seiten vor mir. Ja, es sind mehr Seiten geworden als im Original, obwohl auf Seite 116 beide Textfassungen noch fast parallel laufen: Wunder des Umbruchs, dem es tatsächlich gelang, sowohl das in der Randglosse von Zettel 55 untergebrachte Gedicht genau am Ende der gesetzten Seite enden zu lassen wie auch schon zwei Seiten später die Parallelführung der geschilderten Entkleidungen der beiden Damen Jacobi in der Mittelspalte. Auch die antik anmutende Rezitation vom Zettel 75 wird in der neuen Fassung nicht durch einen Seitenwechsel unterbrochen. Es dürfte spannend zu sehen sein, ob diese große Kunst der Bewahrung von unmittelbarem Sinn-und-Formzusammenhang durchgehalten werden kann.

Aber was wird das alles dauern! Gut, daß Schmidt – um doch eine einzige Lesefrucht des Anfangs zu zitieren – zu dem Satz „Liebe-Wilma; darf ich, einleitend, darauf hinweisen : wieviel Meister POE aus eben=unserm STEPHENS entnommen hat, für seine Träumungen?“ in der rechten Randglosse anmerkt: „(jetz müßt Mann ein DIN A2=Blatt haben!)“. Dank seiner Schreibmaschine ging das nicht, welch großes Glück.

Andreas Platthaus, geboren 1966 in Aachen, lernte im Jahr 1982 zwei für ihn bedeutende Phänomene kennen: den Donaldismus und Arno Schmidt. Nach einer Banklehre und dem Studium der Rhetorik, Philosophie, Geschichte und Betriebswirtschaftslehre wurde er 1997 Redakteur im Feuilleton der F.A.Z. ; heute leitet er dort die Wochenendbeilage „Bilder und Zeiten“. Mehrere Buchveröffentlichungen, darunter ein Roman („Freispiel“, 2009).

Kommentare
  • Giesbert Damaschke 1. Oktober 2010 at 11:19

    > des eigens von Friedrich Forssman hergestellten Schriftfonds

    oh, Forssman ist unter die Köche gegangen ;-)

  • Guido Graf 2. Oktober 2010 at 09:13

    „das ganze obere Viertel einer Seite blockweise schwärzte“: vgl. Laurence Sterne: Tristram Shandy, p. 70