Erinnerung, sprich (III)

„ ­–) : ‚Nòch I offenes Wort Dän : hat nicht Dein FREUD die ‚wilde‘, oder auch die ‚LaienAnalyse‘, imgrunde verurteilt? Und so was Ähnliches stellsDu doch hier an: ?‘“

Jörg Drews formulierte in seinen Notizen zur Lektüre von „Zettel’s Traum“, die im nächsten „Bargfelder Boten“ ausführlich nachzulesen sein werden: „Per Psychoanalyse kommen auch die Deuter in die psychoanalytische Hölle: ein Riesen-Karussel!“

Ja, Küchenpsychologische Untersuchungen oder gar Selbstanalysen anzustregen, ist riskant. Aber in welche aussichtslose Situation hatte ich mich als „Arno-Schmidt-Stipendiat“ da in Cordingen eigentlich begeben?

Nun saß ich zwar nicht direkt in Bargfeld – aber in Wahrheit gar nicht so weit davon entfernt, in einer noch dazu nur unwesentlich von Schmidts berüchtigter „Hundehütte“ zu unterscheidenden Klause, mitten auf dem platten Land. Es gab nicht einmal eine Kneipe in Cordingen ­– oder sagen wir so: Alles, was dem entfernt ähnelte, betrat man lieber gar nicht erst, um nicht in einer jähen Tiefendepressionen zu versinken.

Hand auf’s Herz: Waren Sie schon einmal in Walsrode im Kino? Guido Graf, der in der Nähe lebt und mich damals manchmal zu sich einlud, nahm mich einmal dahin mit. Wir sahen „Matrix reloaded“ von den Wachowski-Brüdern. Die unendlich vielen bösen Buben in diesem Streifen heißen alle Smith.

Ein einziger Kinobesuch in einem Dreivierteljahr Cordingen: Die Matrix um das „Müllerhaus“ lag abseits der Welt, und es glich nicht einmal Thomas Bernhards komfortablem Vierkanthof in Ohlsdorf nahe Gmunden, Österreich. Ich hatte kein Auto. Zum Bahnhof ging ich eine Stunde zu Fuß durch den Wald und die Felder, wenn mich nicht Claudia Neuhausen, die Frau aus dem örtlichen Waldorf-Kindergarten, einmal wieder gütig in ihrem riesigen Mercedes dahin chauffierte.

Let’s face it: Das hier war ganz einfach der Arsch der Welt! Es gab in der Wohnung natürlich keinen Fernseher. Das wäre ohnehin der sofortige Tod meiner Studie gewesen. Da war nur ein altes Telefon. Ich hatte einen ollen Kühlschrank mit dem Fleisch und dem Bier, viel Kaffee und einen gebrauchten Laptop mit notdürftigem Modem-Mail-Anschluss ans Internet. Nebenan, im Gebüsch, dräute die vermoderte NS-Rüstungsindustrie.

Ich war jetzt also wirklich ganz alleine zuhause, herumhockend vor dem Stehpult mit dem HEILIGEN BUCH „Zettel’s Traum“. Wie hält man so eine Klausur aus? Man beginnt zu lesen, und man schreibt. Den ganzen Tag. Uhrzeiten spielen plötzlich kaum noch eine Rolle. Das hier hätte auch der Knast sein können oder eine Mönchszelle. Ganz egal. Ich begann, mich mit den Texten zu unterhalten und selbst welche zu produzieren. Im Grunde eine höchst bedenkliche Ausgangslage. Waren doch die Anreize für eine übertriebene Identifikation mit den untersuchten literarischen Protagonisten und ihren Autoren in meiner Situation allzu groß. Am Ende wähnt man sich selbst als „Solipsist in der Heide“ und als gnadenloser Misanthrop, umgeben von einer stumpfsinnigen Landbevölkerung wie in den Romanen Thomas Bernhards. Wahrlich keine gute Ausgangslage, um eine „wissenschaftliche“ Auseinandersetzung mit weltliterarischen Kunstwerken zu beginnen!

War ich jetzt am Ende selbst schon so einer wie Horst Leisering, der seinerzeit in die Heide zog, nur um Schmidt nahe zu sein? Oder gar ein irrer Kerl wie Konrad in Bernhards großartigem Roman „Das Kalkwerk“? Wie heißt es doch so schön in diesem düsteren Text über das hoffnungslose Aufschieben prioritärer Aufgaben, die Prokrastination der Schreibenden: „Die Schwierigkeit bestehe ja nicht darin, etwas im Kopf zu haben, im Kopf hätten alle das Ungeheuerlichste und zwar ununterbrochen bis an ihr Lebensende, das Ungeheuerlichste, sondern die Schwierigkeit sei, dieses Ungeheuerlichste aus dem Kopf heraus auf Papier zu bringen. Im Kopf könne man alles haben und tatsächlich habe auch jeder alles im Kopf, aber auf dem Papier habe kaum einer etwas, soll Konrad zum Baurat gesagt haben, sagt Wieser.“

Und selbst wenn man einmal angefangen hat, wirklich etwas zu verfassen – hat man dann noch genug Selbstdistanz für die Beantwortung der bangen Frage, ob das Niedergeschriebene überhaupt etwas tauge? „Während in den Köpfen aller Menschen das Ungeheuerlichste sei, sei auf ihren Papieren doch immer nur das Kläglichste, Lächerlichste, Erbärmlichste“. Tja.

Am späteren Abend trat ich meist erschöpft an den uralten Kassettenrekorder, den ich als einziges Medium in der Wohnung vorgefunden hatte und auch nutzte. Bis zum Einschlafen lauschte ich Bändern mit blechernem Sound, die mir der Scheeßeler Literaturkritiker und hilfsbereite Schmidt-Philologe Friedhelm Rathjen (heute Herausgeber des „Bargfelder Boten“) hatte zukommen lassen. Es waren Audio-Kassetten mit Aufnahmen obskurer Gitarristen und Musiker aus den 1970er-Jahren. Und natürlich entdeckte ich auch die „Beatles“ wieder neu für mich, die in „Zettel’s Traum“ ja gar nicht gut wegkommen:

„Father McKenzie, writing the words of a sermon that no one will hear. No one comes near. Look at him working, darning his socks in the night when there’s nobody there. What does he care? All the lonely people, where do they all come from? All the lonely people, where do they all belong?“

In solchen Situationen beginnt man tatsächlich, mit anderen Augen auf die Biografie eines Autors zu blicken. Jene unwägbare Chimäre, von der ich doch in meinem Grundstudium gelernt hatte, dass sie für den germanistischen Interpreten quasi tabu sei. Was machte Schmidt in solchen Schreib-Nächten? Was seine Frau? Wie monströs war das denn? Tatsache ist, dass damals, unter seinen Händen, das wahrscheinlich größte Fragment der Weltgeschichte entstand. Es wird dieser Tage ganz neu aufgeputzt vor uns liegen, damit wir einmal mehr darüber staunen können.

Kein Zweifel: Die Lektüre dieses endlosen Buchs und die eigene Schreib-Arbeit in Cordingen ging auch an mir nicht spurlos vorüber. Irgendwann klingelte dann sogar einmal das Cordinger Telefon, ungefähr so unwirklich wie zu Beginn von Sergio Leones großartigem Film „Once upon a time in America“, mit Robert de Niro in der Hauptrolle. Mein Doktorvater Peter Sprengel (FU) war dran. Man höre ja gar nichts mehr von mir, wie es mir denn gehe, wie weit ich denn sei? „Ich habe 350 Seiten“, antwortete ich. „Oh, dann sind Sie ja fertig!“

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