Hallo, Gesamtwerk? Ein Einstieg.

Wo habe ich Ethan Hawke zum ersten Mal gesehen? Wahrscheinlich in „Der Club der toten Dichter“ in den Neunzigern, im Feiertagsprogramm der ARD. Karfreitag? Samstag? Nachts? Ich weiß nicht mehr – so um den Dreh: Am selben Wochenende kam auch „Hamlet“ mit Mel Gibson. Die „toten Dichter“ waren Kitsch, aber „Hamlet“ war toll: Mir war der Plot noch neu und ich war überglücklich, dass ich ihn überhaupt verstand. Ich war 14.

Ein Jahr später sah ich Ethan Hawke noch einmal, im Kinofilm „Gattaca“, und dann noch einmal im Dezember 2000, in der Hauptrolle einer „Hamlet“-Neuverfilmung. Im Herbst 2001 stand Hawke dann zwischen meinen Amazon-Empfehlungen: Er hatte mit 26 einen Roman über das Liebesleben eines jungen Schauspielers geschrieben, „Hin und weg“; ich habe ihn gekauft, gelesen, sehr gemocht und an alle Freunde empfohlen. 4 von 5 Sternen! Ein schöner Zufall. Ein guter Fund.


Seitdem habe ich Hawke kaum noch in neuen Filmen gesehen – aber mehrmals im Jahr suche ich bei Amazon nach einem dritten literarischen Werk: 2003 las ich das Zweitbuch „Aschermittwoch“ (3 von 5 Sternen). Seitdem ist nichts mehr passiert. Ein Drehbuch Hawkes wurde 2007 für den Oscar nominiert. Uma Thurman hat sich von ihm scheiden lassen. Er hat das Kindermädchen geheiratet und eine zweite Tochter gezeugt. Aber neue Romane kamen nicht.

Schön immerhin, dass Hawke in einem Online-Interview erwähnte, sein eigenes Lieblingsbuch sei „Of Human Bondage“ von William Somerset Maugham: Ich kaufte den Klassiker im Sommer 2003 und las im Herbst in Hildesheim, in meinem ersten Semester. „Hin und weg“ hat mir gefallen, weil Hawke mit seinem Helden sehr hart ins Gericht geht: der junge Schauspieler ist unreif, jähzornig und hat seine tolle Freundin nicht verdient. Auch „Of Human Bondage“ folgt einem jungen  Künstler (ein Maler und Autor, weinerlich, naiv), auch hier gibt es eine tolle Freundin. Aber mit einem großen Unterschied:

Hawke spricht über die Fehler seiner Schauspieler-Figur. Der Held hat Brüche und Beschädigungen. „Hin und weg“ liest sich wie der (ehrliche!) Roman eines Menschen, der VIEL von der Welt hält, aber wenig von Narzissmus. Maughams Held ist ein noch größerer Trottel, viel blinder, selbstgerechter, nerviger – doch Maugham mag das. Er hält zu ihm: Die tolle Freundin ist ein unehrliches, billiges Stück, die Welt ist grau und schlecht, Maughams Protagonisten-Wurst braucht 400 Seiten, um erwachsen zu werden. Ein unsympathischer Erzähler in einem trägen, selbstgerechten Buch, 3 von 5 Sternen. Mittelmaß.

„Von DEM lese ich nichts mehr!“, sagte ich Alex in der Mensa-Warteschlange, „So eine Zeitverschwendung!“ Aber sie schüttelte den Kopf: „Kennst du Maughams ‚Theater‘? Lies das, bevor du so ein Urteil fällst! Maugham ist wirklich gut. Wenn du ihn aussortierst, wirst du ihm nicht gerecht!“

Ich hatte keine Lust, ein zweites „Of Human Bondage“ zu lesen – aber auch keine Lust, der böse Pauschalist zu sein, also las ich Maughams „Theater“, gleich in den Semesterferien: ein süffiges, schwungvolles Buch. Nicht toll geschrieben, aber ziemlich witzig, 4 von 5 Sternen. Ich hatte verstanden, was Alex in ihm sah. Und, besser: Sie konnte jetzt nicht mehr schimpfen und sich auf fremde Bücher berufen, die ich selbst nicht kannte. Mein Urteil stand jetzt auf einer stabilen, breiten Basis – Maugham ist flach, aber manchmal witzig. Kein Muss!

Doch dann tauchte er 2005 schon wieder auf: Die Süddeutsche Zeitung hatte „50 große Romane des 20. Jahrhunderts“ gewählt, Maughams „Der Magier“ war Nummer 34… ich biss mir auf die Zunge und las das mittlerweile dritte Buch – ein schäbiges, ein flaches, ein rotzdoofes Bauern-Theaterstück, 2 von 5 Sternen, ein Reinfall, ein Tiefpunkt, warum ist das ein Klassiker? Maugham und ich, wir haben uns nichts zu sagen. Noch mal falle ich nicht drauf rein! Genug ist genug. Schluss!

Seitdem habe ich tatsächlich kein neues Maugham-Buch gelesen. Und – immerhin – drei Dinge gelernt:

– Wer vor Autoren warnen will, MUSS mehr als ein (oder zwei) Romane von ihnen kennen.

– Zwei gute Bücher sind noch keine Garantie, aber zwei schlechte Bücher auch kein Todesstoß: Neue Bücher verdienen eine Chance. Besonders, wenn sie Empfehlungen sind!

– …und trotzdem darf ich, nach 1200 Seiten und beinahe 30 Stunden Lebenszeit mit dieser oberflächlichen, selbstverliebten Wurst laut sagen: „Nicht der beste Autor. Und niemand, den ich mag oder empfehlen kann!“

Sind wir für immer fertig, Maugham und ich? Fast. Denn beinahe jedes Mal, wenn ich den Namen sehe, taucht „Silbermond und Kupfermünze“ auf, Maughams bekanntester Roman. Ein Klassiker. Ein Welterfolg! Eines der Bücher, die man „gelesen haben muss„, und das darum (als Flohmarktfund, für alle Fälle) in meinem Regal steht: Kann ich? Soll ich? Muss ich sogar – bevor ich mir ein festes Urteil erlauben darf?

Oder bin ich vom Literaturkanon-Druck (in Sachen Maugham wenigstens!) befreit, nach einem Treffer und zwei großen Nieten? Egal, wie ich mich entscheide: Ich werde neue Freunde treffen, die mir andere Maugham-Bücher empfehlen. Ich werde Sätze hören wie „Aber die Kurzgeschichten! Die Kurzgeschichten! Den Rest kann man ruhig ignorieren – aber das musst du kennen! Das waren doch seine Meisterstücke.“

Maugham verfolgt mich wie ein träger, aber ausdauernder Zombie. Und jedes Mal, wenn ich eine Tür zuschlage und verrammle, fragt mich jemand: „Hallo? Ist das dein Ernst? Du Pauschalist! Du willst ihn aussperren? Jetzt gibt ihm doch mal eine Chance! Sei nicht dogmatisch, wenn du noch so wenig seiner Bücher kennst!“

Maugham ist nur einer dieser Zombies: Meine ersten Bücher von Tobias Hülswitt, Kenzaburo Oe, von Douglas Coupland oder Susanne Heinrich – Autoren mit guten Kritiken, großen Leserschaften, medialer Aufmerksamkeit – haben mir nicht gefallen. Die zweiten auch nicht.  Und viele dritte, vierte stehen trotzdem griffbereit im Regal: Noch eine Chance? Noch eine Chance? Wirklich? Vielleicht. Ja? Muss ich? Will ich? Eigentlich schon. Früher oder später.

Wäre ja mies, wenn nicht!

Nur schade, dass Ethan Hawke nie Arno Schmidt empfahl. Und, dass das viele Maugham-Lesen so viel Zeit für andere Bücher stahl: Von Arno Schmidt kenne ich bis heute nichts. Empfohlen wurde er mir von keinem.

Aber „Schauerfeld“ läuft ja noch drei Monate lang: Mal schauen, wie weit wir kommen – Arno und ich.

Und wie viele Bücher ich von ihm lesen muss, bevor ich weiß, was von ihm zu halten ist.

Stefan Mesch, geboren 1983 in Sinsheim (Baden), schreibt für die ZEIT, den Berliner Tagesspiegel und literaturkritik.de. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „BELLA triste“, Editor des „Kulturtagebuch“-Projekts, und Mitveranstalter von „PROSANOVA“, dem Festival für junge Literatur. Seit 2009 schreibt er „Zimmer voller Freunde“, seinen ersten Roman.