Erinnerung, sprich (II)

Wenn man Zitate aus Zettel’s Traum (ZT) abtippt, erinnert man sich gleich wieder schmerzlich, wie anstrengend das eigentlich ist. Jedenfalls dann, wenn man dabei keine Fehler machen will. Und wenn man sich schon bei den zwei, drei Zeilen hier so konzentrieren muss, ohne zu wissen, woher man den accent grave für das "ä" in dem Wort "Männer" kriegen soll – wie zermürbend muss das bei den Tausenden von Normalseiten erst für den Setzer Friedrich Forssmann gewesen sein:

„‚Dem Herrn bitte noch I ‚Alte Kanzlei‘; aber n richtjn Whizzky=tumbler : was für Männer, gelt Paul?‘ / (Und beide lächelten : Sie, OLD=CUNT=SLY, sprungdecklich=tausendgüldenschnittig;)“

Jaja, der Alkohol. Kurt Jauslin hat in seiner immer noch lesenswerten Studie „Der magersüchtige Leviathan. Essen und Trinken im Werk Arno
 Schmidts – ein Versuch zur Mythologie des Alltagslebens“ (1998) darauf hingewiesen, dass in ZT tatsächlich immer nur die Figur Paul saufe: Er verkörpert offenbar eine Art Es-Instanz im Text, in den zusehends Exzesse hineingeschrieben werden, die sich der Autor Schmidt wegen seiner Herzkrankheit im Laufe seiner Arbeit am Roman selbst wohl immer weniger leisten konnte. Paul säuft also stellvertretend, und laut Jauslin nicht unbedingt nur für Daniel Pagenstecher, der Alkoholisches im Roman konsequent ablehnt.

Auch der Cordinger Stipendiat musste gleich zu Beginn lernen, dass Maß halten und die gute, alte protestantische Selbstdisziplin manchmal besser sind, will man nicht in unangenehme Situationen geraten. Unvergessen bleibt der Morgen nach meiner ersten Nacht im Müllerhaus. Ich hatte trotz der bedrohlich klappernden Warnau-Mühle, die unweit meiner Unterkunft unablässig knackte und knarzte, sogar relativ gut einschlafen können. Allerdings hatte ich auch, die Worte Kollege Schwagmeiers noch im Ohr, davor noch einen klitzekleinen, vielleicht aber doch etwas zu ausführlichen Test der regionalen Biersorte durchgeführt.

Zufälligerweise war just am folgenden Morgen im Untergeschoss des Hauses ein Vortrag eines lokalen Senior-Hobby-Schmidtforschers namens Horst Leisering anberaumt, den zu meiner Verblüffung in dieser Einöde immerhin 10 bis 20 zum Großteil ebenfalls ältere Zuhörer frequentierten. In meinem Kopf wütete auch noch nach den ersten, hastig heruntergestürzten Kaffees ein hartnäckig pochender Schmerz. Und nun musste ich wohl oder übel da runter, mich als neuer Stipendiat vorstellen und nach Möglichkeit mit diskutieren! Sowas, hatte ich mir sagen lassen, erwartete man von mir vor Ort.

Plötzlich fand ich mich dort also unter lauter weißhaarigen Männern wieder, die mich zu meiner Überraschung nicht alle unbedingt ganz freundlich begrüßten, ja teils sogar mit demonstrativ heruntergezogenen Mundwinkeln musterten. Handelte es sich doch offensichtlich um jene Leser-Klientel, die Schmidt bis heute streng identifikatorisch und biografistisch liest, deshalb auf das Frühwerk des Meisters schwört, in dem die 1950er-Jahre so beschrieben worden seien, „wie sie auch bei uns zu Hause damals wirklich waren“ – und die um ZT folgerichtiger Weise geradezu trotzig einen großen Bogen macht, weil Schmidts Literatur da definitiv zu abstrakt werde.

Ich musste darüber hinaus feststellen, dass es unter Leiserings rüstigen Zuhörern deshalb eher zum guten Ton zu gehören schien, schnöselige „Germanisten“, also mich, höhnend abzulehnen. Gehörte ich doch angeblich zu jenen, die zum Beispiel nicht einmal in der Lage seien, die „wirkliche“ Ahldener Adresse des „Hauses Thumann“ aus Schmidts „Historischen Roman aus dem Jahre 1954“, Das steinerne Herz, herauszufinden.

Derartige literaturwissenschaftliche Prämissen zur Erforschung eines literarischen Werkes waren mir, von der Freien Universität Berlin her in die Lüneburger Heide kommend, in der Tat fremd. Doch damit nicht genug: Kaum hatte ich taumelnd am Tisch Platz genommen, den Leisering wie bei einem Kaffeekränzchen im Altersheim mit frisch geernteten Eicheln und Plätzchentellern liebevoll dekoriert hatte, pflaumte mich ein glatzköpfiger Herr an, der sich meiner Erinnerung nach als „ehemaliger Bremer Kultursenator“ ausgab: Was ich denn eigentlich und bitteschön gedächte, für die mir so großzügig gewährte „Gratis-Versorgung“ durch mein Stipendium der Gesellschaft als „Gegenleistung“ zu erbringen?

Ich brauchte dringend einen Drink. Sollte das nun in den nächsten Monaten hier immer so weiter gehen? Tauchten solche Typen nun künftig regelmäßig auf? Wie sollte ich da überhaupt zum Schreiben kommen? War es doch ein Fehler gewesen, sich auf dieses Himmelfahrtskommando in der Heide einzulassen?

Mühlenhof