Erinnerung, sprich (I)

Müllerhaus 1

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Nun ist es also tatsächlich soweit. Einmal mehr die Beschäftigung mit diesem Oschi von einem Buch! Gleich beim ersten Durchblättern der von Suhrkamp verschickten Druckfahnen des Beginns von Zettel’s Traum fiel mein Blick auf folgende erregende Textstelle:

„-) : ‚Fleisch ! : Fleisch ! –‘ stöhnte Paul : ‚ch hab auf einma’n Waren Vùlvs=Hunger!‘ / – : ? / ­–): ‚Achirgndwas; mit phil Culorien drin : Büxenfleisch meinthalbm. Uppeteat uff Ghoularsch.‘“

Genau. Erinnerung, sprich: Verstockt durch die Vollwertkost, mit der uns meine Mutter in den 1980er-Jahren im Straelener Pfarrhaus am Niederrhein verzweifelt gesund zu halten versuchte, kam ich nach meinem Berliner Germanistik-Examen mit einem Gnaden-Mini-Stipendium der Arno Schmidt Stiftung nach Cordingen: ein bedrückendes Straßendorf in der Lüneburger Heide, in dem Schmidt unmittelbar nach dem Krieg für einige Jahre als Dolmetscher für die britischen Besatzungsbehörden arbeitete. Das „Müllerhaus“, eine hübsche Fachwerkbude an der Warnau, gegenüber von einem Schotter-Parkplatz, auf dem früher mal das Haus stand, in dem Schmidt und seine Frau Alice mit einigen anderen „Umsiedlern“ hausten, wurde für ein knappes Jahr mein Zuhause. Dort durfte und sollte ich meine Dissertation über Arno Schmidt und Thomas Bernhard schreiben – in vielerlei Hinsicht für mich damals ein hochinteressanter Selbstversuch und eine quasi letzte Chance zur Promotion.

Zum Glück gab es in der Nähe einen Supermarkt mit Fleischtheke; auf der anderen Seite des Hauses war nur noch der dichte, tiefe Wald mit einem Warnschild, man solle die Wege nicht verlassen: Es drohten offenbar explosive Rückstände der früheren NS-Rüstungsindustrieanlage „Eibia“ im Unterholz. Bitterstes Niedersachsen also: SS-Volkstums-Sprüche an den hölzernen Dachfirsten der verbliebenen Bauernhöfe rundum, Abwassergestank aus dem Untergeschoss meiner Stipendiatenbude ohne eigene Wohnungs-Verschließmöglichkeit. Irgendwie ungut: Nicht nur ich hatte den Schlüssel zur Haustür im Untergeschoss, wo sich auch eine kleine Schmidt-Ausstellung und Gemeinderäume bzw. -Klos befanden, sondern wohl auch irgendwelche Cordinger Bauern, Honoratioren, Hochzeitsgesellschaften – was wusste denn ich, wer da alles reingerannt kommen konnte!

Doris Plöschberger (heute Lektorin bei Suhrkamp) und Uwe Schwagmeier (mittlerweile Dozent an der Uni Oldenburg), die vor mir diese bizarre Erfahrung auch schon gewagt hatten, warnten mich eindringlich: Du kannst da wegen der ganzen unheimlichen Geräusche sowieso nur einschlafen, wenn Du ordentlich einen im Tee hast, meinte Uwe. Und Doris menetekelte nicht weniger beunruhigend, wenn man in der Badewanne liege, könnten schon mal betrunkene Niedersachsen vom Dorffest oder ganze Grundschulklassen samt Lehrerin reinplatzen, wenn man Pech habe.

Egal: Ich war Ende 20, ich brauchte die gewährten 600 Euro im Monat, um endlich einmal ungestört schreiben zu können, und das alles konnte mich nicht schocken. Allerdings beschwerte sich bald meine damalige Berliner Freundin lachend: Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich in dieser Zeit merklich und rapide zuzunehmen. Der Grund: Tagtäglich rannte ich nach einer ersten Schreib-Schicht, die oft Morgens bereits gegen 5 Uhr begann, gierig hinüber in den Supermarkt, kaufte Unmengen von billigen Würsten, Hackfleisch und Schweinesteaks inklusive Hektolitern erschwinglichen Bieres und brutzelte mir, nachdem ich schnell nochmal im Nitroglyzerin-Wald joggen war, um die Gedanken zu ordnen, mein krasses Hartz-IV-Mal, das damals noch gar nicht so hätte heißen können.

Ja, Arno Schmidt machte mir großen Hunger. Abends sah mein „Feierabend“ in der Regel wie folgt aus: Ich öffnete feierlich eine erste Flasche Bier, trat an das Stehpult, auf dem ich Zettel’s Traum sachgerecht aufgebahrt hatte, und begann bei 60-Watt-Lampenschein zu lesen. Daneben ein Notizbuch, das ich noch heute hüte wie meinen Augapfel – und ich las, wie andere Leute abends den Fernseher anschmeißen, um „abzuschalten“: mit Knackwürsten und Bier ohne Ende. Besonders faszinierte mich deshalb auch das dauernde Fressen und Saufen in diesem Buch. Irgendwie begann sich das, was ich da las, mit dem, was ich selbst konsumierte, durchaus lustvoll zu vermischen.

Keine Sorge, Frau Radisch: Ich habe das alles in einem ausführlichen Kapitel meiner Dissertation eingehend analysiert. Insgeheim legt sich ja jeder Akademiker mit seinen Themen auch selbst auf die Couch. Das tiefe Nachdenken über solche Dinge kann allerdings gefährlich sein, lernte ich: Man kann urplötzlich magersüchtig werden, bulimisch, oder dick. Vielleicht auch Alkoholiker. Es blieb beim ersten Bierbauch-Ansatz. Damit lebe ich bis heute relativ glücklich weiter. Prost Mahlzeit!

Jan Süselbeck arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität Marburg, leitet die Redaktion von literaturkritik.de und schreibt als freier Autor u.a. für die taz, die Jungle World und konkret.