erstes Blättern im Schauerfeld, was mir dabei einfällt und was ich dann tue …

Ich liege auf dem Bett meiner Essener Wohnung, neben mir neue Bücher, und blättere in den Kopien von „Schauerfeld“, dem ersten Buch von Zettel’s Traum. Ich blättere nur, lese noch nicht, und bin hingerissen, bin beeindruckt von der typographischen Leistung Friedrich Forssmans, denn ich ahne nicht nur, ich weiß vielmehr, wie komplex, wie schwierig diese Arbeit gewesen sein muß … Und während ich die Seiten langsam, ganz langsam umblättere, während ich sie wie Einzelbilder betrachte, erinnere ich mich an Begegnungen mit Ernst Krawehl, Schmidts erstem Verleger und lebenslangem Lektor, der unweit von meiner Essener Wohnung gelebt hat … Auch heute, dreizehn Jahre nach seinem Tod, kann ich nicht an seiner ehemaligen Wohnung vorbeifahren, ohne zu denken: Hier hat er, der erste Verleger, der Lektor von Arno Schmidt gelebt, hier, in der Brunnenstraße in Essen. Noch vor ein paar Wochen habe ich einer Freundin von ihm erzählt, als wir mit dem Auto an der Ecke Hohenzollernstraße / Brunnenstraße vorbeigefahren sind …

Ich erinnere mich, während ich in Friedrich Forssmans typographischem Wunderwerk blättere, an Zufallsbegegnungen mit Krawehl in einer Buchhandlung auf der Huyssenallee, an ein Abendessen im Sheraton-Hotel, gemeinsam mit Hermann Wallmann, erinnere mich an den Briefwechsel, den wir hatten (das heißt: erinnere mich an seine langen Briefe) … Und ich erinnere mich, daß wir ihm nach seinem Tod im Jahr 1993 in Schreibheft 43 ein Dossier gewidmet haben, darin ein Gespräch, das Hartwig Suhrbier für den WDR geführt hatte, und Auszüge aus einem Briefwechsel mit Arno Schmidt aus dem Jahr 1957 … Angeregt durch mein Blättern in den Kopien von „Schauerfeld“, lese ich nach, was er im Gespräch mit Suhrbier über Zettel’s Traum sagt, ich zitiere: „Während des Schreibens von Zettel’s Traum wurde mir zwei- oder dreimal von Frau Schmidt gesagt: In diesem Jahr kommen Sie bitte nicht. Wir wollen meinen Mann gar nicht stören, der schreibt ja an dem großen Buch. Wenn jemand fragt, was er tut, dann sagen Sie, Arno Schmidt arbeitet. Wenn jemand fragt, ob Sie etwas Näheres sagen können, dann haben Sie doch bereits alles gesagt, Herr Krawehl. Was wollen Sie denn noch Weiteres sagen? Sie sagen immer wieder: Arno Schmidt arbeitet. Wer das nicht begreift, dem ist nicht zu helfen.“ … Und dann, ja, dann fahre ich zur Brunnenstraße, mit meiner Kamera, und mache Photos, und stelle mir dabei vor, wie Krawehl nach der Übergabe des Typoskripts in Bargfeld hier ankommt, sich in seiner dunklen Wohnung einschließt und das Typoskript von Zettel’s Traum zu betrachten, zu lesen beginnt … Ja, hier, in der Brunnenstraße in Essen, ausgerechnet in Essen, hat Ernst Krawehl gelebt, der erste Leser des Romans …


Norbert Wehr, geb. 1956 in Aachen, lebt in Essen und Köln. Herausgeber des „Schreibheft. Zeitschrift für Literatur“, Literaturkritiker.