Über Katrin de Vries

Katrin de Vries, geb.1959, Autorin

Arno Schmidt und der Rassismus. Und der Sexismus. Und. Und. Und

„Zettel’s Traum“ gibt Bilder von den Bewegungen des Geistes.
Der Geist ist unser Denken und unser Fühlen. Vor allem ist er unser Fühlen. Unser denkendes Fühlen. Also unsere Gier. Unsere Begierden. Unser Neid. Unsere Mißgunst. Unser Abscheu. Unsere Angst. Unsere Schwermut. Unsere Vorurteile.
Viel seltener ist unser denkendes Fühlen Leichtigkeit. Frohmut. Zuneigung. Gelassenheit. Genügsamkeit.
Und dieser Geist. Dieses denkende Fühlen ändert sich unablässig. Sogar wenn es sich festgefressen hat in der Schwermut womöglich ändert es sich unablässig.
In „Zettel’s Traum“ nun ist dieses unablässige Denken und Fühlen des Geistes in Worte und Zeichen gesetzt. Die Bewegungen des Geistes überlappen sich. Verzweigen sich. Verengen sich. Weiten sich. Und strömen unablässig weiter.

Zu den Bewegungen unseres Geistes gehört so manche Gehässigkeit Gemeinheit Bösartigkeit. Wir sprechen sie nicht unbedingt aus. Wir strahlen sie vielleicht nur aus.
Bei Arno Schmidt nun gibt es gehässige gemeine böse Sätze. Und schmerzhaft entblößende Sätze. Aber so ist unser Geist. So ist unser denkendes Fühlen.
Worüber könnten wir uns empören.

Die Eigenart der Hingabe

Als würde die deutsche Sprache noch einmal entstehen.
Als würde die deutsche literarische Sprache noch einmal hervorbrechen.
Als würde die deutsche Kunst in der Sprache noch einmal geboren werden.

Nun. Arno Schmidt hat während der Jahr über Jahr dauernden Arbeit an Zettels Traum kaum noch geschlafen. Hat kaum noch das Zimmer verlassen. Hat keinen Spaziergang mehr gemacht. Hat keinen Brief mehr beantwortet.
Er mag völlig verbissen gewesen sein. Ich-versessen. Und besessen. Besessen von der totalen Konzentration auf das Schreiben von Zettels Traum.
Im Akt des Schreibens aber. Im Tun. Im Vollzug des besessenen total konzentrierten Schreibens hat sich die Wandlung vollzogen. Der Vollzug des besessenen total konzentrierten Schreibens war ein Jahr über Jahr dauerndes sich Hingeben an die deutsche literarische Sprache.
Es war Hingabe.
Es war besessene konzentrierte Hingabe.
Und diese besessene konzentrierte Hingabe hat diesen Witz hat diese Leichtigkeit hat diese Zartheit und diese Anmut entstehen lassen.

Das ist eigenartig. Nicht wahr.
Eine besessene konzentrierte totale Hingabe führte zu diesem Witz. Zu dieser Leichtigkeit. Zu dieser Zartheit. Zu dieser Anmut.
Dieses Eigenart von Hingabe gibt es nicht in der Liebe. Aber es gibt sie in der Kunst.
Manchmal gibt es sie in der Kunst.

Katrin de Vries, geboren 1959 in Dollart, arbeitet als Schriftstellerin in ihrer Geburtsstadt. Veröffentlicht neben Prosa auch Theaterstücke und Comics.