Der große Dichter-Priester auf der Buchmesse

Wer wäre in der Gegenwartsliteratur als astreiner Prototyp jener Schriftsteller zu benennen, die Arno Schmidt in "Zettel's Traum" als "Dichter-Priester" (DP) so ausführlich vorführt? Das sind laut Daniel Pagenstecher jene Autoren, die mit dem "Zweiten Gesicht" kokettieren und in ihren Texten voller "gezierten Bombasts" und antimoderner Ressentiments auf die poetische "Intuition" schwören. Also auf etwas, das laut Pagenstecher "überwunden werden sollte" als "1 der niederen Stufen dumpf=unbewußter Fuscherei". Und zwar deshalb, weil diese Herren den Geist am allerliebsten ganz aufgeben und nur noch "automatisch schreiben" wollten, da "der echte Genius ja nicht wissen dürfe, wie die Einfälle" in ihrem "bißchen Schädel entstehen" (Typoskript-Ausgabe, Seite 16).

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Rassismus bei Arno Schmidt

Andreas Platthaus und Stefan Mesch sind in ihren letzten Diskussions-Beiträgen auf einer wichtigen Spur. Sexismus, reaktionäre Stammtischparolen und rassistische Ausfälle begegnen dem Leser bei Schmidt, als verstörende Tiraden neben gewissermaßen 'antideutschen' Statements gegen die nationale Politik von Adenauer & Co., wie ich sie in meinem letzten Posting bereits anzitierte, auf Schritt und Tritt. "Hat sich die Schmidt-Philologie dieser Peinlichkeit angenommen?", fragt Platthaus herausfordernd. Selbstverständlich hatte sie bereits zu Schmidts Lebzeiten daran zu 'knacken', wie es etwa auch die ersten "ZT"-Lektüre-Notizen von Jörg Drews belegen, die wie gesagt im kommenden "Bargfelder Boten" (BB) in Auszügen nachzulesen sein werden, in den mich Rathjen netterweise schon einmal hineinlinsen ließ.

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ZT-Kommentare zum „Tag der deutschen Einheit“

Heute Mittag habe ich beim Kochen im "Deutschlandfunk" die "große Rede" des Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) mit angehört.

Daraufhin suchte ich eben mein altes Cordinger ZT-Lektüre-Journal hervor, um die Stelle auf Seite 467 (Typoskriptausgabe) herauszusuchen:

: ! /: "Und wänn Ihr=Mich schteinicht: Deutschland iss mir unganz am liebstn.

Dann, auf Seite 468, selbe Diskussion:

…im Vergleich mit dem Wort 'Katholizismus' klingt 'Kommunismus' immer noch wie FREIHEIT !

Andererseits, Seite 470:

Zwischnein: die Moskauer LOMONOSSOF=Bibliothek, sei nunmehr die größte der Welt, mit ihren 15 Millionen Bändn ! / –: "Walte GOtt, daß es lauter verschied'ne sind"; (P gähnend)

Ach herrje, man müsste an der Stelle 'eigentlich' noch viel mehr zitieren, das artet aber wie gesagt schwer in Arbeit aus. Zum Abschluss trotzdem von der gleichen Seite noch dies hier, das ist dann fast schon wieder mit Adorno kompatibel:

– 'Deutsche Kunst' : wenn die Bürger ahntn, wie=dünn das Haar ist, an dem speziell dieses Aushängeschild schwankt !

Einen schönen 'patriotischen' Sonntag wünscht dann noch:

Jan Süselbeck

Erinnerung, sprich (III)

„ ­–) : ‚Nòch I offenes Wort Dän : hat nicht Dein FREUD die ‚wilde‘, oder auch die ‚LaienAnalyse‘, imgrunde verurteilt? Und so was Ähnliches stellsDu doch hier an: ?‘“

Jörg Drews formulierte in seinen Notizen zur Lektüre von „Zettel’s Traum“, die im nächsten „Bargfelder Boten“ ausführlich nachzulesen sein werden: „Per Psychoanalyse kommen auch die Deuter in die psychoanalytische Hölle: ein Riesen-Karussel!“

Ja, Küchenpsychologische Untersuchungen oder gar Selbstanalysen anzustregen, ist riskant. Aber in welche aussichtslose Situation hatte ich mich als „Arno-Schmidt-Stipendiat“ da in Cordingen eigentlich begeben?

Nun saß ich zwar nicht direkt in Bargfeld – aber in Wahrheit gar nicht so weit davon entfernt, in einer noch dazu nur unwesentlich von Schmidts berüchtigter „Hundehütte“ zu unterscheidenden Klause, mitten auf dem platten Land. Es gab nicht einmal eine Kneipe in Cordingen ­– oder sagen wir so: Alles, was dem entfernt ähnelte, betrat man lieber gar nicht erst, um nicht in einer jähen Tiefendepressionen zu versinken.

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Erinnerung, sprich (II)

Wenn man Zitate aus Zettel’s Traum (ZT) abtippt, erinnert man sich gleich wieder schmerzlich, wie anstrengend das eigentlich ist. Jedenfalls dann, wenn man dabei keine Fehler machen will. Und wenn man sich schon bei den zwei, drei Zeilen hier so konzentrieren muss, ohne zu wissen, woher man den accent grave für das "ä" in dem Wort "Männer" kriegen soll – wie zermürbend muss das bei den Tausenden von Normalseiten erst für den Setzer Friedrich Forssmann gewesen sein:

„‚Dem Herrn bitte noch I ‚Alte Kanzlei‘; aber n richtjn Whizzky=tumbler : was für Männer, gelt Paul?‘ / (Und beide lächelten : Sie, OLD=CUNT=SLY, sprungdecklich=tausendgüldenschnittig;)“

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Erinnerung, sprich (I)

Müllerhaus 1

© litplan.de


Nun ist es also tatsächlich soweit. Einmal mehr die Beschäftigung mit diesem Oschi von einem Buch! Gleich beim ersten Durchblättern der von Suhrkamp verschickten Druckfahnen des Beginns von Zettel’s Traum fiel mein Blick auf folgende erregende Textstelle:

„-) : ‚Fleisch ! : Fleisch ! –‘ stöhnte Paul : ‚ch hab auf einma’n Waren Vùlvs=Hunger!‘ / – : ? / ­–): ‚Achirgndwas; mit phil Culorien drin : Büxenfleisch meinthalbm. Uppeteat uff Ghoularsch.‘“

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