Ist „Zettel’s Traum“ ein „postmoderner“ Roman?

Guido Graf fragt, was an „Zettel’s Traum“ als „Bastelarbeit“ so „schmerzlich“ sei. Da steht eine Literatur-Kathedrale vor uns, aber irgendwie kommen wir immer nur in den Holzschuppen nebenan rein und dürfen ein bisschen an der Werkbank rumfummeln, andächtig die Werkzeuge betrachten. Und wer auch nur ein bisschen in dem Buch gelesen hat, muss wahrscheinlich auch schon wieder laut über den Satz lachen, den ich da jetzt hingeschrieben habe: Haha, da „steht“ also der sakrale Buch-Phallus vor uns, und man macht an den Geschlechtswerkzeugen rum, wie witzig, wie „verräterisch“! Weiterlesen

Anatomische Kenntnisse

Aus verschiedenen Gründen lese ich gerade Ernst Jüngers „Kriegstagebuch 1914-1918“, herausgegeben von Helmuth Kiesel. Es handelt sich dabei um jene Aufzeichnungen, aus denen Jünger sein 1920 erschienenes „Tagebuch eines Stoßtruppführers“ modellierte, „In Stahlgewittern“.

Am 11. April 1916 notiert Jünger: „In den Gärten fand ich einen Beckenknochen, an dem noch Fetzen französischen roten Tuchs klebten. Allmählich erwirbt man hier anatomische Kenntnisse.“ Weiterlesen

Pagenstecher als „nicht zu Ende geborener Mann“

Das „Campus horrorum“ als ein „Feld der Zeichen“ zu beschreiben, ist sicher erhellend. Es klingt aber auch nach dem etwas aus der Mode gekommenen, poststrukturalistischen Jargon. Deutungen in diesem Stil führten oft dazu, die zeitgeschichtlichen Anspielungen von Texten zu ignorieren. Doch gerade in diesem Sinne sind die letzten Beobachtungen von Guido Graf und Friedhelm Rathjen so wichtig: Die Stacheldraht- und Kriegsgefangenschafts-Motivik spielt seit dem Prosaband „Kühe in Halbtrauer“ in der Tat eine auffallende Rolle bei Schmidt, und dass „Zettel’s Traum“ ausgerechnet mit dem typografischen Symbolbild des Stacheldrahts einsetzt, durch den wir als Leser gewissermaßen in Pagenstechers unendliche, selbst auferlegte Kriegsgefangenschaft mit eintreten sollen, ist wohl wirklich kein Zufall. Weiterlesen

Zitat des Abends

„Ein Kunstwerk, das man nur 1 Mal zu sehen=hören braucht, um es erschöpfend erfaßt zu habm : das wäre kein KunstWerk ! –

(Nebenbei ein kurzer Stellenvergleich: ZT 112 im Typoskript, 113 in der neuen Ausgabe; Forssman hat die Unterstreichungen getilgt und stattdessen Kursivierungen verwendet, so wie hier wiedergegeben.)

Feld der Schrecken – kleine Presseschau am Sonntagabend

In der „Süddeutschen Zeitung“ hat Georg Klein am Samstag einen autobiografischen Vortrag über den (im Text origineller Weise nicht explizit genannten) „berühmten“ Roman „Zettel’s Traum“ publiziert, der mit der Feststellung endet, er, Klein, halte die im Buch verteidigte Etym-Theorie (auch sie wird im Artikel allerdings nicht genauer benannt) für einen „rechten Budenzauber“.

Als sei es ein Seitenhieb auf „schauerfeld.de“, erwähnt Klein zu Beginn seines Essays, die Hauptfigur des erwähnten Romans übersetze das Schauerfeld, auf dem die Handlung von Schmidts Riesen-Text bekanntlich einsetzt, ins Lateinische als „Campus horrorum“, wobei der Protagonist wohl darauf spekuliere, dass Leser, die Latein könnten, dies sogleich als „Feld der Schrecken“ ins Deutsche zurück übersetzten. Nicht unwitzig – denn wer will den himmelschreienden Quatsch, der hier bisher so ‚gebloggt‘ wurde, eigentlich noch lesen? Weiterlesen

Ideologiekritik

In der Buchmessen-Ausgabe der österreichischen Literaturzeitung "Volltext" lobt Alban Nikolai Herbst unter dem reißerischen Titel "Adel, der aufrecht blutet" das literarische Werk des demokratiefeindlichen Monarchisten Wolf von Niebelschütz, anlässlich einer Neuausgabe zweier Romane dieses dubiosen Autors im Zürcher Verlag "Kein & Aber". Thema ist in Herbst ausführlichem Essay unter anderem der angeblich tabuisierte "Heimatverlust" der "unmittelbaren Kriegsgeneration", den Niebelschütz zu Recht beklagt habe, und der wohlwollende Rezensent zitiert denn auch dröhnende Niebelschütz-Verse wie diese von 1946:

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