Über Andreas Platthaus

geboren 1966, Studium der Rhetorik, Philosophie, Geschichte und Betriebswirtschaftslehre, Donaldist und Arno-Schmidt-Leser seit 1983, F.A.Z.-Redakteur seit 1997, dort Leiter der Wochenendbeilage "Bilder und Zeiten"

Ach, die verderbte Jugend!

Stimmt, da gab es diesen Zettel 137 in der Originalausgabe, der mich damals schon aufgeregt hatte. Arno Schmidt, dieser literarische Revolutionär und produktionsästhetische Reaktionär, greift zum guten Ende des i. Buchs noch einmal tief in die Kiste seiner Vorurteile und läßt den Herrn Daniel Pagenstecher auf die arme sechzehnjährige Franziska Jacobi einteufeln, als wollte er sie etwas fürs Leben lehren (und genau das will er ja auch): „Jaleider Franziska. – Es ist Mir, (ebemso wie allen (& sei es nur etwas) Schau= und Denk=Fähijen), nicht unbekannt, daß bei Jugendlichen die Mentalität des – wie sagt Ihr, wenn Ihr unter Euch seid? – des ‚gammelns’? –“ / (Sie nikköpfte eifrig:!) / – „verbreitet ist & und immer noch zunimmt.“ Und so fort über – wie man dank des Zeilenzählers in der Studienausgabe von „Zettel’s Traum“ feststellen kann – noch sage und schreibe weitere vierzig Zeilen (vierzig ZT-Zeilen!). Da nahm der gute Schmidt, der sich die ganzen sechziger Jahre lang bei der Fron an seinem Hauptwerk abgeplagt hatte, kein Blatt vor dem Mund: Gammeln, das war für ihn das Schlimmste, was man sich so denken kann. Bis in die Preisrede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, den Schmidt 1973, also drei Jahre nach Erscheinen von „Zettel’s Traum“, erhielt, zieht sich dieses Gezeter gegen die verdorben-faulenzende Jugend. Und klar, daß ein nimmermüde Schuftender wie Schmidt auch keine Zeit hatte, den Preis persönlich abzuholen. Gattin Alice mußte seine Philippika vortragen und das Geld entgegennehmen.

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Mal ganz ehrlich: „Zettel’s Traum“ hatte ich zuletzt vor einigen Jahren aus dem langsam zerfallenden Pappschuber gezogen, als es darum ging, eine konkrete anderswo zitierte Stelle zu überprüfen. Das ist das Problem mit einem Mehrkilobuch im Überformat, das eigentlich nur deshalb im Regal steht, weil es während des Studiums einmal halbwegs billig zu haben war. Damals, Mitte der Neunziger, war mir allmählich klargeworden, daß die seinerzeit noch im Haffmans Verlag publizierte „Bargfelder Ausgabe“ der Werke ungeachtet des monotonen Prospektvermerks „in Vorbereitung“ nicht so rasch mit einem gesetzten Exemplar würde aufwarten können. Und wenn es denn doch einmal klappen sollte, dürfte es kaum preiswerter werden als im Antiquariat.

Beides stimmte. Das Warten zog sich noch anderthalb Jahrzehnte hin, und selbst die broschierte Studienausgabe kostet jetzt fast 200 Euro und umgerechnet damit einiges mehr, als ich damals in D-Mark bezahlt habe. Aber nun könnte „Zettel’s Traum“ wirklich benutzbar werden, denn der erste Eindruck eines der vier „Hefte“ – wenn man das Wort angesichts einer jeweiligen Stärke von beinahe 400 Seiten gebrauchen darf – wird bestimmt von einer geradezu sagenhaften Leichtigkeit.

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